Gute Laune auf dem Laufsteg

An den Modeschauen in Mailand wurden die Kollektionen für Frühling/Sommer 2011 präsentiert. Eine farbenfrohe Freude.

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Es ist lange her, dass man von der Mode derart hingerissen war wie von den Kollektionen für Frühling/Sommer 2011, die soeben in Mailand präsentiert wurden. Zu oft war in der jüngsten Vergangenheit die Absicht dahinter erkennbar gewesen, und die hiess: auffallen um jeden Preis, am besten mit möglichst viel Sexyness. Oder im anderen Fall: brav auf der sicheren Seite bleiben und nichts riskieren. Die Manager hatten den Designern das Zepter aus der Hand genommen, und das bekam der Mode gar nicht. Sie wurde berechenbar, die Kreativität erschöpfte sich in grossen, protzigen Logos, die möglichst sichtbar überall angebracht wurden. Absurd überteuerte Taschen und Schuhe lösten die Kleider als zentrales Element einer Kollektion ab, es liess sich damit weit mehr Geld verdienen. Die Mode schien ihre Seele verkauft und den Humor verloren zu haben.

Eine eigentliche Farbenexplosion

Jetzt ist sie mit einem Paukenschlag zurück. Da ist endlich wieder Mut zu spüren, Lust am Kreativsein, ohne Rücksicht auf Verkäuflichkeit. Was keineswegs heisst, dass die Kleider untragbar wären, im Gegenteil: Sie sind für italienische Verhältnisse sogar äusserst minimalistisch. Aber die Farben, von Pink über Rot bis Orange und von Grün über Türkis bis Hellblau, erfordern eine gehörige Portion Mut. Weil nämlich alle Töne miteinander kombiniert werden sollen.

Bunt wird er also, der nächste Sommer, wild und fröhlich und ungestüm. Eine eigentliche Farbenexplosion steht uns bevor, und das ist gut so. Optimistisch ist diese Mode, ohne dabei ins Mädchenhaftunschuldige zu kippen. Es wurde ohnehin kein bekanntes Klischee bedient, in das die Mailänder Designer Frauen oft und gerne stecken; selbst Dolce & Gabbana (die zwar eine Kollektion fast nur in Weiss zeigten) und Versace, sonst Garanten dafür, Frauen zu verkleiden, verzichteten darauf. Was da in Mailand gezeigt wurde, ist deshalb so gut, weil es modern ist. Weil sich die Mode weiterentwickelt, in eine ganz neue Richtung. Es stecken eine Menge sportlicher Elemente drin, die Silhouette bleibt fliessend, nichts engt ein, nichts schnürt zu, da ist alles luftig. In diesen Kleidern kann man sich bewegen, werden Frauenkörper richtiggehend liebkost. Und trotzdem ist das Ganze kleidsam und schlicht.

Die Modeschau im Internet

Überhaupt bewegt sich etwas in der äusserst statischen Modewelt. Eigentlich war es ein Paradox, dass eine Branche, die wie keine andere von der Abwechslung und vom Neuen lebt, sich so lange dem Internet verweigert hatte. Gewisse Designer finden es bis heute chic, öffentlich zu erklären, dass sie nicht wüssten, wie man eine E-Mail verschickt. Die sind aber mittlerweile in der Minderheit. Und so werden zahlreiche Shows live im Internet übertragen, das Gezeigte kann umgehend bestellt werden und wird zwei Monate später geliefert. Damit wird das Tempo beschleunigt, es muss nicht mehr ein halbes Jahr gewartet werden, bis die Kollektion im Laden erhältlich ist. Der Nachteil: Bei Burberry, einem der Vorreiter-Label in Sachen Livestreaming, war die Kollektion deshalb etwas gar effekthascherisch geraten.

Aber grundsätzlich ist diese Entwicklung zu begrüssen. Die Branche verkam nämlich immer mehr zur Freak-Show. Da sass mit der Bloggerin Tavi Gavinson eine 13-Jährige in der ersten Reihe der Defilees und wurde als «Instanz» gefeiert, da machte die Celebrity einen auf Mode und versuchte sich als Designer, was einen ganzen Berufsstand abwertete. Man muss das Entwerfen von Kleidern nicht zur Kunst hochstilisieren, Können braucht es allemal. Und im besten Fall paart sich das Können mit einer Vision. Aber das geriet zusehends in Vergessenheit. Der Kult um die Prominenz wurde immer grösser, die Mode mutierte zu einer Unterart des Showbusiness, Models wurden als Gesichter für internationale Werbekampagnen von Schauspielerinnen abgelöst, weil diese populärer sind. Elitär waren bei den meisten Modehäusern nur noch die Preise, sie selbst waren alle längst angekommen in den Niederungen der Massenunterhaltungsbranche, weil sie ein Teil davon waren.

Die Modehäuser selbst waren also an der Entwicklung keineswegs unschuldig. Und es war gut, dass sie spätestens nach der Wirtschaftskrise vor zwei Jahren äusserst unsanft auf den Boden der Realität knallten. Da besannen sie sich auf das, was ihr Kerngeschäft ist: gute Mode zu kreieren. Und gut ist Mode dann, wenn sie den Zeitgeist widerspiegelt, und noch besser, wenn sie gesellschaftliche Entwicklungen spürt, bevor sie da sind. Wie damals, als Yves SaintLaurent die Frauen in den Smoking steckte und Giorgio Armani in den Achtzigern den Power-Suit erfand, den Anzug für die moderne Geschäftsfrau.

Bescheidenheit wurde chic

Es folgte also zunächst, als direkt ablesbare Folge der weltweiten Ernüchterung auf die geplatzte Finanzblase, eine Reduktion auf das Wesentliche. Schlichte Mode, in dezenten Farben, Schwarz, Weiss, Camel. Unaufgeregt, ohne jeglichen Firlefanz, geläutert, sozusagen. Aber die Mode war wieder tragbar, das war Mode für erwachsene Frauen und nicht für Frauen, die sich kleiden möchten wie Lindsay Lohan. Dass die Designer jetzt noch einen Schritt weitergehen, ist ein erfreuliches Zeichen. Auch, weil Frauen sich modisch ausdrücken können, ohne lächerlich zu wirken. Miuccia Prada, an deren Ohren gelbe Ohrringe in Bananenform baumelten, brachte es auf den Punkt: «Seien Sie kühn!», war die Botschaft ihrer Kollektion, in der sie virtuos Farben und Muster miteinander kombinierte. Bloss die Felle, die die Models in den Händen hielten, irritierten. Wer will im Sommer Pelz mit sich herumtragen?

Und der Mut wird belohnt werden. Von Marc Jacobs, der am Anfang des Modemarathons in New York auf die Siebzigerjahre gesetzt hatte, sprach in Mailand bereits niemand mehr. Dafür war Raf Simons für Jil Sander in aller Munde, der die beste Kollektion überhaupt gezeigt hatte, ebenfalls ein Höhepunkt war Gucci, Karl Lagerfeld für Fendi war grossartig, und Consuelo Castiglioni für Marni sowieso. Sie war in dieser Hinsicht Wegbereiterin gewesen, seit Jahren bleibt sie ihrem eigenwilligen Stil, der ungewohnte Farben und Muster mit Sportlichkeit mixt, treu.

Und jetzt warten alle gespannt auf den Sonntag. Denn dann zeigt die momentan wichtigste Designerin ihre Kollektion in Paris: Phoebe Philo für Céline.

Erstellt: 01.10.2010, 14:37 Uhr

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