Die Jacke, die James Bond und Kate Moss tragen

Juristen, Jäger, Hipster: Die Barbour-Jacke gehört zu den Klischee-Kleidungsstücken. Dabei hat sie über die Grenzen ihrer Heimat hinaus Modegeschichte geschrieben.

Was 007 trägt, muss gut sein: Daniel Craig als James Bond mit Barbour-Jacke in «Skyfall». Foto: «gentleman's journal»

Was 007 trägt, muss gut sein: Daniel Craig als James Bond mit Barbour-Jacke in «Skyfall». Foto: «gentleman's journal»

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Es ist eindrucksvoll. Ganz Europa erlebt einen schönen Spätsommertag, nur über der Region Newcastle stehen dunkle Wolken. Darunter sorgen Regen und 12 Grad für einen Spruch, den in Folge jeder bringen wird, vom Taxifahrer bis zur Chefin: «Wegen diesem Wetter machen wir Wachsjacken. Noch Fragen?»

Eigentlich nicht. Denn die Barbourjacke ist ein Klassiker, zu dem schon viele Klischees kursieren. Juristen, neureiche Gutsbesitzer, Jäger, höhere Töchter tragen sie demnach neu, verarmte Adelige, Rockmusiker, urbane Bohemiens schätzen sie erst, wenn sie abgewetzt und ausgeblichen sind.

Als vor zwanzig Jahren Christian Krachts Roman «Faserland» zum Bestseller wurde, spielten in der folgenden Schnöseldebatte die Barbourjackenträger eine tragende Rolle, und wenn man das alles der Vorarbeiterin Donna in der Halle voller Nähmaschinen im Städtchen South Shields erzählt, versteht sie kein Wort.

Denn in ihrer Heimat ist die Jacke mit dem charakteristischen Cordkragen und den grossen, aufgesetzten Taschen längst jenseits aller Klischees angekommen. «Wenn man in Grossbritannien einen alten Schrank ausräumt, ist wahrscheinlich eine Barbourjacke drin», sagt Donna und macht dann jenen elementaren Arbeitsschritt vor, der zu Wachsjacken gehört: Dem Erneuern der Wachsschicht, das so eine Jacke nach zwei englischen Sommern nötig hat. «Man kann es selbst machen, dann aber über der Badewanne und mit Rückenschmerzen», kommentiert Donna skeptisch einen Vorgang, zu dem etliche Kilometer Interneteinträge existieren.

Für Fischer und Seeleute

Oder man gibt seine Jacke zum Wachsen zu Barbour, wo pro Jahr 25'000 alte Jacken geflickt, geändert oder eben wieder abgedichtet werden – ein für die Textilbranche recht unüblicher Service. Donna also braucht für diese «sehr durstige» Jacke zwölf Minuten, aber trotz ihrer Wachsroutine und dem beheizten Spezialtisch sieht es nach harter Arbeit aus, bis jeder Zentimeter in Wachs getränkt und mit einem Schwamm abgezogen worden ist.

Stolz zeigt Donna die neuerlich dunkelgrüne Klamotte und ihre glänzenden Hände. «Wer hier arbeitet, braucht sein ganzes Leben keine Handcreme mehr», sagt sie und die Frauen an den Industrienähmaschinen lachen so einstimmig, wie sie vorher Robbie Williams im Radio mitgesungen haben.

3000 Jacken nähen sie pro Woche, ein Stück «made in England» in einer Gegend, die vom Strukturwandel der vergangenen hundert Jahre gezeichnet ist. Pullover und Hemden der Barbourkollektionen hingegen kommen aus der ganzen Welt.

Die Barbourjacke ist in ihrer Heimat jenseits aller Klischees angekommen. Foto: Barbour

Produziert werden die klassischen Modelle wie «Beaufort» und «Bedale» an dem Ort, an dem sich der Schotte John Barbour Ende des 19. Jahrhunderts niederliess. In einer Zeit, in der das Wort atmungsaktiv noch nicht erfunden war und man bei Regen nass wurde, hatte er den Ehrgeiz, wasserdichte Kleidung anzubieten.

Seine Zielgruppe damals hatte mit Landadel und höheren Töchtern nichts zu tun. Stattdessen waren Fischer und Seeleute seine Kunden, die von South Shields ausliefen, ausserdem all jene, die draussen arbeiten mussten – Chauffeure, Kutscher, Portiers, Boten.

Für sie liess Barbour einfache, schwere Mäntel nähen, deren Wolle so dick mit Wachs getränkt war dass sie beinahe alleine stehen konnten. Im Firmenarchiv zeugen eindrucksvoll gealterte Ungetüme hinter Glas von der Frühzeit der Funktionsmode.

Mailorder, schon vor 100 Jahren

John Barbours Sohn Malcolm wollte eigentlich Journalist werden, stieg aber schliesslich doch in den Familienbetrieb ein. Um seiner publizistischen Leidenschaft nachzugehen, legte er einen Katalog auf und entwickelte damit eher zufällig einen modernen Vertriebsweg – schon 1917 liefen 75 Prozent der Geschäfte über Mailorder. Nach dem Ersten Weltkrieg entdeckte Malcolm den Motorradsport und fing an, zusätzlich Rennkleidung anzubieten. Eine Sparte, die bis heute unter dem Label «Barbour International» gepflegt wird und die mit Steve McQueen einen der strahlkräftigsten Kunden hat.

