Da fliegen die Fetzen

Das grosse Ausmisten: Was von der eigenen Garderobe übrig bleibt, wenn man eine Stilberaterin an den Kleiderschrank lässt. Ein Selbstversuch.

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Ich bin ein Herbsttyp, da war ich mir ganz sicher. Von Rostrot und Olivgrün bin ich hin und weg. Herbsttyp passt auch gut zu 62, zur Zeit der Ernte. Keine grossen Anbauschlachten mehr, jetzt wird eingefahren, was über die Jahre gesät (und im Kleiderschrank gesammelt) wurde, denkt man. Doch die Sicherheit ist vermeintlich und die Stille im Kleiderschrank trügerisch.

Denn im reifen Alter stellen sich Fragen. Geht das blaue Jeansjäckchen noch, oder sehe ich darin aus wie ein runzliges Groupie? So was wäre nicht gut mit 62. Sollte der Rocksaum nicht lieber unter dem Knie enden anstatt darüber? Die Neuanschaffung eines Wintermantels bringt einen bereits ins Schwitzen, weil man nicht weiss, ob Schottenkaro das Richtige wäre. Und sich ins praktische Schwarz zu flüchten, macht einen auch nicht jünger. Auch wenn die Figur noch tipptopp ist, hinter der Fassade bröckelt es unaufhaltsam. Aus Falten werden Furchen, und in Umkleidekabinen hat man bei gleissendem Licht Realitätsschübe. Selten ist die Unendlichkeit zwischen dem, was ist, und dem, was sein möchte, grösser als in diesen gottlos hellen Kabinen.

Hilfe muss her, und zwar eine Person mit kritischem Blick, eine Beraterin. Sie heisst Denise Yannoulis, hat viele Jahre Erfahrung in Kleiderschrank-Management, Mode- und Stylingberatung. Und sie weiss dank ihrer 50 Jahre, von was wir hier reden. «Es gibt keine Vorschriften», sagt sie, als wir im Schlafzimmer vor offener Schranktür stehen, «das Wichtigste ist, dass sich das Bild, das du von dir hast, in deiner Kleidung widerspiegelt.» Sportlich-elegant würde ich sagen, mit einem Schuss Boheme (die alte Militärhose, mein liebstes Stück, franst unten schon wieder aus). Denise nickt, sie wird später mehr fragen als behaupten, was nicht schlecht ist.

«Ich sehe nur Blazer»

Zunächst ein kurzer Farbtest, der Klarheit über meinen persönlichen Farbtyp bringen soll. Ich hole meinen Lieblingsschal. Und da sind wir schon mitten im Dilemma. Rostrot? No-Go. Kein Herbsttyp. Aber das ist B a t i k aus B a l i! Von meiner ersten Asienreise 1988! Denise packt ungerührt ihre Farbkarten und Tücher in diversen Farben aus, bindet mir zuerst ein Tuch in Rostrot um den Hals und dann eines in Violett. Diese furchtbare, alte Tanten-Farbe! Aber mein Teint strahlt damit tatsächlich, während das rostrote Tuch die Gesichtskonturen verschluckt und einen ungesund-gelblichen Ton hinterlässt.

Vier Farbtypen unterscheidet man: Frühling, Sommer, Herbst und Winter, und ich bin ganz offensichtlich ein kühler Wintertyp. Sympathisch tönt das nicht, wer hat schon gern ein kaltes Herz? Doch die gedämpften, rauchigen Töne wie Mintgrün, fahles Rosa oder Schiefergrau stehen mir gut, zugegeben. So gebleicht und ausgewaschen wie die Hafenmole von Cuxhaven, denke ich. Soll ich nun aber mit dem Farbfächer wie mit einem Detektor durch die Läden laufen? «Die Sache mit den Farben bitte nicht sklavisch betreiben», beruhigt Denise. «Wenn man eine Farbe nicht mag, die einem eigentlich steht, lässt man es bleiben. Aber das Wissen, welche Töne mit der Haut harmonieren, erleichtert die Kleiderwahl.»

Was darf bleiben? Was muss weg?

