Nägel feilen im Zug?

Frauen machen ihre Morgentoilette im Zug. Alle sehen es, alle schüttelt es, niemand sagt etwas.

Das gehört sich nicht: Nägel feilen im Zug. Dmitri Mihhailov / iStockphoto

Das gehört sich nicht: Nägel feilen im Zug. Dmitri Mihhailov / iStockphoto

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Heute Morgen in der S-Bahn – wieder einmal! Eine junge Frau, ca. Anfang 20, bürstet hingebungsvoll ihre bis zur Hüfte reichende Haarpracht. Allfällige Haare, die sich dabei lösen, werden auf den Boden fallen gelassen. Damit aber noch nicht genug! Jetzt kommt das Gesicht dran, das mit einem grossen Pinsel gepudert und anschliessend sorgfältig geschminkt wird. Und nun der Höhepunkt: Die Nagelfeile wird ausgepackt und die Nägel schön in Form gestutzt und poliert. Kein Witz – alles beobachtet an einer einzigen Person am frühen Morgen zwischen Meilen und Oerlikon. Die S-Bahn ist rappelvoll, sodass sich ein Umsetzen als aussichtslos erweist. Nun meine Frage: Darf man als 51-Jährige etwas sagen, oder ist das spiessig und uncool (wie meine Söhne sagen würden)? Ich bemängle ja selbst an meiner 80-jährigen Mutter, dass sie mittlerweile alle und jeden zurechtweist in der Öffentlichkeit, der nicht nach ihrem Gusto aussieht oder sich so benimmt – und ich habe mir geschworen (und meinen Männern zu Hause versprochen), nie so zu werden. Sollte ich mir, um meine Nerven zu schonen und mir keinen dummen Gegenspruch anzuhören, einfach einen Stehplatz suchen?

S. Sch.

Liebe Frau Sch., ich habe regelrecht körperlich mitge­litten beim Lesen, derart gegraust hat es mich vor diesen Haaren und diesen Nägeln. «Man sollte die Dinge nicht zu sehr verkommen lassen», schrieb einst die hinreissende Leserin G. K. (über 90), und just das ist die Maxime dieser unserer kleinen Rubrik.

Wenn Sie also der jungen Dame, die sich ungeniert in aller Öffentlichkeit ihrer Körperpflege widmet, freundlich lächelnd mitteilen, sie sei trotz ihrer Schminke wahnsinnig unappetitlich, dann beweisen Sie damit Zivilcourage. Denn es verhält sich doch so: Alle sehen es, alle schüttelt es, niemand sagt etwas.

Weil wir ein Volk von Feiglingen sind. Wir mögen es nicht konfrontativ. Wir machen lieber die Faust im Sack und echauffieren uns heimlich. Und hoffen vor allem immer, dass da jemand ist, der das mit dem Zurechtweisen für uns übernimmt (Ihre Mutter!). Aber das ist verkehrt gedacht, denn die Unanständigen und die Trampel und die Rüpel können sich nur ausbreiten, wenn ihnen niemand Einhalt gebietet. Sie denken jetzt natürlich: Wieso muss das ausgerechnet ich sein?

Ich sage Ihnen, weshalb: weil Sie dann meine höchstpersönliche Heldin sind. Und Sie Ihren Männern daheim sagen können, dass Sie nicht spiessig sind – sondern Eier haben.

Bettina Weber

Haben Sie Fragen? Schicken Sie sie an gesellschaft@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2017, 11:57 Uhr

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