Er war Karl

Keiner feierte so rauschende Partys und zeichnete am nächsten Morgen 50 Entwürfe. Karl Lagerfelds Leben, seine grosse Liebe und die Verwandlung zum Modezar.

Sonnenkönig, Gesamtkunstwerk, Schnellredner, Wahnsinniger, Karikatur seiner selbst: Lagerfeld 2014 in einer Ausstellung im Museum Folkwang in Essen.

Sonnenkönig, Gesamtkunstwerk, Schnellredner, Wahnsinniger, Karikatur seiner selbst: Lagerfeld 2014 in einer Ausstellung im Museum Folkwang in Essen. Bild: Philippe Wojazer/Reuters

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Seine Laufwege beim Show-Finale waren von Saison zu Saison kürzer geworden, allzu lange wird es nicht mehr dauern, flüsterten die Leute schon seit Jahren. Beim letzten Mal, als Chanel ein ganzes Meer ins Pariser Grand Palais hatte bauen lassen, waren es nur noch ein paar Schritte, stockend, ungeheuer qualvoll absolviert, seine Hand immer fest am Geländer. Dann stand er, erkennbar nun ein alter Mann, und als sich seine Hand schliesslich löste und fast zaghaft winkte, da sah es wirklich aus wie ein Abschiedsgruss. Viereinhalb Monate später ist Karl Lagerfeld mit 85 Jahren in Paris gestorben.

Der rasende, funkenschlagende, wie irr um sich selbst kreisende Planet Mode: Er wird nun einen Moment lang innehalten wie schockgefroren. Wie weitermachen ohne ihn? Karl Lagerfeld: Sonnenkönig, Gesamtkunstwerk, Schnellredner, Wahnsinniger, Karikatur seiner selbst. Hamburger. Wahrscheinlich berühmtester Deutscher, bestimmt aber der erkennbarste. Sein Leben: Cinemascope. Sein Werk: überlebensgross. Sein Erbe: unüberschaubar.

Er war der erfolgreichste Modemacher aller Zeiten, 35 Jahre bei Chanel, 53 Jahre bei Fendi, dazu noch das Label «Karl Lagerfeld» und unzählige Gastauftritte. Mindestens 16 Kollektionen hat er jedes Jahr entworfen, einfach so, als koste es ihn nichts. Er war Fotograf, Verleger, Buchhändler, Innenarchitekt. Sammler von Büchern, Bildern, antiken Möbeln, Häusern, Menschen. Erfinder von Stars. Unerschöpflicher Produzent von Bonmots, mit denen man Bücher füllen kann (und nun sicher wird). Ein Rätsel.

Enzyklopädisches Wissen über Literatur, Kunst und Design

Die Interviewer standen Schlange, denn Lagerfeld war stets klug, bissig und ungeheuer amüsant. Legt man einige dieser Interviews nebeneinander, so gibt es zuverlässige Konstanten. Die grossspurige Behauptung, er arbeite ständig, mühelos und frei von Selbstzweifeln wird sogleich konterkariert von der koketten Tiefstapelei: «Ich halte mich nicht wirklich für ein Genie. Ich finde, ich hätte mehr aus mir machen können.»

An eine Kostprobe seines enzyklopädischen Wissens über klassische Literatur, Kunst und Design schliesst sich die beschwörende Beteuerung an, dass er niemals zurückschaue, die eigene Vergangenheit interessiere ihn nicht. Dann folgt aber doch eine Kindheitserinnerung, was bei ihm fast immer bedeutet: eine Erinnerung an die Mutter.

Lagerfeld 2014 vor seinen Büchern. (Bild: Martin Meissner/AP Photo)

Zeitzeugen haben Elisabeth Lagerfeld als verwöhnte und ambitionierte Frau beschrieben, ambitioniert für ihn, Karl. Lagerfeld sagte, «kühl, aber amüsant» sei die Mutter gewesen. «Wie oft hat sie mich unterbrochen: Sprich schneller, damit du mit dem Stuss, den du redest, bald zu Ende kommst! – Ist doch witzig, nicht?» Von Erbarmen, Zärtlichkeit, Liebe war nie die Rede.