Systematisch geht sie den Schrank durch, zuerst die Oberteile, dann die Hosen, die Kleider und so weiter. Vier Fragen stehen im Raum: Was darf bleiben? Was muss weg? Was kann man frisch kombinieren, und was muss neu für diesen Herbst und Winter angeschafft werden? Die bunte Bluse da? Yannoulis zieht die Augenbraue hoch. Ein Geschenk des Gatten zum Vierzigsten. Wie schön er sie fand! Doch sie ist bunt wie Öppis und sieht aus wie ein missratener Delauney. Nie getragen – 22 Jahre hängt sie da und macht keinen Mucks. «Alles klar», meint die Beraterin, «kommt in die Abteilung Devotionalien hinten links».

Der leuchtend blaue Seidenblazer? «Ich sehe nur Blazer und keine Ulrike», meint sie. Und ich war überzeugt, er liesse mich leuchten. Das schwarze, enge T-Shirt mit den Swarovski-Steinchen vor dem Busen, die als Schriftzug behaupten «C’est ça!»? Geht nicht mehr mit 62, «zu cheap, zu wenig wertig für dich.» Und das orange-gelb gemusterte Seidenkleid von Dorothee Vogel? Teuer genug wars. «Ziehst du es an»? Ungern. «Weshalb?» Ein Fehlkauf, das schwante mir schon damals, irgendwie kam ich mir darin immer wie ein Harlekin vor. Grobe Muster stehen mir nicht. Aber man wirft doch kein Kleid für 800 Franken weg! «Gibs in den Secondhand.»

Endlich: Ein Erfolg!

Inzwischen hat sich der Schrank deutlich entschlackt, dafür türmt sich auf dem Bett ein Haufen. Doch die Frage nach den Kleidern bringt viel mehr durcheinander als nur das Zimmer, und mit 62 möchte man nicht, dass etwas durcheinanderkommt. «Wenn du anfängst, mich zu hassen, sagst du es, gell?», meint Denise. Dann endlich ein Erfolg! Das graue Strickkleid, das ich so mag, findet Gnade, ebenso der Tigerli-Angora-Pulli aus dem Vintage-Laden in Brooklyn, den ich mit Freundin Renate gekauft hatte. Animal-Print ist angesagt diesen Herbst – und Grau ist diesen Winter das neue Schwarz. Gut für mich, denn Schwarz steht hart zu Gesicht. Merke: aus Furchen werden Couloires.

Die Beratung nimmt aus meiner Sicht jetzt konstruktiv Fahrt auf, nach dem «Das muss weg» gibts das «Das passt zusammen». Den roten quadratischen Wollpulli hätte ich nie mit der engen schwarzen Samthose kombiniert (mit der Zeit wird man unoriginell, denn Neues andenken ist Arbeit); das feminine, grau-braune Safarikleid hätte ich nie zum strengen grauen Blazer assortiert (Mut zum Konterkarieren!), und zum rosafarbigen, kurzen Paillettenjäckchen wäre mir nie die grau-grüne Militärhose eingefallen. Weitere überraschend gelungene Kombinationen für Herbst und Winter folgen, das Bett sieht aus wie nach einem Orkan.

Ein Mantel für 10 Franken

Wir wechseln in die Zürcher Innenstadt, denn wie hatte Denise gefragt? «Wo findet bei dir eigentlich die Frau statt? Alles etwas streng bei dir.» Ein wunder Punkt, bis zu meinem 14. Lebensjahr musste ich wie ein Junge rumlaufen, weil mein Vater das so wollte. Rüschen und Ranken kommen mir noch immer nicht ans Revers, aber ein dunkelblaues, gewickeltes Oberteil mit einer charmanten Raffung darf sein. Im Fidelio am Augustinerplatz werden wir fündig, Ruth Grüninger macht einfach gute Mode.

Kleider sollte man ja eigentlich nicht suchen, sondern finden. Wie auch den tollen Wintermantel von Max Mara an der Strehlgasse (wäre ich ohne Beratung nicht reingegangen). Schwarz-weiss wie mein ehemaliger Hund, Mittelschnauzer «Pfeffer-Salz». «Ein echtes Ulrike-Teil», kommentiert Denise. Leicht androgyn, klar im Schnitt und doch sehr, sehr lässig. Hält physisch und ästhetisch sicher alle Turbulenzen der nächsten zehn Jahre aus. Der Preis? Nun ja. Umgerechnet zehn Franken im Monat – macht zwei bis drei Kaffees.

Erstellt: 08.10.2014, 08:16 Uhr

Denise Yannoulis

Die Modeberaterin (50) bietet Kleiderschrankmanagement, Farb- und Stylingberatung sowie Shopping-Begleitung an.

www.mydaystyle.ch

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