Graue Emanzipation

Bei jungen Frauen ist der Oma-Look angesagt. Echte Grauhaarige gelten hingegen als mutig. Doch langsam tut sich was.

Trägt selbstbewusst grau: Sarah Harris. Fotos: Getty Images

Trägt selbstbewusst grau: Sarah Harris. Fotos: Getty Images

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Egal ob in Zürich, Biel oder Hinterfultigen: Silbermähnen sind im Trend. Allerdings ist gefühlt jede zweite Grauhaarige um die zwanzig oder jünger. Die Farbe ist natürlich nicht echt, sondern das Resultat einer mehrstündigen Sitzung beim Coiffeur. Granny-Style, also Oma-Stil, nennt sich der Look, dem Stars und Promis wie Lady Gaga, Kim Kardashian, Rihanna oder Model Cara Delevingne zum Durchbruch verholfen haben.

Allerdings ist bei Frauen grau nicht gleich grau. Mit zwanzig mögen silber glänzende Strähnen apart, ja sexy wirken. Mit 40 sind sie nur noch bittere Realität. Will heissen: Jungsein war gestern. Frauen, die ihre Haare trotzdem nicht färben, werden deshalb gern als mutig bewundert. Sind sie auch noch prominent, mutieren sie gar zu einem medialen Ereignis, wie kürzlich die neue Freundin von Keanu Reeves. Die 46-jährige Künstlerin Alexandra Grant trägt ihre Haare natürlich ergraut, was in Hollywood einer Provokation gleichkommt.

Die Beiträge reichen von «Wow» bis «Wäh»

Abseits des roten Teppichs tut sich aber langsam etwas. Graue Haare gelten bei Ü-40-Jährigen zwar nach wie vor nicht gerade als verführerisch, als Statement gegen das gängige Schönheitsideal werden sie jedoch immer populärer. Auf dem Instagram-Account Grombre zum Beispiel, dem über 150'000 Fans folgen, präsentieren unzählige Frauen stolz ihre ergrauten Häupter. Die Beiträge reichen von «Wow» bis «Wäh». Und sie zeigen ungefiltert, was öffentlich bisher kaum thematisiert wurde: den gefürchteten Übergang vom gefärbten Langhaar zum schneeweiss schimmernden Bob.

Granny-Style: Kim Kardashian (links) und Model Cara Delevingne. Fotos: Getty Images

Die Phase ist bei vielen tatsächlichunschön. Aber: Nicht jeder graue Haaransatz sieht zwingend nach einem versäumten Coiffeurtermin aus. Manche Userinnen berichten sogar von spontanen Komplimenten auf der Strasse, einige werden von anderen Frauen angesprochen (Wie hat ihr Coiffeur diese tolle Mischung bloss hinbekommen?), andere wiederum beklagen sich, dass ihre Partner mit dem natürlichen Look nicht klarkommen.

Der Zeitpunkt für echte Silberlocken war wohl noch nie so günstig

Ähnliche Erfahrungen machen auch die Kundinnen des Zürcher Haarstylisten Ivo Aeschlimann. «Einige wären längst bereit für graue Haare, aber ihre Ehemänner nicht», sagt Aeschlimann. Dennoch würden immer mehr Frauen aufs Färben verzichten. So richtig angezogen habe der Trend nach dem Outing von RTL-Moderatorin Birgit Schrowange vor zwei Jahren. Aber auch der aktuelle Granny-Look trägt dazu bei, dass ältere Frauen häufiger zu ihrem Naturhaar stehen und damit «ihr Selbstbewusstsein unterstreichen». Ausserdem, so Aeschlimann, passe das chemische Färben nicht mehr zu einem gesunden, nachhaltigen Lifestyle, der heute vielen wichtig sei. Das ständige Nachkolorieren macht die Haare nämlich spröde.

Im Gegensatz zu früher muss frau die grauen Haare heute auch nicht mehr kurz tragen. Angesagt ist mittellang. Ein weisser Schulterbob zum Beispiel kann sehr schick und gepflegt aussehen. Nicht zuletzt auch dank all den neuen Produkten, die in den letzten Jahren für den echten und den gefärbten Granny-Style entwickelt wurden. Kurzum: Der Zeitpunkt für echte Silberlocken war wohl noch nie so günstig. Ausserdem spart der Look nicht nur sehr viel Geld, sondern auch jede Menge Lebenszeit, die Frauen im besten Alter weiss Gott besser verschwenden können.



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Erstellt: 14.12.2019, 18:02 Uhr

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