Hochfliegende Pläne der Mutter

Karl Lagerfeld wird am 10. September 1933 in Hamburg geboren, Geld und Status sind von Anfang an vorhanden, da dem Vater die Kondensmilchfirma Glücksklee gehört. Der Sohn wächst im Bewusstsein heran, etwas Besonderes zu sein, die Mutter hat hochfliegende Pläne für ihn.

Sitzt der Junge nicht den ganzen Tag auf dem Dachboden und malt Karikaturen aus dem «Simplicissimus» ab? Maler soll er also werden! Als sie dem Rektor der Hamburger Kunstakademie aber die Mappe vorlegt, lehnt der dankend ab: «Ihr Sohn interessiert sich ja gar nicht für die Kunst, sondern für die Mode.» Auf den Bildern sind ausschliesslich Kleider zu sehen.

Also den Sohn gepackt und ab nach Paris. Dort landet eine seiner Skizzen beim Internationalen Wollsekretariat, das den wichtigsten Preis für Nachwuchsdesigner vergibt. 1954 gewinnt er den Preis für den besten Mantel. Das Siegerbild zeigt einen stämmigen Teenager mit Anzug und schwarzem Haarhelm und links neben ihm eine fiedelbogendürre Gestalt mit Brille. Das ist der Gewinner des besten Cocktailkleides, sein Name: Yves Saint Laurent.

Den Lagerfeld-Look gab es nie

Nach der Mutter ist Yves Saint Laurent die zweite Schlüsselfigur in der Erschaffung Karl Lagerfelds, er definiert mit dem Damensmoking, dem Safari-Look, der Mondrian-Kollektion den Chic. Und Lagerfeld? Fragt man Branchenleute, was er der Mode hinzugefügt hat, zucken sie ratlos mit den Schultern. Die Wahrheit ist, dass es einen Lagerfeld-Look nicht gibt. Seine Meisterschaft bestand immer darin, sich den Look eines Hauses anzueignen und ihn dann punktgenau auf Zeitgeist zu trimmen.

Paris jedenfalls liegt Yves Saint Laurent zu Füssen. Lagerfeld bewundert man für sein Fleiss, findet ihn amüsant, exzentrisch, man lässt sich seine Grosszügigkeiten gern gefallen. Aber man liebt ihn nicht. Der Jetset der Sechziger schluckt sie beide.

Lagerfeld 1973 mit einer Auszeichnung inmitten von Models. (Bild: Willi Bertram/dpa)

Seine vermutlich einzige grosse Liebe

Anfang der Siebziger trifft dann ein junger Mann in Paris ein, der sich mit Haut und Haaren dem Hedonismus verschrieben hat: Jacques de Bascher de Beaumarchais. Der elegante Gigolo mit dem aristokratischen Gehabe, 18 Jahre jünger, wird die erste und vermutlich einzige grosse Liebe von Karl Lagerfeld. Ein paar Jahre lang sind sie ein Paar. Als er ihn an Saint Laurent verliert, ist ihre Feindschaft besiegelt.

De Bascher stirbt 1989 an Aids, Lagerfeld schliesst mit dem Thema Liebe ab. «Jacques war der wichtigste Mensch in meinem Leben. Es gibt Dinge, die kann man einfach nicht wiederholen», sagt er viele Jahre später zu «Vanity Fair» – einer der wenigen Momente, in dem man das Gefühl hat, dass er etwas von sich preisgibt.

Bildstrecke: Karl Lagerfelds Leben in Bildern

Die Siebzigerjahre explodieren zu Discobeats in Wogen von Alkohol und Unmengen Kokain, Yves Saint Laurent erreicht den Zenith seiner Kreativität und sinkt dabei immer tiefer in Sucht und Depression. Karl Lagerfeld hingegen trinkt nicht, raucht nicht, schnupft kein Kokain, den Exzess inhaliert er als Voyeur. Seine Droge sind die immer neuen Darsteller ihrer Zeit, die er mit Charme und Geschenken an sich bindet, um ihr Flirren zu destillieren. Und natürlich die zwanzig Flaschen Coca-Cola am Tag. Er wird dick.

