Der Meister der funkelnden Welten nimmt seinen Hut

Hedi Slimane gab seinen Rücktritt als Chefdesigner bei Saint Laurent bekannt.

Waltete als Chefdesigner bei Saint Laurent in den vergangenen vier Jahren: Hedi Slimane. Foto: Y. R. (Eyevine / Dukas)

Waltete als Chefdesigner bei Saint Laurent in den vergangenen vier Jahren: Hedi Slimane. Foto: Y. R. (Eyevine / Dukas)

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Am Freitagmorgen wurde es kommuniziert: Hedi Slimane (47) verlässt nach vier Jahren seinen Chefdesignerposten beim französischen Luxuslabel Saint Laurent.

Die Neuigkeit war kein Schock, man hatte schon Wochen über seinen Abgang gemutmasst, aber eine Überraschung ist sie allemal: Das Label, 1961 von Yves Saint Laurent gegründet, befand sich unter der Leitung des Franzosen gerade auf einem wirtschaftlichen Höhenflug. Während Slimanes Kreativdirektion haben sich die Einnahmen des Modehauses mehr als verdoppelt: 2015 vermeldete das Mutterhaus Kering Einnahmen in der Höhe von 1,05 Milliarden Euro, 38 Prozent mehr als noch im Vorjahr. 2011, ein Jahr, bevor Slimane das Modehaus übernahm, waren es noch lediglich 354 Millionen Euro gewesen.

Die immense Kauflust erstaunte. Slimane, ein notorisch zurückgezogener Designer, der in den Neunzigerjahren schon die Männerlinien von Yves Saint Laurent und Dior aufgemöbelt hatte, trat 2012 seinen neuen Chefdesignerposten mit obsessiv anmutendem Veränderungswillen an. Er kehrte Paris, wo Yves Saint Laurent seit der Labelgründung seine Ateliers führte, den Rücken und gründete ein neues Hauptquartier in Los Angeles. Slimane schnitt beim Labelnamen das «Yves» von Yves Saint Laurent weg, entwarf neue Ladenkonzepte und zog es vor, alle neuen Kampagnen gleich selbst zu fotografieren.

In seiner ersten Kollektion 2012 zeigte sich schliesslich, was in den kommenden Jahren Programm sein würde. Insbesondere Yves Saint Laurents Entwürfe der Sechziger- und Siebzigerjahre inspirierten: Slimane zeigte die legendären Frauen-Smokings und Schluppenblusen, Animalprints und Quasten. Als fanatischer Los-Angeles- und Musikfan mischte er diese Einflüsse mit ultraschmalen Silhouetten, Leder, Leggings und Pailletten. Er schickte knochendünne, hohlwangige Models und befreundete Musiker über den Laufsteg. Im Hintergrund pochte Rock ’n’ Roll, und in der ersten Reihe kippten junge Nachwuchsmusiker Champagner direkt aus der Flasche.

Das Gefühl von Rock ’n’ Roll

Die Modekritiker waren wenig begeistert: Das sei ein bisschen so, als hätte sich ein kalifornisches Mädchen in einem Secondhandshop ein paar tolle Festivalklamotten gekauft. Oder ein Surfergirl ein Grunge-Kostüm. Der dünnhäutige Kontrollfanatiker Slimane verbannte die lautesten Nörgler von seinen Gästelisten und bezeichnete in einem offenen Brief die Journalistin Cathy Horyn als «Pausenplatz-Tyrannin». Aber die vom kalifornischen Lebensgefühl infizierten Modeschauspektakel täuschten offenbar: In einem anderen Kontext, nämlich den von Slimane neu gestalteten, schlicht in Schwarz-Weiss gehaltenen Läden, gingen die kleinen Lederjacken, die schlichten Taschen und die schmalen Hosen als Klassiker durch – und verkauften sich massenhaft.

Unter Slimanes alles kontrollierender Regentschaft wurde aus einem dahindümpelnden Label wieder ein wichtiger modischer Player. Es ist Slimanes Genie zu verdanken: Er weiss, wie man Kleidern das tobende, funkelnde Gefühl von Rock ’n’ Roll verleiht.

Erstellt: 03.04.2016, 21:57 Uhr

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