Sollten wir an den Tod denken?

Die philosophische Antwort auf eine Frage zum Thema eigene Sterblichkeit.

«Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich will einfach nicht da sein, wenn es passiert»: Woody Allen über den eigenen Exitus. (Bild: Szene aus dem Film «Love and Death»)

«Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich will einfach nicht da sein, wenn es passiert»: Woody Allen über den eigenen Exitus. (Bild: Szene aus dem Film «Love and Death») Bild: Foto: Cinetext Bildarchiv

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Ist es sinnvoll oder vielleicht sogar nötig, sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein? Falls ja, wie oft sollten wir daran denken? Täglich? Zu besonderen Gelegenheiten, zum Beispiel wenn jemand aus dem Freundes- oder Familienkreis stirbt? Ab einem gewissen Alter?
M.E.

Liebe Frau E.

Unbedingt. Denn der Tod wird bekanntlich in unserer Gesellschaft systematisch verdrängt. Darum haben Exit und Dignitas auch so viele Mitglieder, die ihrerseits mit dem Sterben gar nicht nachkommen, um den neuen Platz zu machen. Kein guter Einstieg, wie? Zweiter Versuch: Seit Freud wissen wir, dass das Unbewusste von der eigenen Unsterblichkeit überzeugt ist. Das sei dem Unbewussten natürlich unbenommen.

Allerdings muss man sagen, dass es in dieser Angelegenheit erstaunlich machtlos ist. Meine Kindheit ist durchzogen von Todesängsten, die nicht nur meine Eltern und Grosseltern, sondern auch mich selber betrafen. Als altkluges Kind habe ich schon im Kindergartenalter die wunderbaren Hörspiele des Schulfunks geliebt, in denen ich nicht nur live dabei war, wie Magellan über die Meere segelte und Edison die Glühbirne zum Leuchten brachte, sondern auch die grossen Mediziner-Helden bei Kampf gegen Polio, Diphtherie, Pneumokokken, Tetanus, Typhus, Tollwut (und was es alles noch so gab) begleitete. Diese frühe Bildung auf dem Gebiet schlimmer Erkrankungen und böser Bazillen hatte als Nebeneffekt einen früh gereiften Sinn für meine eigene Sterblichkeit, der sich immer wieder mal in hypochondrischer Panik Bahn brach. Für mich war der Begriff der «Kindersterblichkeit» etwas sehr Konkretes, das ich zwar noch nicht mit eigenen Augen gesehen, aber mit eigenen Ohren miterlebt hatte.

Ich will meine Kindheitsgeschichte keineswegs verallgemeinern, aber ich glaube, die Angst vor dem Sterbenmüssen begleitet wohl immer noch Kinder bereits durch ihre frühen Jahre – auch ohne Schulfunk. Die Leistung, die man mit der Zeit vollbringen muss, ist, Sterblichkeit als einen statistischen Begriff zu betrachten: meist trifft es irgendeine(n) andere(n), bevor es – später, später – einen selber tüpft. Aber eben auch nur meist. (Wenn man selber Kinder hat, sorgt man sich um deren Leben manchmal schier zu Tode, und auch hier ist es einzig die Statistik, die einem Trost spendet, indem sie einem sagt, man solle es mit seinen Ängsten auch nicht übertreiben.)

Langer Umschweife kurzer Sinn: Ich glaube, das Sterben und die Angst davor sind genügend um uns herum und in uns drin, dass es nicht noch besonderer ritualisierter Massnahmen für ein Memento mori braucht. Oder einer App, die uns in regelmässigen Abständen daran erinnert.

Erstellt: 06.08.2019, 11:20 Uhr

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