Neben seinem Bild hängt im Archiv auch ein Foto von U-Boot-Kommandant George Philipps, der ab 1937 gegen die Vorschriften eine Barbourjacke im Dienst trug. Schliesslich stattete er seine ganze Crew damit aus, weil er das Material für zweckmässiger hielt als das offizielle Ölzeug. Das solcherart geadelte Waxed-Canvas-Verfahren hatte John Barbour übrigens aus Schottland mitgebracht, von wo bis heute gewachste Baumwolle nach South Shields geliefert wird, in schweren, saftigen Stoffballen, aus denen dann in 49 Schnittteilen eine Jacke entsteht.

Vor über 100 Jahren: Das erste Stammhaus in South Shields. Foto: Barbour

Zwei Sehenswürdigkeiten gibt es, die man als Gast gezeigt bekommt. Das eine ist der trutzig rote Leuchtturm «The Groyne» im Hafenbecken von South Shields. Er steht da ungefähr seit der Zeit von John Barbour und zierte von Anfang an und bis heute T-Shirts und Logos. Für die zweite Sehenswürdigkeit wird man ins schönste Büro des Firmengebäudes gebeten.

Die königliche Familie zeigt sich mit Barbour-Jacken

Dort sitzt hinter einem aufgeräumten Schreibtisch eine ebenso aufgeräumte Chefin: Dame Margaret Barbour sieht aus, wie man sich eine englische Matriarchin vorstellt - gediegen, aber auch so, als ob sie problemlos die Reifen ihres Landrover wechseln könnte. Sie springt trotz ihrer 77 Jahre flink aus dem Stuhl und holt Fotoalben aus dem Regal, darin: wichtige Momente der Firmengeschichte, allen voran die Verleihung der drei Royal Warrants, auf die man sehr stolz ist. Der Duke of Edinburgh, Elizabeth II. und Prinz Charles haben ihr Hoflieferanten-Wappen auf dem Etikett hinterlassen, bis heute zeigt sich die königliche Familie regelmässig mit den Jacken.

«Reizende Menschen», nennt Margaret Barbour sie. Dann sieht sie aus dem Fenster und sagt: «Guter Gott, 50 Jahre Chefin, das ist nicht ganz zu glauben, nicht wahr?» – der Auftakt für ihre Geschichte. Mitte der Sechzigerjahre heiratete sie John Barbour, der sich gerade anschickte, die Firma in der dritten Generation zu leiten. Die Erinnerung an seinen unerwarteten Tod 1968 lässt Dame Margaret bis heute die Stimme schmal werden.

Als angeheiratete Witwe war ihr danach von allen Seiten gesagt worden, sie müsse das Geschäft abgeben, irgendwo neu anfangen. Stattdessen fühlte sie sich einer britischen Urtugend verpflichtet: «Rising to the occasion», was vielleicht als «mit der Aufgabe wachsen» übersetzt werden kann. Mit straffer Hand begann sie, die Firmengeschicke zu lenken und sorgte für die entscheidende Wende, denn bis dahin stand Barbour für Spezialkleidung und machte Nischenprodukte.

Das Sortiment wuchs, der Kern bliebt Wachs

Die junge Chefin erkannte das modische Potenzial und führte Modelle wie die «Beaufort»-Jacke ein, mit der eine neue Zielgruppe in Sicht kam: Frauen. Die Jacken bekamen kürzere und körpernahe Schnitte, waren nicht mehr nur beim Reiten und auf der Jagd gefragt, sondern auch in der Stadt. «Sloane Ranger», eine in den frühen Achtzigerjahren in London lokalisierte Gruppe junger, modischer Schnöselmenschen (vgl. heute: «Influencer»), verpassten den grünen Jacken massgeblich ihr Upperclass-Image.

Mit Allround-Jacken erreichte Dame Margaret Barbour eine grössere Käuferschicht. Foto: Barbour

Die Einführung der blauen Stofffarbe Anfang der Neunzigerjahre eröffnete sprunghaft zusätzliche Märkte, wie Italien, wo die Jacken den Kunden bis dahin zu sehr nach Wald aussahen. Das Sortiment wuchs, der Kern blieb Wachs. Wichtigster Laufsteg waren zuletzt die Musikfestivals, wo Kate Moss oder Alexa Chung ihre Barbour als Rüstung zur Schau trugen. «Kein Wunder, eine eingetragene Beaufort umarmt einen wie ein Freund», sagt Dame Margaret - und gibt die Hand.

Die eingebaute Umarmung und die schrulligen Nehmerqualitäten sind es wohl, die eine Barbourjacke auch im Gore-tex-Zeitalter zum gefragten Gebrauchsgegenstand machen. Sie lässt sich über Anzugjacken tragen, ist unisex und unisaisonal einsetzbar und in ihren Taschen kann man von Schrotpatronen bis zu Bierflaschen alles verstauen. Davon zeugen auch Fundstücke, die der Kundenservice aus Jacken bergen konnte: Eine Phiole mit Affenblut, ein Schlüssel zum St. James's Palace und abgeschnittene Schafsschwänze. Britische Exzentrik? Auch so ein Klischee. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2017, 13:53 Uhr

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