Bärte machen Männer

Eine Kulturgeschichte über 4000 Jahre Bartmode: Eine Ausstellung in Berlin nimmt sich des Hipsterthemas an.

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Im deutschen Wahlkampfjahr 1994 wollte ein unrasierter Sozialdemokrat Bundeskanzler werden. Für die CDU waren das gleich zwei Unzumutbarkeiten. Also warb sie auf Plakaten prompt mit dem versonnen dreinblickenden Amtsinhaber Helmut Kohl und dem Slogan «Politik ohne Bart». Rudolf Scharping verlor die Wahl. Als er wenig später auch noch als SPD-Vorsitzender gestürzt wurde, rasierte er sich glatt und erklärte: «Der Bart gibt einem Gesicht Profil.» Seine Schlussfolgerung – «Das brauche ich jetzt nicht mehr» – erwies sich allerdings als falsch. Bärte haben seit je Politik gemacht. Das zeigt die Ausstellung «Bart – zwischen Natur und Rasur» im Neuen Museum Berlin, die den aktuellen Hype um den Bart mit einer kleinen Kulturgeschichte der Gesichtsbehaarung unterfüttert. Sich zu rasieren oder nicht, war nämlich lange Zeit mehr als nur eine Frage der Mode.

Schon in der griechischen Antike wurde die Weisheit an der Länge des Bartes gemessen. Alexander der Grosse überliess diese Weisheit lieber den Philosophen, das beweist ein Marmorkopf aus dem 4. Jahrhundert vor Christus: Der junge Feldherr wollte Taten sprechen lassen und wurde der erste Herrscher, der sich glatt rasiert präsentierte. Ganz pragmatisch befahl er seinen Soldaten, es ihm gleichzutun, damit sie eine Angriffsfläche weniger hätten, in der sich ein Feind verheddern könnte.

Lutherscher Wildwuchs

Alexander wurde zum Vorbild dafür, wie ein Staatsmann auszusehen hatte. So kennt man auch die ersten 13 römischen Kaiser zwar mit gut onduliertem Haupthaar, aber nur mit glatten Wangen. Erst der 14., Hadrian (117–138), liess sich wieder einen gepflegten Vollbart wachsen. Eine zeitgenössische Porträtbüste zeigt ihn mit der Barttracht eines griechischen Gelehrten. Sein Stil setzte sich schnell durch, im frühen 2. Jahrhundert war der Vollbart wieder gesellschafts­fähig.

Die Berliner Ausstellung versucht glücklicherweise nicht, sich nur durch die Frisuren der Jahrhunderte zu deklinieren, sondern liefert auch gut recherchierte Geschichten. Sie erzählt etwa, wie Martin Luther zum Bärtigen wider Willen wurde. Von Lucas Cranach dem Älteren kennt man die vielen Luther-Porträts, die einen ordentlich rasierten und wohlgenährten Mann zeigen. Cranach hat den Reformator aber auch als Junker Jörg gemalt. Luthers Pseudonym zu der Zeit, als er sich auf der Wartburg versteckt hielt, wurde von einer äusserlichen Veränderung begleitet: Mit wild wucherndem Backenbart wollte sich der exkommunizierte und für vogelfrei erklärte Luther tarnen.

König Charles I. von England wollte mit seiner Haarpracht dagegen vor allem Eindruck schinden. Eine Bronze von Hubert le Sueur zeigt ihn mit einer mächtigen Bürste auf der Oberlippe und einem gekämmten Ziegenbart am Kinn, die ein gleichschenkliges Dreieck formulieren. So akkurat und ausgewogen war Charles als Staatskünstler allerdings nicht. Sein Versuch, Schotten und Engländer gegeneinander auszuspielen, löste einen Bürgerkrieg aus und führte zur Enthauptung des auch im Angesicht des Henkers gut frisierten Königs.

Mehr als 20 Kunsthistoriker und Archäologen, Historiker und Ethnologen, Soziologen und Medienwissenschaftler haben sich die Ausstellung ausgedacht und Exponate zusammengetragen. Aus dem Vorderasiatischen Museum kommt eine hethitische Tontafel, in die das Gilgamesch-Epos eingemeisselt ist, denn auch in dieser ältesten bekannten Dichtung war schon von der Bedeutung des Bartes die Rede. In Russland um 1700 konnte es für Bärtige teuer werden. Zur Finanzierung des Nordischen Krieges besteuerte Zar Peter der Grosse den Voll- und den Schnurrbart. Als Quittung wurden Bartkopeken ausgegeben, wie sie sich heute in der Sammlung des Münzkabinetts finden.

Mit einer solchen Bartsteuer liesse sich auch heute einiges finanzieren – auf den Strassen wird derzeit mit viel Echthaar geprotzt. Die angesagtesten Bärte: Ducktail, French Fork oder Rap Industry Standard, Soul Patch, Schifferkrause oder der ultimative ZZ (man muss sich nur Top dazudenken und hat den Bart vor Augen). Was früher als Schnauzer unter den Nasen unserer Väter hing, wird heute stolz als Moustache getragen.

Barbier ist wieder ein Beruf mit Zukunft. Überall suchen Barbershops nach Kundschaft – ein Bart will gepflegt sein. So werden auch vergessene Kulturtechniken des Bartbindens, Bartbürstens und Bartwichsens wiederbelebt und im Internet diskutiert. Blackbeards, ein Blog und Anbieter von Pflegeprodukten und Rasiertipps, verrät das Geheimnis: «Dein Bart verändert dich, dein Bartstil ist ein Statement, dein Bart gibt dir Selbstvertrauen und: Die meisten Männer sehen mit einem Bart besser aus.»

Manche Frauen auch. Conchita Wurst hat als bärtige Kunstfigur Karriere gemacht. Keine Kunstfigur war dagegen die Fremdsprachenkorrespondentin Mariam, die in der SAT-1-Realityshow «Schwer verliebt» verkündete, sie habe ihren Damenbart – in der Bartstilkunde ein veritabler Henriquatre – akzeptiert. Im Neuen Museum hat sie nun ihren Pavillon aufgeschlagen, um über weiblichen Bartwuchs aufzuklären. Noch vor 100 Jahren wurden bärtige Frauen in ­Kuriositätenkabinetten ausgestellt.

4000 Jahre Geschichte von Bart und Rasur machen vor allem eines deutlich. Jeder, dem ein Bart wächst, steht irgendwann vor der existenziellen Frage: Natur oder Kultur? Nur Naturburschen machen sich diese Entscheidung leicht. Berlin, Neues Museum, bis 28. Februar.

Erstellt: 04.02.2016, 18:37 Uhr

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