Ist Alkohol schenken stillos?

Die Antwort auf eine Stilfrage zum Verschenken von Wein & Co.

Beliebtes Das-geht-immer-Präsent: Die Flasche Wein. (iStock)

Beliebtes Das-geht-immer-Präsent: Die Flasche Wein. (iStock)

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Letzte Woche hat sich eine Leserin darüber beklagt, dass sie als Dank dafür, ein herrenloses Handy an sich genommen und extra den Besitzer ausfindig gemacht zu haben, nur eine Flasche Portwein bekam. Mich stört das nicht wegen des ausgebliebenen Finderlohns von 10 Prozent, sondern aus einem anderen Grund: wegen der Selbstverständlichkeit, mit der Alkohol verschenkt wird. Ich bin keine Abstinenzlerin, aber ich finde, dahinter steckt eine grosse Gedankenlosigkeit, denn es mögen ja nicht alle Leute Wein oder Champagner, und es gibt auch solche, die nicht mehr trinken dürfen. Ist das nicht stillos?

A. I.

Liebe Frau I.,

ich werfe Ihnen entzückt eine Kusshand zu, und gleich noch eine, weil so viel Umsicht unbedingt ästimiert werden muss. Denn Sie haben einen Punkt: Über den Automatismus, mit dem Wein als Präsent überreicht wird, kann man durchaus ein wenig sinnieren.

Da wäre zum einen die Einfallslosigkeit an sich: So eine Flasche Wein ist ja oft genug ein Das-geht-immer-Präsent, also eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, und das ist: laaaangweilig. Zudem schwingt da latent eine lieblose Botschaft mit, nämlich «Ich wusste nichts Besseres, und vor allem hatte ich keine Lust, mir darüber Gedanken zu machen, weil so wichtig bist du mir jetzt auch wieder nicht, sorry, da, nimm». Das ist nicht schön.

Wir halten deshalb fest: Alkoholisches zu verschenken, ist weder originell noch persönlich. Zur Avantgarde der Schenkenden zählt man damit nicht. Und wie Sie zu Recht anmerken, kann es sogar verkehrt oder gar taktlos sein wie etwa dann, wenn das Gegenüber wegen entsprechendem Substanzenabusus die Finger davon lassen muss.

Jetzt sind wir hier in dieser unserer kleinen Rubrik zwar unbedingt der gesellschaftlichen Geschmeidigkeit verpflichtet, gleichzeitig wollen wir aber nicht sektiererisch sein, das wäre nämlich das Gegenteil von Grossherzigkeit, und deren Abwesenheit führt zu nichts Gutem. Deshalb: Grundsätzlich meint es jemand, der etwas mitbringt, gut. Es zählt die Geste.

Wenn das Schenken zum Eiertanz wird, bei dem man dauernd befürchten muss, ins Fettnäpfchen zu treten oder das Gegenüber zu verletzen oder zu beleidigen – heutzutage ist ja ohnehin immer irgendwer wegen irgendwas verletzt oder beleidigt –, dann ist das wahnsinnig erschöpfend. Erschöpfung wiederum führt zu Gereiztheit und diese zu Pöbeleien und dann zu wüsten Szenen, und das alles muss verhindert werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 09:36 Uhr

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