Familie Gay

Der 41-jährige Stephan Bitterlin will am 12. März Mister Gay werden. Er ist der älteste der zehn Kandidaten – und der einzige mit einem schwulen Vater.

«Du hast es richtig gemacht»: Stephan Bitterlin mit Vater Ruedi.

«Du hast es richtig gemacht»: Stephan Bitterlin mit Vater Ruedi. Bild: Doris Fanconi

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Am Samstag, 12. März, steht Stephan Bitterlin an der Mr.-Gay-Wahl in Luzern auf der Bühne. Er ist mit Abstand der älteste der zehn Kandidaten. Stephan Bitterlin ist 41.

Als seine Kandidatur vor zwei Wochen bekannt wurde, sorgte sie für Schlagzeilen. Auch Bitterlins Familiengeschichte wegen. Er sagte: «Mein Vater ist auch schwul.»

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Der Vater besuchte Ende der 50er-Jahre in Zürich die Kantonsschule. Dort unterrichtete ein Französischlehrer, der sich wie eine Frau bewegte. «Der ist schwul», sagten die Mitschüler. Und Ruedi Bitterlin dachte: «Wenn Schwule so sind, dann will ich nicht schwul sein.»

18 Jahre alt war er damals. Er spürte schon eine Weile, dass er sich zu Männern hingezogen fühlte. Doch Homosexualität war ein Tabu. Und nach dem Spott über den Lehrer begann er, Frauen zu umwerben. Nicht, dass sie ihn sexuell besonders angezogen hätten. Aber besser als schwul sein, das wäre es ohnehin, dachte Bitterlin.

Er traf eine Frau, die anders war als die anderen Frauen. Sie sprach ihn auch körperlich an. Die beiden verliebten sich, wurden ein Paar, heirateten. Sie zogen von Zürich nach Bern, weil Ruedi Bitterlin dort eine Stelle gefunden hatte. Der erste Sohn, Stephan, war auf der Welt, der zweite auf dem Weg.

Seine Frau und er hatten zu Beginn ihrer Ehe abgemacht, offen über alles zu sprechen, was sie bewegt. Am neuen Wohnort fiel ihm der Freund der Nachbarstochter auf. Der junge Mann faszinierte ihn. «Ich bin schwul», dachte Bitterlin. Er sagte seiner Frau nichts davon.

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Die Bitterlins waren eine Tänzerfamilie. Mutter, Vater, Söhne: Alle tanzten. Jazztanz und Ballett. Nach dem Training sass man gemeinsam am Tisch und sprach miteinander. «Wir hatten es gut», erinnert sich Stephan Bitterlin. Das Einzige, was ihm in seiner Kindheit auffiel, war, dass sein Vater so oft so müde war. Er schuftete bei der Arbeit als Kommunikationsfachmann, er kümmerte sich um seine Frau, die krank wurde, er sorgte sich um seine Kinder.

Der Vater wollte ihnen Geborgenheit bieten. Er wollte seine Familie zusammenhalten. Er wollte das alles nicht aufs Spiel setzen. Noch nicht.

Die Familie zog nach Zürich zurück, die Söhne tanzten weiter. So gut, dass beide beschlossen, eine klassische Tanzausbildung zu machen. Sie wollten bei den Besten lernen: bei Maurice Béjart an der Mudra-Schule in Brüssel und bei John Neumeier an der Hamburger Staatsoper. Der Vater organisierte alles.

Und sagte seiner Frau nach 20 Jahren Ehe, dass er schwul sei.

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1987 verliess der 18-jährige Stephan Bitterlin zusammen mit seinem Bruder das Elternhaus Richtung Belgien. Es war eine schwierige Zeit. Dass sein Vater schwul ist, das störte Stephan Bitterlin nicht; der Sohn spürte schon eine Weile, dass er selbst auf Männer stand. Aber die Eltern trennten sich. Der Vater zog in eine eigene Wohnung. Stephan fühlte sich hin- und hergerissen.

