Perfektionist

Raucher erwünscht

Roman Peter ist einer der letzten Pfeifenbauer des Landes. In seinem Atelier in Affoltern am Albis ist er auf der Suche nach der perfekten Pfeife.

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Der Geruch ruft Bilder von warmen Stuben mit schweren spanischen Möbeln wach. Von Feierabend und Kaminfeuergesprächen. Doch wir stehen im kahlen Gang eines Bürogebäudes im Industriequartier von Affoltern am Albis. Es riecht nach Pfeifentabak. Wir gehen der Nase nach in die Werkstatt. Dort ist Roman Peter an der Arbeit, eine Pfeife im Mund, eine Lederschürze umgebunden, eine modische Brille auf der Nase. Peter ist einer der letzten Pfeifenbauer des Landes.

Im Hintergrund läuft prunkvolle Barockmusik. Peter sagt: «Die besten Pfeifen entstehen aus dem Geschwür eines Erikagewächses.» Der Bruyère-Strauch wächst wild im Mittelmeergebiet und bildet zwischen Stamm und Wurzel eine Knolle aus, deren Holz ausserordentlich hitzebeständig ist und beim richtigen Schliff eine schöne Maserung aufweist. In diesen unscheinbaren Holzknollen sucht Roman Peter seine perfekte Pfeife. Die Maserung kann Flammen oder Vogelaugen bilden, akkurat parallel verlaufen oder wild. Peter spricht von Charakter. Und wer ihm zuhört, behauptet nie mehr, Pfeifenbauen sei ein Handwerk. Es ist Kunst.

Stundenlanges Schleifen

Mit einem schwarzen Filzstift zeichnet Peter einen Pfeifenkopf auf ein unförmiges Stück Holz. «Ich suche die Pfeife, die in diesem Holzstück steckt.» Erst sägt er die Form grob aus, dann bohrt er das Loch, wobei die beiden Kanäle von Pfeifenkopf und Holm punktgenau aufeinandertreffen müssen. «Sonst sammelt sich Wasser an.» Nun beginnt die Feinarbeit mit Feilen und Schleifpapier. Am Schluss mit Bimsmehl. Zwischendurch pinselt er den Pfeifenkopf schwarz an. «Damit ich sehe, wo ich schon geschliffen habe.» Zudem werden dadurch die weicheren Schichten dunkler, was die Maserung besser zur Geltung bringt.

Schleifen und polieren dauert stundenlang. Peter sitzt locker auf einem hohen Stuhl, aus seiner Pfeife steigt gleichmässig Rauch auf. Manchmal legt er seine Arbeit aus den Händen, um mit einem Bleistift oder einer Schraube seine Pfeife zu stopfen. «Die hat schon mein Vater während dreissig Jahren geraucht», sagt er. Und er raucht sie nun auch seit dreissig Jahren. «Gute Pfeifen halten ein Leben lang, wenn man sie gut pflegt und nicht zu heiss raucht.»

Roman Peter ist in Adliswil aufgewachsen. Als er fünfzehn war, sagte sein Vater: «Bub, fange nicht mit Zigarettenrauchen an. Wenn du rauchen willst, kannst du eine meiner Pfeifen haben.» So hielt er es. Er lernte erst Möbelschreiner, dann wurde er Restaurator. Und weil gute Pfeifen bei seinem Lohn nicht drin lagen, begann er, sie selbst zu bauen. Vor dreissig Jahren wurde das Hobby zum Beruf.

Und dann ein Sandnest

Peter hält die Pfeife, die er in Arbeit hat, prüfend gegen das Licht. Noch ist er mit der Form nicht vollends zufrieden. Manchmal, so erzählt er, ist er auf dem Weg zur perfekten Pfeife. «Ich gerate in einen Rausch, vergesse alles rundum, arbeite wie besessen.» Dann, nach sieben Stunden Arbeit, zeigt sich ein winziger Einschluss. Ein kleines Sandnest. Aus der perfekten Pfeife wird eine lediglich gute Pfeife, was einen Preissturz von 2000 auf 600 Franken zur Folge hat. Doch bleibt es eine Peter-Pfeife, deren Markenzeichen ein Ring aus blendend weissem Antilopenknochen ist und die eine schnörkellose Eleganz aufweist. «Ich mag keinen Firlefanz.»

In unzähligen Schubladen lagern im Setzkastensystem Pfeifendeckel, Pfeifenringe und Mundstücke. «Ich habe schätzungsweise 30 000 Mundstücke.» Obwohl er die Mundstücke für seine Pfeifen selbst aus Ebonit-Stäben, einem Naturkautschuk, schneidet und biegt. Betreibt Peter schon als Pfeifenbauer ein aussterbendes Handwerk, ist er als Pfeifenrestaurator erst recht allein auf weiter Flur. Er kauft alte Bestände und Werkzeuge von ehemaligen Pfeifenmanufakturen zusammen und stöbert auf Flohmärkten. «So finde ich auch für ausgefallene Modelle fast immer passende Ersatzteile.»

Vor kurzem hat er von einer Manufaktur, die geschlossen wurde, eine Ladung Deckel für Bauernpfeifen übernommen. «Viele Bauern klagen, dass sie keine guten Bauernpfeifen mehr bekommen.» Diese müssen abgedeckt sein, damit die Glut im Stall nicht das Heu in Brand steckt. In den letzten Wochen hat er Hunderte von Bauernpfeifen gefertigt. Allerdings im Schnellverfahren und unter Verwendung von Halbfertigprodukten. «Sie bekommen meinen weissen Ring nicht.»

Was macht die gute Pfeife aus?

Peter löst die Pfeife aus der speziellen Halterung, befeuchtet sie, um die Maserung besser sichtbar zu machen, und dreht sie mit prüfendem Blick hin und her. Der Künstler ist zufrieden mit seinem Werk. «Nicht perfekt, aber immerhin sehr gut. Jetzt muss ich noch das Innenleben formen.» Versieht er seine Pfeifen auch mit Filter? «Wenn der Kunde das wünscht», sagt er. «Ich finde: Entweder man raucht Pfeife oder man raucht nicht.» So oder so: Es gibt immer weniger Pfeifenraucher. Das beschauliche Schmauchen widerspricht dem Zeitgeist. «Aber wer noch Pfeife raucht, legt Wert auf eine qualitativ gute Pfeife.» Zudem ortet Peter einen neuen Trend zum Pfeifenrauchen, «vor allem bei den Jungen.»

Was macht die gute Pfeife aus? Die Form? Das Material? Der Tabak? Oder wie es nach dem Einblick in Roman Peters Arbeit den Anschein macht: die Schönheit? Peter stochert in seiner Pfeife, zieht zwei-, dreimal. Sein Gesicht verschwindet hinter einer Rauchwolke. Dann sagt er: «Eine Pfeife muss zum Raucher passen.» Selbst die beste Pfeife ziehe nicht recht oder gudere, wenn sie und der Raucher nicht zusammenpassten.

Man raucht auch mit dem Auge

Der Pfeifenraucher ist unbewusst immer ein bisschen mit seiner Pfeife beschäftigt. Sie muss ein Teil von ihm werden. Roman Peter sagt: «Pfeifenrauchen ist ein visuelles Rauchen.» Glut und Rauch müssen stets im Auge behalten werden. Die Pfeife darf nicht zu heiss werden, aber auch nicht auskühlen. Maserung, und Form und Charakter müssen zum Raucher passen. Für die perfekte Pfeife braucht es nicht nur das perfekte Holz und den perfekten Pfeifenbauer, sondern auch den perfekten Raucher.

Erstellt: 05.07.2012, 06:30 Uhr

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