Achtung, hier ist die Handy-Polizei!

Apple und Google zeigen uns neuerdings an, mit was wir unsere Zeit auf unseren Handys verbracht haben. Warum?

Ts, ts, ts, Emily war heute schon wieder über eine Stunde auf Facebook. Das zeigt die «Bildschirmzeit» von Apple. Foto: Apple

Ts, ts, ts, Emily war heute schon wieder über eine Stunde auf Facebook. Das zeigt die «Bildschirmzeit» von Apple. Foto: Apple

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Ich bin erwachsen, ein fleissiger Mehrwertschaffer, ein mündiger Bürger. Das dachte ich zumindest, bis kürzlich das Betriebssystem meines Handys in einer neuen Version verfügbar wurde. Seither habe ich einen persönlichen Polizisten im Hosensack, eine nervige Nanny, ja, ein richtiges Fräulein Rottenmeier, das all meine Aktivitäten überwacht.

Nun gut, so naiv, anzunehmen, dass unser Getippsel und Gewische auf unseren Handys nicht registriert und von Mark Zuckerberg oder einem anderen obsessiven Milliardär zu Geld gemacht wird, war wohl niemand. Aber mit dem neuen Betriebssystem des iPhone ist nun wirklich eine neue Qualität im kapitalistischen Überwachungs- und Verwertungszusammenhang erreicht: «Schau», sagt der Telefontschugger auf meinem Handy, «so viele Minuten hast du heute schon in den sozialen Netzwerken verbracht, nur so viele mit Lesen und Nachschlagen. Und nur gerade so lange warst du produktiv. Ts, ts, ts.»

Wer das nicht glaubt, aber sich auch ein wenig schlecht fühlen will, muss auf dem iPhone das neue System laden und unter «Einstellungen» die Rubrik «Bildschirmzeit» aufrufen. Und schon sieht man es auf einen Blick: Wie lange man in den sozialen Netzwerken wie Facebook hängen blieb, mit «Entertainment» und was weiss ich, seine Zeit verbracht und lustvoll vertrödelt hat.

Irgendwo findet man sogar die Zahl, wie oft man das Handy aktiviert hat. Gemäss einer Statistik werfen wir durchschnittlich 88-mal am Tag einen Blick auf das Handy. Und was, wenn man über diesem Durchschnitt zu liegen kommt? Ist man dann ein therapiebedürftiger Handy-Suchti, ein iPhone-Psycho – oder war man nur einfach ein paar Tage zu oft völlig unterfordert und gelangweilt im Zivilschutz?

Die Tech-Riesen verhalten sich ein wenig wie schizophrene Drogendealer.

«Ts, ts, ts, heute schon vier Minuten auf Instagram, wo soll denn das enden? Willst du heute mal wieder den Wochendurchschnitt knacken?» So geht das nun bereits seit einigen Tagen mit mir und meinem Handy. Und ich muss ehrlich sagen, dass mein Telefon mir etwas arg unsympathisch geworden ist. Selbstverständlich kann man die App deaktivieren oder das Schuldgefühl, das mit den Nutzerdaten verbunden ist (wie viele Twitter-Minuten wären eigentlich okay?), ein wenig dämmen, indem man Zeitlimits für die einzelnen Apps festlegt, die nach Ablauf gesperrt werden. Oder man nimmt gleich eine «Auszeit» von Twitter oder einer anderen Applikation.

Oh, Handy-Honey, wann ist unsere Beziehung so schwierig geworden, dass wir nun eine Auszeit voneinander brauchen? Und warum – zum Teufel – springen auch andere Techkonzerne auf Apples Entzugszug auf? Denn auch Google hat in einer Beta-Version eine App namens «Digital Wellbeing», für die man sich anmelden und in der man sich unter «Window down» eine tägliche Nutzungslimite festlegen kann.

Erst die Belohnungsreize, jetzt der Entzug – ja was denn nun?

So richtig versteht man den Erziehungstrip der Tech-Riesen nicht. Ja, sie verhalten sich ein wenig wie schizophrene Drogendealer: Erst machen sie uns mit allerlei Belohnungsreizen wie der brummenden Hosentasche oder dem kleinen Pling süchtig nach ihren Geräten, dann wollen sie uns mit aller moralischer Kraft («ts, ts, ts»), mit Auszeiten und Zeitlimiten zum Entzug nötigen.

Ja, was denn nun? Liebe Tech-Riesen, müsste es nicht in eurem Interesse sein, dass wir uns richtig gut fühlen, wenn wir eure Produkte nutzen? Oder anders gefragt: Wie weit fliegt eigentlich so ein Handy, wenn man es aus dem Fenster wirft, und wird seine Flugzeit dann in der Statistik unter «Entertainment» abgebucht? Ich frag ja nur.

Erstellt: 02.10.2018, 21:44 Uhr

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