Die Frau, die den Hijab zum Trend-Accessoire macht

Die Werke von Ayse Kilic tragen eine unverwechselbare Handschrift. Sie illustriert Models mit Kopftuch – in Trends aus dem Westen.

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Kopftuch? Damit hat man Modeillustration bisher nicht assoziiert. Gewohnt ist man sich an schmale, langbeinige Figuren in kurzen Röcken, mit tiefen Ausschnitten und starrem Blick. Dass eine Jungdesignerin es wagte und ein Gegenstück entwarf, sorgt bei jungen Musliminnen für Jubel. Ayse Kilic, Modeillustratorin beim türkischen Lifestyle-Magazin «Âlâ», demonstriert Kopftuchträgerinnen im westlichen Look und meint: «Für mich stellt das Kopftuch kein Hindernis in Bezug auf Mode dar, solange alles islamkonform bleibt.»

Auch Frauen, die Kopftuch tragen, interessieren sich für Mode. Nur war das bis heute wenigen bewusst. Mit der neuen Hijab-Mode möchten junge Musliminnen ein Zeichen dagegen setzen und Urban Fashion mit religiösem Touch und Eleganz mixen. Ayse Kilic ist ihnen dabei eine grosse Hilfe. So gestaltete sie für die Mai-Ausgabe der «Âlâ» mehrere Models in langen Jupes, drapierten Röcken oder Skinnyjeans, kombiniert mit Maximänteln und Kopftuch. Orient und Okzident kombiniert man auch in «Âlâ», wo das Kopftuch ein Must-have ist. Das erfolgreichste Modemagazin der Türkei verknüpft den religiösen Aspekt mit modernem Stil. Das Modemagazin will junge Musliminnen in Bezug auf Kleiderauswahl neue Perspektiven öffnen und hat mittlerweile sogar die türkische «Vogue» überholt.

Mualla Alisveriste

Ayse Kilic arbeitet als Modeillustratorin bei «Âlâ» und zeichnet eine junge Kopftuchträgerin beim Shoppen, die Mualla heisst. Das Ressort heisst «Mualla beim Shoppen» und gibt den Lesern Tipps, wie man sich für den Alltag modisch stylt – und welche Accessoires dazu passen: Taschen von Gucci, Sonnenbrillen von Valentino, aber auch Schuhe von Zara zeigen, dass islamische Frauen nicht auf Marken verzichten wollen. Dies erinnert an die Gattin des türkischen Präsidenten Abdullah Gül, die die Queen im Buckingham Palace mit ihren hohen Absätzen staunen liess.

Aber in «Âlâ» finden sich nicht nur Designerlabels wie Prada oder Chanel, auch Kleidungsstücke und Accessoires von Streetstyle-Ketten wie Zara, Mango oder H&M sind untergebracht, die auf den Entwürfen der 27-Jährigen häufiger zu sehen sind.

Lachend mit Fotoapparat, stehend oder auf Einkaufstour, wirken die Mädels in ihren Outfits gelassen und repräsentieren einen coolen Look. Das Tuch von Mualla wirkt hier durchaus harmonisch und lässt westliche und östliche Mode ineinanderfliessen. Damit religiöser und moderner Stil auch stimmen, achtet die junge Frau auf die Gebote der Bedeckung: die Ärmel bis zu den Knöcheln, verhüllt bis zum Haaransatz, keine figurbetonte Kleidung. Für Kilic steht fest: Die Figur tritt als modebewusster Charakter mit islamischem Hintergrund auf. Doch Mualla zeigt alles andere als nur Prunk und Pracht. Locker und doch selbstbewusst blickt sie aus der Zeitschrift. Sowohl im lässigen Casual-Style als auch im schicken Kostüm für ein Abendessen, präsentiert die Figur perfekte Outfits und Einkaufstipps für ihre Leser.

Von der ersten Skizze bis zum Endprodukt

Ein eigens produziertes Video auf Facebook zeigt, wie die Jungdesignerin ihre Kreativität auf Papier bringt. Für Ayse Kilic keine Schwierigkeit, vor ihrem inneren Auge ist die Zeichnung schon konstruiert: zuerst die Pose, dann die Silhouette, das Kostüm, ein bisschen Farbe und schliesslich die Bearbeitung auf dem Laptop. «Es kommt sehr oft vor, dass ich mir Mualla in einem bestimmten Look vorstelle. Ich mache mir sofort Notizen und versuche es dann, wenn auch in ein wenig veränderter Form, für meine Zeichnungen zu nutzen.» Mode begeistert sie auch als gelernte Schneiderin. «Als ich von ‹Âlâ› erfuhr, habe ich mich sofort mit meinen Modeillustrationen beworben, und wurde auf Anhieb angenommen», so die Modeliebhaberin. Sie ist der Ansicht, dass «Âlâ» ihr eine gute Plattform bietet. Den Sinn in ihrer Arbeit sieht Kilic darin, verschleierten Frauen die Möglichkeit zu bieten, sich bei der Kleidersuche auch anderweitig zu orientieren: Was ist jetzt Trend und wie kann ich mein Kopftuch ohne Mühe mit meiner Kleidung besser kombinieren? Nebst den Outfits müsse man auch auf Farbkombinationen achten, meint Kilic und betont, dass die angebotenen Kleidungen auf dem Markt meist wegen kurzer Ärmel oder tiefer Décolletés muslimische Frauen zum sogenannten «Zwiebellook» zwingen würden.