Er war nicht oft zu Hause: Während der Tanzausbildung blieb fast keine Zeit fürs Privatleben. Nach dem Abschluss begann Stephan Bitterlin, sich für andere Männer zu interessieren. Er baute sich in Aachen, wo er sein erstes Engagement bekam, einen schwulen Freundeskreis auf. Bald erzählte er seiner Mutter und seinem Vater davon. Stephan Bitterlin, der Sohn, war damals 20 Jahre alt. Er hatte wenig Mühe mit seinem Coming-out. «Der Vater hat mir mit seinem Schritt den Weg geebnet», sagt der Sohn.

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Der Vater lebte allein in seiner Wohnung. Nach der Scheidung brach der Kontakt zu seiner Ex-Frau ab. Die Söhne waren im Ausland. Die bisherigen Freunde distanzierten sich.

Er las die Studie «Der gewöhnliche Homosexuelle» des deutschen Sexualwissenschaftlers Martin Dannecker, «als Vorbereitung auf mein neues Leben». Dann tauchte er in die Schwulenszene ein. Zu Beginn fühlte er sich fremd. Viele der Männer waren bunt und schrill, alles schien sich um den Aufriss zu drehen. Doch mit der Zeit fand er Freunde. Sie gründeten den «Klub der Schnauzer», weil sie alle Schnurrbärte trugen. Sie mieteten einen Bus und machten Ausflüge. Ruedi Bitterlin verliebte sich in einen deutlich jüngeren Mann. Er fand den Tritt wieder. Als sein Sohn sich outete, freute er sich für ihn. «Er wird sich nicht zurückhalten und verstecken müssen wie ich», dachte er.

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Als Stephan Bitterlin 22 Jahre alt war, verletzte er sich beim Tanzen schwer am Knie. Sechs Monate später starb seine Mutter. «Ich verlor die beiden wichtigsten Dinge in meinem Leben.» Er fing bei null an. Weil er als Kind die SteinerSchule besucht und sie der Ausbildung wegen schon früh verlassen hatte, musste er den Sek-Abschluss nachholen. Daneben tanzte er weiter, aber wegen der Verletzung auf tieferem Niveau als zuvor. Mit 28 Jahren begann er eine Ausbildung zum Pflegefachmann.

Er und sein Vater begannen, wieder mehr zusammen zu unternehmen. Die beiden gingen gemeinsam ins Laby, den damals bekanntesten Zürcher Schwulenklub. «Mir gefiel das», sagt Stephan Bitterlin. Welcher Schwule könne schon mit seinem Vater in den Ausgang?

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Heute ist Stephan Bitterlin Tanzlehrer, Choreograf, Pilates-Trainer und Pflegefachmann in einer orthopädischen Klinik in Zürich. Er und sein Vater sind sehr unterschiedlich: Der Sohn wirkt scheu und zurückhaltend, der Vater hingegen spricht viel und mit spitzer Zunge. «Ich fordere die Menschen gern heraus», sagt der 70-Jährige. Die Kandidatur seines Sohnes zum Mr. Gay unterstützt er. Am 12. März wird er im Publikum sitzen, zusammen mit seinem Freund, mit dem er seit 14 Jahren eine Beziehung hat. Und mit seinem anderen Sohn, Stephans Bruder, der auch schwul ist, aber nicht in den Medien auftreten möchte.

Stephan Bitterlin will mit seiner Kandidatur Mut machen. Mut zum Outing. Mut, zu seinem Alter zu stehen. Zu sich selbst. «Das Leben ist mit 40 nicht vorbei.» Er will auch zeigen, wie breit das Spektrum ist, wie normal Schwule sind. Was sie verbindet, ist ihre Vorliebe für Männer. Ihr Coming-out. Der Prozess, der davor ablief. «Wir sind dazu gezwungen, uns intensiv mit uns selbst auseinanderzusetzen», sagt Stephan Bitterlin. Das ist nicht immer angenehm.

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Nein, es ist nicht immer angenehm. Es kann unglaublich schwierig sein. So schwierig, dass es einen schier zerreisst und das Umfeld gleich mit. «Ich war damals der Böse», sagt der Vater. «Und ich werde es immer sein.» Skrupel plagten ihn, noch heute fühlt er sich schuldig. «Es ist wie eine alte Wunde, die nie ganz verheilt ist.»

Der Sohn nickt ihm aufmunternd zu. «Du hast es richtig gemacht», sagt er. «Du hast getan, was du tun musstest.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2011, 20:26 Uhr

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