Schwester, ich liebe dich, du blöde Kuh!

Niemand kann und darf uns so brutal kritisieren wie die Geschwister. Über die schmerzhafte, kostbare Ehrlichkeit unter Schwestern.

Geschwister beeinflussen einen mindestens so sehr wie die Eltern: Zwei Schwestern. Foto: Getty Images

Geschwister beeinflussen einen mindestens so sehr wie die Eltern: Zwei Schwestern. Foto: Getty Images

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Die Fotoalben meiner Familie erzählen hochglänzende Halbwahrheiten. Mal lege ich den Arm um meine kleine Schwester, mal quetschen wir unsere Gesichter aneinander, und dann gibt es noch eine ganze Serie von versuchten Küssen. All diese Momente setzen sich zu einem grossen Bild zusammen: Wir Schwestern als niedliche Pendants, die sich permanent herzen und busseln. Die halbe Wahrheit eben.

Zum Beispiel unser geliebtes Zahnputzritual. Da sassen wir mit gleichen Minnie-Maus-Nachthemden und Flechtzöpfen auf der Waschmaschine und zappelten mit den Beinen. Warm war es, weil meine Mutter immer daran dachte, die Heizlüftung rechtzeitig einzuschalten. Lustig, weil unser Vater mit Schaum vorm Mund eine Show abzog. Wir kicherten, bis wir uns verschluckten. Auch davon gibt es niedliche Bilder. Wie der Spass aufhörte, haben meine Eltern dagegen nicht festgehalten: Ich zeigte plötzlich auf das Muttermal auf dem Bein meiner Schwester und sagte «Kacka-Fleck». Ich war vielleicht vier, sie zwei Jahre alt. Zack, fing meine Schwester an zu weinen. Und dann zu schreien, zu schlagen und zu kratzen.

Das ist meine erste Erinnerung daran, wie ich sie verletzt habe. Ganz ohne sie an den Haaren zu ziehen oder sie zu fest zu knuddeln, nur mit einem einzigen Wort. Die letzte ist es nicht. Ich habe mich von innen gegen Türen gestemmt und «Du nervst!» geschrien. Dafür lachte meine Schwester, wenn ich hinfiel oder beim Ballettauftritt eine halbe Sekunde nach den anderen tanzte. Als sie zum ersten Mal einen alten BH von mir trug, taufte ich sie Erbsenbusen. Nachdem sie mich überholt hatte, bekam ich denselben Namen von ihr. Es fielen Ausdrücke, es knallten Türen. Und den Geldbeutel, den sie mir nie ausborgen wollte, habe ich heute noch.

In einem Moment wird gekuschelt, im nächsten geschlagen, gepetzt und geschrien.

Hätten unsere Eltern auch diese Seite ihrer beiden Töchter in Alben festhalten wollen, wären sie aus dem Sortieren und Kleben gar nicht mehr herausgekommen. Sie hätten Regal für Regal opfern und dann auf den Keller ausweichen müssen. Und sie würden heute noch Bilder hinzufügen. Denn unsere Beleidigungen wurden zuerst pubertär, dann erwachsen, aber die Radikalität bewahrten wir uns.

Würde ich mit meiner Mutter so sprechen wie mit meiner Schwester, wäre sie wochenlang beleidigt. Meine Freundinnen würden mich ghosten, mein Freund wäre mein Ex, und meine Kollegen hätten längst Vorgesetzte alarmiert. Aber zwischen meiner Schwester und mir ist alles in bester Ordnung.

Diese Beziehung ist eben eine besondere. Kinder verhalten sich Erwachsenen gegenüber ja auch launisch, Geschwister aber sind untereinander mindestens bipolar. Sie kennen nur Extreme: In einem Moment kuscheln sie sich innig auf dem Sofa zusammen. Im nächsten schlägt, schreit oder petzt einer. Aus Geschwistern werden ganz plötzlich Feinde und dann wieder Liebende. Und Geschwister, die sich sehr lieben: Das sind oft die härtesten Gegner.

Die längste Beziehung des Lebens

Ein nachgeborenes Baby erkennt die Gesichter seiner Brüder und Schwestern ähnlich früh wie die seiner Eltern. In den ersten Jahren schlafen Geschwister vielleicht sogar in einem Zimmer, haben identische Bettwäsche und wünschen sich den gleichen batteriebetriebenen Pudel zu Weihnachten, so wie meine Schwester und ich. Aber selbst wenn Geschwister weniger miteinander teilen und ihr Altersabstand grösser als zwei Jahre ist – sie verbindet die längste Beziehung ihres Lebens.

