Ist knappe Kleidung unhöflich?

Die Antwort auf eine Stilfrage zum heiklen Thema offenherzige Garderobe.

Es ist ein Irrtum, dass man anziehen kann, was man will und wo man will: Besucherinnen an einem Konzert. Foto: 4Eleven Images, Flickr

Es ist ein Irrtum, dass man anziehen kann, was man will und wo man will: Besucherinnen an einem Konzert. Foto: 4Eleven Images, Flickr

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Ich als Mann (52) finde, dass in der Diskussion darüber, wie Männer Frauen nachschauen sollen, immer etwas vergessen geht: Wie viele Frauen sich unhöflich anziehen. Ich meine damit Frauen, die einem mit knapper Bekleidung aufzwingen, Dinge zu sehen, die man nicht sehen will. So, dass man denkt: Du bist hier nicht am Strand, sondern in der Stadt oder bei der Arbeit – könntest du dich bitte anständig anziehen? Damit will ich nicht sagen, dass Männer deswegen starren dürfen, sondern dass dieses mangelnde Gefühl dafür, was sich gehört, von Frauenseite doch genauso daneben ist wie Gegaffe. Was meinen Sie?
J. F.

Lieber Herr F.,

oh, Sie haben ganz eindeutig einen Punkt. Was Sie beklagen, ist fehlende Dezenz und die Abwesenheit eines Gespürs dafür, was passend ist und was nicht. Es geht konkret um offensive Bekleidung, und da bin ich ganz mit Ihnen. Auch als Frau.

Die Problematik entsteht aufgrund eines grandiosen, aber weitverbreiteten Irrtums. Nämlich dem des «anything goes». Weil starre Vorschriften textiler Natur zunehmend wegfallen, wird daraus häufig der falsche Schluss gezogen. Eben der, dass man anziehen kann, was man will und wo man will. Und auch: Dass spiessig ist, wer sich darob stört.

Es ist, man darf es wohl schon so sagen, nachgerade dramatisch provinziell, so zu denken. Und es ist auch ein wenig dumm. Denn darin äussert sich eine gewisse Dumpfheit, ein fehlendes Gespür dafür, was angebracht ist und was nicht. Das wiederum zeugt von einer unschönen Ignoranz der Umgebung gegenüber. Und es manifestiert sich darin nicht nur kindischer Trotz, sondern auch mangelnde Feinheit, denn diese Sorte Mitmensch geht ja in allen Belangen mit dem Motto durchs Leben: «Ich mache, was mir passt, es ist schliesslich nicht verboten.» Was zum Beispiel dafür sorgt, dass Touristenorte tatsächlich Bikinis in Restaurants verbieten müssen, weil das einer grossen Anzahl von weiblichen Gästen offenbar nicht selbstverständlich erscheint. Es hat keineswegs nur mit der Optik zu tun, dass die Welt durch diese Attitüde der dauernden Selbstverwirklichung nicht zu einem schöneren Ort wird.

Dabei ist es doch ganz einfach. Kleider brauchen einen Rahmen. Fehlt dieser, kommen sie entweder nicht richtig zur Geltung, ihr Effekt verpufft, oder sie wirken schlicht und einfach deplatziert. Letzteres ist die schlechtmöglichste Variante. Weil sie die Trägerin unelegant wirken lässt. Eleganz ist wichtig. Immer.


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Erstellt: 07.08.2016, 19:28 Uhr

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