«Für Swatch ist es wichtig, nicht allzu früh zu sein»

Carlo Giordanetti ist als Swatch-Kreativchef verantwortlich für die bekanntesten Plastikuhren der Welt. Warum das perfekte Timing wichtig ist, sagt der Wahlzürcher im Interview.

Kreativer Kopf von Swatch: Carlo Giordanetti.

Kreativer Kopf von Swatch: Carlo Giordanetti. Bild: Swatch

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Signore Giordanetti, wie viele Uhren reisen mit Ihnen jeweils mit, wenn Sie beruflich unterwegs sind?
Für ein paar Tage reichen zehn Swatches. Zu Hause habe ich 600 bis 700 Exemplare. Sie sind allerdings ziemlich konzeptlos an allen möglichen Orten in meiner Wohnung verteilt.

Kürzlich ist die neue Herbst-/Winterkollektion erschienen. Wie entstehen neue Kollektionen jeweils?
Das läuft ähnlich wie in der Mode: Zuerst recherchieren wir, welche Geschichten oder Themen wir aufnehmen wollen, und dann entwerfen unsere Designer relativ frei Uhren zum jeweiligen Thema, bevor die Auswahl eingegrenzt wird. Von 350 Uhren überleben etwa 100. Das ist natürlich jeweils eine Tragödie.

Warum besteht eine Kollektion immer aus mehreren Themen? So gibt es dieses Jahr Swatches im helvetischen Folklorestil, Uhren, die mit Esswaren und Tomaten verziert sind, oder demnächst solche, die esoterische Zeichen zeigen.
Ich glaube, es wäre komisch, sich nur jeweils auf ein Thema festzulegen. Das wäre ja auch für unsere Fans langweilig. Mir ist beispielsweise aufgefallen, dass spirituelle oder esoterische Symbole wieder angesagt sind. Also haben wir eine «spirituelle» Swatch entworfen, ohne sektenmässig oder zu esoterisch zu wirken. Etwas anderes, das in der neuen Kollektion zu finden ist, sind Marmorstrukturen.

Nimmt Swatch Trends manchmal nicht ein wenig zu spät auf? Marmor war im Designbereich schon vor fünf Jahren angesagt.
Für Swatch ist es wichtig, nicht allzu früh zu sein. Wir entwerfen nicht für Trendsetter, sondern für die breite Masse in praktisch jedem Land der Welt. Es ist also eine Kunst, den richtigen, also zu späten Zeitpunkt für ein Design zu erkennen.

Wie viele Leute arbeiten direkt an der Kollektion?
Im «laboratorio creativo» in Zürich sind es etwa zehn Leute. Hinzu kommen Externe, die wir für einzelne Aufträge einsetzen. Früher hatten wir sogar Ateliers in Mailand und New York. Gerade in den 80ern und 90ern war Mailand extrem angesagt – das ist ja jetzt langsam wieder der Fall. Wir haben uns aber entschlossen, die kreativen Kräfte auf Zürich zu fokussieren, zumal Swatch ja auch eine Schweizer Marke ist.

Sie leben ebenfalls in Zürich. Bewährt sich die Stadt für Sie zum Arbeiten und Leben?
Ja, denn die Natur ist sehr nahe. Ich finde es wichtig, die Natur in der Nähe zu haben, wenn man kreativ tätig ist. Ansonsten ist Zürich lächerlich teuer, aber selbst daran habe ich mich gewöhnt. Ich lebe mittlerweile sogar im Seefeld, sehr banal, sehr bürgerlich.

Dieses Verspielte, Farbige, das Swatch in sich trägt, ist eigentlich gar nicht so typisch für Schweizer Produkte, sondern erinnert eher an italienische Massenmarken wie Kartell oder Alessi. Hat Swatch deshalb einen Italiener wie Sie an Bord geholt?
Vielleicht ist Swatch wirklich die perfekte Symbiose zwischen Italien und der Schweiz. Als Nicolas Hayek 1986 Swatch in Italien lancierte, war das gleich Liebe auf den ersten Blick. Die italienisch-schweizerische Dualität, wie ich sie bezeichne, ist fundamental für Swatch: Sie ist ein präzises, gutes Schweizer Produkt. Gleichzeitig gibt es aber auch diese zweite, mediterrane Seele, die verspielt ist. Die Kunst ist, ständig den Ausgleich zwischen diesen zwei Polen zu finden. Zu viel Einfluss aus dem Süden wäre nicht gut. Aber nur auf die Technologie und Präzision zu setzen, wäre im Falle von Swatch langweilig.

Gibt es Hoffnung, dass die Modelle aus den 80ern zurückkommen? Die Ästhetik aus dieser Zeit ist ja gerade schwer angesagt.
Sie werden sehen. Ich weiss, dass der italienische Memphis-Designer Alessandro Mendini gerne nochmals eine Swatch entwerfen würde... Uhren werden immer grösser. Auch Swatch produziert zunehmend grössere Modelle.

Warum?
Es gibt einen ganz profanen Grund. Die Leute werden immer grösser und ihre Armgelenke breiter. Also brauchen sie grössere Uhren. Für den Designer ist das auch interessant, weil man so mehr Platz zum Gestalten hat. Zudem sind Uhren in den vergangenen Jahren vermehrt zum Statement-Accessoire geworden – selbst im günstigen Bereich, in dem wir uns bewegen.

Welche Tendenzen beobachten Sie in der Luxus-Uhrenbranche?
Interessanterweise sind weisse Uhren plötzlich begehrt. Fragen Sie mich nicht, warum. Zudem habe ich den Eindruck, dass viele Modelle im Premiumsegment wieder klassischer werden. Auf jeden Fall beobachten wir immer sehr genau, was im teuren Bereich läuft.

Welche Swatch war die erste, die Sie je besessen haben?
Mein Vater hat mir die Jellywish 84 vom Flughafen Basel mitgebracht. Die erste, die ich selbst gekauft habe, war das schwarze Modell «don’t be too late». Es war der Vorbote meines heutigen Jobs in der Schweiz. Seit ich hier arbeite, darf ich ja nicht mehr zu spät kommen.

Erstellt: 28.08.2015, 08:10 Uhr

Der Swatchmacher

Carlo Giordanetti ist seit 2012 Creative Director von Swatch. Er ist auch mitverantwortlich für das Künstlerhotel Swatch Art Peace in Shanghai und die Kooperation mit Künstlern für limitierte Swatches. Giordanetti, der eine Marketingausbildung hat, arbeitete unter anderem bei Montblanc, Piaggio und in den Neunzigerjahren in anderen Funktionen bei Swatch. Bevor er nach Zürich kam, lebte er in diversen europäischen Städten wie Mailand, Hamburg oder Florenz.

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