Nimmt alles seinen natürlichen Lauf, werden sie die Eltern einmal zusammen begraben müssen. Mutter und Vater werden gegangen sein, aber die Geschwister bleiben. Sie beeinflussen einen mindestens so sehr wie Eltern, obwohl oder gerade weil sie weniger zu sagen haben, keine Schlafenszeiten festlegen und Fernsehverbote erteilen.

Die gemeinsame Kindheit ist das Fundament, um schonungslos sein zu können.

Der Psychoanalytiker Horst Petri beschäftigt sich ein ganzes Buch lang mit der Liebe und Rivalität zwischen Geschwistern. «Wie kein Fremder, auch die Eltern nicht, durften sie sich kritisieren und lernten, die Kritik ertragen, weil sie mehr auf Gleichberechtigung beruhte und nicht mit Strafe, Verbot, Verurteilung und Liebesentzug verbunden war», schreibt er. Die gemeinsame Kindheit ist das Fundament, um schonungslos sein zu können. So werden aus Geschwistern die härtesten und zugleich genauesten Kritiker eines Menschen, die Reich-Ranickis des Privatlebens. Sie meckern und tadeln, die Berechtigung dazu ist ihnen, gleich der absolutistischen Königswürde, angeboren. Das, was ich Geschwister-Ehrlichkeit nenne, ist wie eine Schwester oder ein Bruder eben auch: extrem nervig und unglaublich kostbar.

Die ersten Wahrheiten sind selten konstruktiv. Wenn ich meine Schwester aus dem Bild unserer Heimvideos schubste, mit der Begründung, sie sei peinlich, war das ein Stoss aus Eifersucht. So wie ich sie als älteres Kleinkind manchmal am liebsten vom Schoss meiner Mutter geschubst hätte. Und was den «Kacka-Fleck» angeht, das hatte auch damit zu tun, dass man Andersartigkeit stark wahrnimmt, wenn man sich sehr nah ist. Geschwister vergleichen und grenzen sich ab, um die eigene Identität zu behaupten. Dazu gehört es auch, mit dem Finger zu zeigen und ein wenig zu verurteilen: Ich hatte kein Muttermal, meine Schwester schon. Das reichte.

Die Geschwister-Ehrlichkeit

Sie wolle jetzt Hotelfachfrau werden, erzählte mir meine Schwester, gerade volljährig, mit glühenden Wangen und ihrem After-Abi-Enthusiasmus. Sie erträumte sich ein Leben mit Pools und Reisen. Sie schwebte. Und ich machte alles kaputt. Treffen für Treffen und Anruf für Anruf sagte ich, das passe nicht zu ihr, eine Scheissidee. So wollte ich sie, ganz die grosse Schwester, vor einer falschen Entscheidung bewahren. Sie interpretierte das als Übergriff. Ich versuchte es weiter. Sie legte weiter auf. Unsere erste grosse Auseinandersetzung dauerte Monate an.

Was meine Schwester damals nervte, heisst bei Horst Petri «kritische Spiegelfunktion». Die gemeinsamen Erfahrungen aus der Kindheit zahlen sich aus, sagt er, wenn sich Geschwister im Erwachsenenalter immer noch Wahrheiten sagen können: «Verstandene Kritik kann vor folgenschweren Irrtümern, falschen Selbstbildern und ungerechtem Handeln schützen. In diesem Sinne bekommt die Geschwister-Liebe eine kritische Spiegelfunktion.» Geschwister-Ehrlichkeit hat einen ähnlichen Effekt wie ein Defibrillator: Sie hinterlässt auch mal emotionale Blutergüsse, kann aber Leben retten.

Wir haben einander beigebracht, einiges auszuhalten.

Ich verstehe, dass meine Eltern uns als superharmonisches Schwesternpärchen sehen möchten. Alle Eltern wünschen sich für ihre Kinder, dass sie sich untereinander vertragen. Ich finde die Wahrheit unserer bedingungslosen Liebe aber wertvoller: Denn wir haben einander nicht nur beigebracht, einiges auszuhalten. Wir schützen uns auf diese Art bis heute auch gegenseitig, oft genug, vor uns selbst.