Seinen Körper verbirgt er nun unter zeltartigen Gewändern, das Gesicht hinter einer Sonnenbrille und dem ewigen Wedeln seines Fächers, das Haar färbt er mit Trockenshampoo weiss und bindet es zum Mozartzopf. Dies ist die Rüstung, in der er sein neuestes und folgenschwerstes Angebot entgegennimmt. 1984 wird er Chefdesigner des reichlich angestaubten Hauses Chanel und bekommt einen Vertrag auf Lebenszeit.

Karl darf alles

«Kreativität ist nicht demokratisch», so steht es bis heute über der Studiotür von Chanel. Der Deal ist: Karl weiss alles, darf alles, Karls Meinung ist die allgemeine Meinung. An seiner Formel – die Kastenjacke mit den vier aufgesetzten Taschen, die Perlenkette, der Duft No. 5, der Coco-Kosmos in immer neuen Reinkarnationen – hält er unbeirrbar fest und macht alle Beteiligten märchenhaft reich. Als die Wertheimers 2018 erstmals Zahlen bekannt gaben, lag der Jahresumsatz bei 9,6 Milliarden Dollar.

Er war 36 Jahre lang Chefdesigner des Modehauses Chanel. Video: Reuters, AFP

Eine allerletzte Häutung steht jetzt noch aus, Lagerfeld erledigt sie zum Anbruch neuen des Jahrtausends: Innerhalb von 13 Monaten wirft er 42 Kilo ab, stellt endgültig auf Cola light um und steigt in seine neue Rüstung, die er bis zu seinem Tod nicht mehr ablegen wird. Superschmales Jackett, weisses Hemd mit Vatermörderkragen, dazu Skinny Jeans, Boots mit Absatz, Lederfingerlinge und reichlich schweren Silberschmuck. Die Karl-Karikatur ist damit abgeschlossen.

Und siehe da, das Produkt funktioniert wie ein Warenzeichen überall auf der Welt. Alles, was Lagerfeld nun anfasst wird unverzüglich zu Gold. Er designt für H&M, Coca-Cola, für den Steiff-Teddy und die Barbie-Puppe und fotografiert alle seine Kampagnen selbst. Er tritt bei «Wetten, dass ..?» auf, und im Computerspiel «Grand Theft Auto IV» als DJ Karl. Er kauft Schlösser, renoviert sie, füllt sie mit den prächtigsten Antiquitäten und verkauft sie für ein Vielfaches. Seine Birmakatze Choupette, die in einer massgefertigten Louis-Vuitton-Tasche reist, einen Koch sowie zwei Zofen hat, bringt es bald auf 50'000 Twitter-Fans und bekommt einen Werbevertrag bei Opel.

Lagerfeld 2015 mit einem Bild seiner Katze Choupette. (Bild: Jens Kalaene/dpa)

Rätsel um Nachfolge

Und wenn man sich fragte, wo in dieser köstlichen, auf Welttheaterformat angeschwollenen Farce noch ein Körnchen des Menschlichen verborgen lag, so erfuhr man es nicht. Das heisst – doch. In einem Interview mit der deutschen «Vogue» hat er 2017 einmal kurz den Schleier gelüftet. «Manchmal», sagte Lagerfeld, «sitze ich im Bett mit Choupette und sag zu mir: Wenn die Leute wüssten, wie die Wirklichkeit ist. So stellen sich die Leute das bestimmt nicht vor.»

Lagerfeld 2011 bei einer Chanel-Modeshow in Südfrankreich. (Bild: Vincent Kessler/Reuters)

Wer ihn bei Chanel ersetzen wird und, wenn ja, wie viele, ist das bestgehütete Modegeheimnis seit Jahren. Er war ja schon lange vor seinem Tod der Letzte seiner Art: Keiner bindet sich heute so lange an ein Haus, keiner inszeniert mehr so gewaltige Shows, feiert so rauschende Partys und zeichnet am nächsten Morgen trotzdem wieder 50 Entwürfe, von denen 48 im Papierkorb landen. Darum ist mit Lagerfeld nun auch die Mode, wie sie einmal war, endgültig gestorben.

Erstellt: 19.02.2019, 14:09 Uhr

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