Der Frühling kann mich mal

Das Frühlingswetter ist mies, und wir wissen auch, was den Frühling so deprimiert hat. Zeit, der Jahreszeit mal die Meinung zu geigen.

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Ganz früh im März war der Frühling ein noch ungebrochenes Versprechen. Alle warteten auf die lang ersehnte Erlösung nach langen, düsteren Wintermonaten, versinnbildlicht durch die eifrig spriessenden Triebe an den Bäumen. Nur ich war schlecht drauf. Ausgerechnet zum Frühlingsanfang suchten mich dunkle Verstimmungen heim. Und es gibt nichts Deprimierenderes, als ausgerechnet in dieser hoffnungsvollsten aller Jahreszeiten deprimiert zu sein. Weil es noch nicht wirklich warm und wettertechnisch auch noch nicht wirklich Frühling war, suchte ich ein Bekleidungsgeschäft auf. Ich wollte einen schwarzen Rollkragenpullover erstehen, nicht weil ich Steve Jobs, Werbern und Architekten mittleren Alters nacheifern wollte, sondern weil ich die modische Entsprechung für meine existenzialistische Laune suchte. Wer mies drauf ist, will selten auffallen und sucht eher nach Tarnkleidung denn nach Schrillem.

Kann man nicht mal in Ruhe seine Depression pflegen?

Doch im Fachhandel kam der Schock. Die Frühlingskollektionen hatten die Schlacht bereits gewonnen und das Terrain besiedelt – überall nur luftige Stoffe in Weiss oder in den freundlichsten Farben: Tiefblau und Kanariengelb, Orange und Feuerrot. Und überall grafische Muster und gute Stimmung. Es war dies der erste Moment, da ich dachte: «Der Frühling kann mich mal, der ist ein Arschloch.» Ich streifte durch die Kleiderregale und fragte mich, warum die Frühlingsmode mich so mit ihrem Optimismus bombardieren müsse. Kann man nicht mal in Ruhe seine Depression pflegen? Mode ist doch dazu da, das Leben zu verbessern, warum muss sie mich gerade in so einem kritischen Moment im Stich lassen? Muss man zur Depression noch aufs Auge gedrückt bekommen, dass man damit total daneben liegt? Muss ich jetzt wirklich bis im Winter warten, um Dunkles, Diskretes und Bescheidenes zum Anziehen zu finden?

Wie sich nun herausgestellt hat, gab es für derart exaltierten modischen Optimismus keinerlei Grund. Die Bekleidungsfachgeschäfte hätten besser in schwarze Rollis investiert. Denn hier sitzen wir, zwei Monate später, und der Frühling ist noch immer der genau gleiche Vollidiot. Irgendwann zur Halbzeit, Mitte April, schlug ich meinem Chef vor, einen Text über den Frühling zu schreiben, der ein Arschloch ist. Der Chef meinte: «Hm, na ja, sind wir damit nicht etwas spät?» (Das Lieblingsargument eines jeden Chefs, wenn er sonst keinen guten Grund hat, ein Thema abzulehnen.) Dann kam der Chef mit dem Wetterbericht in der Zeitung, tippte aufs Papier und sagte: «Das Timing für so einen Text ist schlecht, denn jetzt kommt der Frühling. Es wird 15 Grad warm, dein Thema passt nicht mehr.»

Schnee auf 600 Metern

Irgendwann vor zwei Wochen habe ich voller Optimismus meine Winterjacke in die Reinigung gebracht, sie im Keller verstaut und dazu triumphierend «Harharhar!» gerufen. Aufs Wochenende werde ich sie wohl kleinlaut wieder rausholen. Die Schneefallgrenze fällt auf 600 Meter. Besserung ist bis auf weiteres nicht in Sicht. Wir wissen, der miese Frühling ist Wetter, aber wir fürchten und ahnen, dass es mit dem Klimawandel zu tun haben könnte. Und vom Klimawandel, das wissen wir jetzt, ist auch kein besseres Wetter zu erwarten, nicht mal als Nebeneffekt. Der bringt Insekten aus dem Süden zu uns, die tödliche Krankheiten einschleppen, und er bringt schmelzende Gletscher und instabile Hanglagen. Aber dazu vielleicht noch ein bisschen Wärme und südländisches Flair? Fehlanzeige. Auch der Klimawandel ist ein Arschloch.

Eines ist mir zumindest klar geworden, wie ich jetzt Ende Mai im Winterpulli am Computer sitze und die Bindfäden betrachte, die der Himmel zur Erde schickt. Ich habe mich getäuscht, als ich dachte, nur mich deprimiere die Frühlingsmode. Ich glaube, sie hat den Frühling selbst so nachhaltig deprimiert, dass er beschlossen hat, gar nicht mehr aus dem Bett zu kommen. Wir können nur hoffen, dass bald der Sommer die vakante Stelle übernehmen und alles gut machen wird, was der Frühling verkackt hat. Dass der Sommer temperamentvoll und heissblütig ist und am liebsten die ganze Nacht Partys feiert. Denn sonst werden bald alle, die es sich leisten können, ein Flugzeug besteigen und irgendwohin fliegen, wo sie den Arschlochfrühling für immer vergessen können. Und der Klimawandel geht ihnen dabei am Arsch vorbei.

Erstellt: 22.05.2013, 13:16 Uhr

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