Meine Schwester brach die Ausbildung tatsächlich nach drei Monaten ab. Ich verzichtete grosszügig darauf, sie daran zu erinnern, wer das von Anfang an geahnt hatte. Später stellte ich ihr meinen neuen Freund vor: Sie brauchte genau ein Treffen und zwei Eiskugeln mit ihm, um mir eindringlich die Trennung zu empfehlen. Diesmal war ich es, die beleidigt herumschrie und sich unverstanden fühlte. Und die ein paar Monate später trotz Liebeskummer immerhin wusste, dass sie sich auf ihre Schwester verlassen kann.

Plötzlich sind wir wieder Rivalinnen

Leider versagt unser Gedächtnis bis heute, wenn es um das Vertrauen in das Urteil der anderen geht. Jede Kritik erzürnt uns von Neuem, bis es zur Einsicht kommt. Warum wir es nicht mit mehr Diplomatie versuchen? Die harte Geschwister-Ehrlichkeit macht unsere Beziehung genauso aus wie die Küsse im Fotoalbum. Wir wollen halt das Allerbeste füreinander. Meistens.

Und dann ist wieder Weihnachten. Am Bahnhof umarmten wir uns dieses Mal innig: endlich wiedersehen. Aber nach weniger als einer Stunde im Elternhaus beschwerte sie sich, weil sie mehr als 80 Prozent der gemeinsamen Geschenke besorgt hatte. Ich prangerte bei der Wahl des Nachmittagsfilms den unerträglich kitschigen Geschmack an, den sie in Wirklichkeit gar nicht hat. Abends überreichten wir einander die perfekten Geschenke mit Karten, die tatsächlich schnulzig waren, und hatten uns wieder lieb.

Sobald wir spielen, organisieren oder aufteilen, gleiten wir Jahrzehnte zurück in unsere Kindheit.

Als es darum ging, wer im einzigen Gästebett schlafen darf, meldete sich meine Schwester freiwillig, um mit einer Matratze unter den Weihnachtsbaum zu ziehen. Ich weiss, dass sie das liebt. Trotzdem verkündete sie am nächsten Morgen: Es sei ja wohl nicht fair, dass ich immer das Bett bekäme. Und da ich eh nur lang schlafen wolle, werde sie gleich zu ihrem Freund fahren. Ich warf ihr vor, eine Symbionten-Beziehung zu führen, sie mir, dass ich eifersüchtig sei, und so keiften wir uns an, bis meine Schwester den Zug nahm.

Sobald wir spielen, organisieren oder aufteilen, gleiten wir Jahrzehnte zurück in unsere Kindheit und damit aufs unterste Kommunikationsniveau. Plötzlich sind wir wieder eifersüchtige Rivalinnen – nur, dass es eigentlich gar nichts mehr gibt, worum wir kämpfen. Wir stehen uns in keinem Bereich des Lebens auch nur einen Fussbreit im Weg – trotzdem schubsen wir einander manchmal emotional herum.

Unser Lob ist rar und auf Augenhöhe und bedeutet uns daher mehr als das unserer Mutter.

Die andere, Fotoalbum-taugliche Seite gibt es heute übrigens auch noch: Ich bin stolz, was meine Schwester als Pädagogin und Fotografin hinbekommt, und verfolge ihre Arbeit genau. Von ihr bekomme ich dafür Selfies mit meinen Zeitungsartikeln und der Unterschrift: «Schon gelesen, Eli ». Unser Lob ist rar und auf Augenhöhe und bedeutet uns daher mehr als das unserer Mutter, die ja als Mutter hin und wieder stolz auf uns sein muss. Besonders harte Kritiker sind eben auch besonders glaubwürdige Fans.

Ich wollte diesen Text eigentlich so enden lassen. Dann las ich bei Horst Petri weiter: «Nicht zufällig wird auch im späteren Leben so häufig auf die Unterstützung von Geschwistern zurückgegriffen, wenn es darum geht, besonders bedrohliche oder belastende Ereignisse zu bewältigen.» Stimmt, dachte ich. Wenn meine Schwester mich braucht, ruft sie von selbst an. Zwar treibt sie mich regelmässig in den Wahnsinn, kann nicht mit Geld umgehen, hängt viel mit ihrem Freund zusammen und meldet sich manchmal wochenlang nicht. Aber sie ist ein warmherziger, toller Mensch. Sie kommt zurecht. Und wenn nicht, dann bin ich da. Ob ich etwas weniger Eigen­initiative zeigen sollte, sie mit Wahrheiten zu bombardieren? Ich rief sie an und fragte, ob ich sie in den vergangenen 27 Jahren sehr belästigt habe.

Erstellt: 15.03.2019, 19:51 Uhr

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