Interview

«Mit jedem Tattoo fand ich mehr zu mir»

Der Zürcher Dario Tozzi (23) hat sich sogar den Kopf tätowieren lassen — unter extremen Schmerzen. In der Modewelt kommt das an.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie alt waren Sie, als Sie sich das Gesicht tätowieren liessen?
Da war ich 17.

Im Gesicht tut das doch schrecklich weh.
Ja, extrem.

Nimmt man da Schmerzmittel oder Drogen?
Das würde ich nie machen. Entweder man machts nüchtern und erträgt den Schmerz, oder man lässt es sein.

Was sagten Ihre Eltern dazu?
Die waren am Anfang überhaupt nicht begeistert. Ich hatte niemanden auf meiner Seite, als ich diesen Schritt machte. Aber das war mir auch ziemlich egal. Ich lebe mein Leben für mich selber.

Wie war Ihre Kindheit?
Die war gut. Allerdings war ich kein einfacher Schüler, war hyperaktiv und der Pausenclown. Daher war das Verhältnis zu den Lehrern gespannt.

Worin liegt die Befriedigung, den ganzen Körper voller Tattoos zu haben?
Als ich damit begann, da hatte ich ganz wenig Selbstvertrauen. Mit jedem Tattoo fand ich mehr und mehr zu mir selbst. Ich erkannte, wer ich bin und was ich will. Seither sehe ich die Menschen in einem ganz anderen Licht.

In welchem?
Die meisten Menschen verstecken sich hinter einer falschen Fassade, nur um vorwärtszukommen. Sie belügen sich selbst.

Gibt es für Sie auch Menschen, die wahrhaftig sind und keine Masken tragen?
Selten, ich kenne wenige, die hundertprozentig zu sich stehen. Ich habe immer das gemacht, was ich für richtig fand, ich habe auch nicht immer auf andere Rücksicht genommen. Das war zum Teil sehr egoistisch, aber für mich der einzige Weg, mein Leben zu leben.

Wie wählen Sie die Motive Ihrer Tattoos aus?
Alles ist meine Idee. Manche Sujets stammen aus Büchern, vielfach sind es auch Wörter, zum Beispiel Buck, das ist mein Künstlername im Internet.

Was bedeutet Buck?
Das ist ein Hund aus Jack Londons Roman «Ruf der Wildnis».

Gibt es eine Art Community unter den Tätowierten?
Das gibt es, aber ich halte Abstand und mache mein eigenes Ding.

Welche Reaktionen hatten Sie auf Ihr Aussehen?
Ich hatte schon alle Reaktionen, von ängstlich sein bis auslachen, glotzen oder Föteli machen.

Befriedigt oder irritiert das?
Mich interessieren die Reaktionen nicht. Sie lassen mich kalt.

Gehen Sie immer zum gleichen Tätowierer?
Mittlerweile sind es 20 verschiedene gewesen. Mein Lieblingstätowierer kommt aus Texas, der arbeitet seit ein paar Jahren in Zürich.

Was kostet eine Sitzung?
Pro Stunde 250 Franken. Ich gab für alles gut 25 000 Franken aus.

Wie kam es zum Modeln?
Die ersten Shootings machte ich mit einem guten Freund von mir, dem Fotografen Andres Herren. Danach verbreiteten sich Bilder von mir im Internet. Dadurch lernte ich jemanden kennen, der mit Nicola Formichetti zusammenarbeitet, dem Stylisten von Lady Gaga. Die beiden kreierten ein neues Logo für den Modeschöpfer Thierry Mugler. Einen Monat später hatte ich Fotoaufträge in Paris. Nicola kannte auch den Kanadier Rick Genest. Der hat einen Totenkopf auf sein Gesicht tätowiert und nennt sich Rico Zombie-Boy. Vergangenes Jahr konnte ich an der Fashion Show für Mugler zusammen mit ihm als Model laufen.

Mussten Sie nicht vorher das Gehen und Auftreten am Laufsteg üben?
Da sind Rico und ich ins kalte Wasser geworfen worden. Es hiess einfach «lauft!».

Welche Mode führten Sie vor?
Einen normalen Anzug mit etwas weiten Hosen, und dann lief ich mit nacktem Oberkörper und einem Schleier auf dem Kopf.

Was verdient man als Model?
Bei Thierry Mugler bekam ich 800 Euro fürs Laufen.

Wie ging es danach weiter?
Dann konnte ich nach Berlin, London, Birmingham und nach New York, sowohl für Fashion Shows wie für Fotos. In New York hatte ich ein Covershooting für ein Männermodemagazin. Später konnte ich in Montreal auch noch einen Videoclip für Three Six Mafia drehen. Das ist eine Hip-Hop-Gruppe aus den USA. Bald gehe ich wieder nach Paris.

Bekommt man noch Jobs, wenn man so wie Sie tätowiert ist?
Ja, doch. Ich hatte schon verschiedene Jobs auf dem Bau. Jetzt arbeite ich in einer Bar. Ich hatte nie vor, in einem Büro zu arbeiten.

Was war Ihr letztes Tattoo?
Das war eines im Gesicht, und zwar die vier Buchstaben DTTW, das heisst «Death to the World».

«Tod für die Erde», das tönt nicht gerade optimistisch.
Ich bin nicht gegen die Erde an sich, sondern die heutige Gesellschaft, die die Erde kaputt macht.

Engagieren Sie sich in irgendeiner Art, um dieses Kaputtmachen zu verhindern?
Nein. Ich schaue kein TV, lese keine Zeitungen und gehe nicht abstimmen.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?
Gar nicht. Ich nehme einen Tag wie den anderen. Gerne würde ich wieder ein paar Monate in New York leben.

Und wie sehen Sie sich als alten Mann?
Ich sehe mich eigentlich nicht wirklich alt werden.

Erstellt: 22.01.2012, 17:48 Uhr

Der Körper als Gesamtkunstwerk: Dario Tozzi wählt seine Sujets selber aus (Bild: RS).

Bildstrecke

Das geht unter die Haut

Das geht unter die Haut Sydney Tattoo Expo: Der grösste Tattoo-Event der südlichen Hemisphäre öffnete am 11. März 2011 seine Tore.

Artikel zum Thema

Das gezeichnete Ich

Hintergrund «Das Herz auf der Haut» erzählt die Geschichte der Tätowierungen. Selbst im Zeitalter der Reproduzierbarkeit haben sich Tattoos ihre exotisch-erotische Aura bewahrt. Mehr...

Der Davidstern als Tattoo im Intimbereich

Vanessa F. Fogel verquickt in ihrem Roman «Sag es mir» den Holocaust mit Selbstfindungskitsch. Mehr...

Stechen und stechen lassen

Ein Event, der unter die Haut geht: Die Körperkunst-Fans dieser Welt pilgern nach Sydney an die grösste Tattoo-Messe der südlichen Hemisphäre. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...