Schicke Kleider für die Muslimfrau

Grund genug für die Modedesignerin, sich mit diesem Thema intensiver zu beschäftigen – Kilic hat schon eine erste Kollektion entworfen. Ihrer Meinung nach besteht eine grosse Nachfrage nach modisch schicker islamischer Kleidung. «Ich möchte mit meiner Mode zeigen, dass sich die verhüllte Frau genauso modern und chic kleiden kann wie die Enthüllte», sagt sie überzeugt. Die Frage, ob man den religiösen und den modernen Stil miteinander kombinieren kann, erachtet Kilic als nicht so wichtig. Schliesslich sei Mode für Menschen da und müsse somit auch ins Leben miteinbezogen werden.

Zurzeit ist sie mit allem beschäftigt, was mit Fashion zu tun hat. Eigentlich zeichnet die ausgebildete Modedesignerin gerne Porträts bis hin zu Modeillustrationen, aber letztendlich möchte sie ein eigenes Label kreieren. Modeillustration könne man auch nebenbei mühelos als Hobby ausüben, meint sie.

Gegenwärtig hat Kilic auch noch andere Dinge im Kopf. «Ich entwerfe und bedrucke Shopping Bags und kleine Stofftaschen für Handys», verrät Ayse Kilic. «Die Idee mit den Taschen hatte ich schon während des Studiums. Die Absicht war, meine Zeichnungen irgendwie in Produkte oder Modeaccessoires zu integrieren.» Diesen Wunsch konnte sich die junge Frau erfüllen. Die handgefertigten Produkte verschickt sie quer durch Europa, auch in die Schweiz. Obwohl der Siebdruck Ayse Kilic viel Zeit kostet, will sie damit nicht aufhören. Denn sie hat noch eine Menge Pläne im Kopf. «Übrig bleibt nur, zu hoffen, dass meine Betrachter mit meinen Entwürfen etwas anfangen können.»

Erstellt: 25.09.2012, 19:33 Uhr

Ayse Kilic beim Entwerfen

Von der Schneiderin zur Designerin

Ayse Kilic (27) ist Modeillustratorin beim türkischen Modemagazin «Âlâ». Sie lernte Schneiderin und absolvierte ein Studium als Modedesignerin an der Fachhochschule Bielefeld in Deutschland, zudem produziert sie handgefertigte Trag- und Handytaschen und entwirft Mode für Musliminnen. Die Idee, Shopping Bags mit der Entwurffigur Mualla zu bedrucken, hatte Kilic schon während des Studiums. Die Accessoires in Rosa oder ungefärbt kann man auf der Facebook-Seite der Modeillustratorin bestellen. Preis: 5 bis 10 Euro.

Die Kunst der Modeillustration

Manch einer sieht keinen Unterschied darin, ein Gemälde oder eine Modeillustration zu betrachten. Schliesslich bildet beides Menschen in Kleidung ab. Doch wenn es darum geht, die Ideen der Designer im Detail herauszuarbeiten, ist die Illustration unschlagbar. Die scheinbar rasch skizzierten Entwürfe beschränken sich auf das Wesentliche. So wird die Ästhetik einer Kollektion mit gewagten Silhouetten auf Anhieb sichtbar. Diese künstlerische Form der Modeillustration hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Alternative zur Fotografie entwickelt. Die Modeillustration unterscheidet sich von der Modefotografie durch künstlerische Gestaltungstechniken wie Zeichnen, Malen, Collagieren. Seit der Jahrtausendwende setzen Illustratoren mehr und mehr den Computer ein.

Obwohl mit dem Siegeszug der Fotografie die Bedeutung der Modeillustration zurückging, war sie aber nie ganz verschwunden. Die Modeillustration entstand als eigenes Gewerbe erst mit dem Aufkommen der ersten Modemagazine, die die Trends aufzeigten und präsentieren wollten. «Vogue», «La Gazette du Bon Ton» oder «Harper’s Bazaar» sind Luxuszeitschriften, die nach wie vor mit Modeillustratoren arbeiten. Heute stürzen sich nebst weltweit bekannten Modemagazinen auch kleinere Modehefte auf stimmungsvolle Kleiderentwürfe und wollen modische Kreativität von einer anderen Seite zeigen.

Journalismus-Workshop

Dieser Artikel entstand in einem Online-Intensivkurs an der Schule für Angewandte Linguistik (SAL) in Zürich. Cagla Yavuz wird ihr Studium im Frühjahr 2013 abschliessen.

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