Die Alleinherrschaft eines jungen Georgiers

Demna Gvasalia zeigte gerade seine erste Kollektion für Balenciaga – und sorgte damit für die meistgefeierte Schau in Paris.

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Demna Gvasalia ist bleich, und an seinem Kinn klebt ein Schatten von einem Bart. Der gebürtige Georgier lebt im neunten Pariser Arrondissement, einer guten Gegend für Kreative, Modefans und Gourmets. Trotzdem: Der 34-Jährige könnte sich nun langsam nach einem Loft mit Blick auf den Eiffelturm umsehen. Über sein neues Engagement als Chefdesigner für das Luxuslabel Balenciaga sprach die ganze Modebranche. Keine andere Kollektion in den vergangenen vier Wochen, als man die Herbsttrends für das kommende Jahr in New York, London, Mailand und Paris präsentierte, wurde so sehnsüchtig erwartet wie seine. Und keine so enthusiastisch aufgenommen.

Vom Flüchtlingskind zum Star

Wer ist der Mann, der im Alleingang dafür sorgt, dass Mode wieder elektrisiert? Demna Gvasalias Kindheit war vom Bürgerkrieg in Georgien geprägt. Er und seine Familie zogen sechs Jahre lang umher, um dem Konflikt zu entkommen, zuweilen musste man sich sogar in Kellern vor den Angriffen in Sicherheit bringen. Als Teenager besuchte Gvasalia ­Raves und begann, sich für Mode zu interessieren. Er studierte später an der renommierten Academie voor Schone Kunsten in Antwerpen und arbeitete als Designer im Team des Belgiers Martin Margiela, danach bei Louis Vuitton unter Nicolas Ghesquière.

Eine gute Schule, aber Gvasalia begann sich zu fragen: Warum und für wen entwerfe ich? Und so stellten er und ein siebenköpfiges Team 2014 ein neues Label auf die Beine: Bei Vetements konzentrierte man sich auf zeitgeistige Klassiker, die sich gut kombinieren liessen, schlau konstruiert waren und genau die richtige Portion Punk besassen. Trenchcoats oder Kapuzenshirts übersetzte man ins Heute: mit ausgefuchsten, auf den ersten Blick absurden, beim Tragen aber stimmigen Proportionen, Streetwear-Elementen und einer unübersehbaren Ostblock-Ästhetik.

Die Modewelt verliebte sich sofort. Eine von Vetements entworfene Flickenjeans mit geradem Bein – Kostenpunkt 1200 Franken – war in den letzten vier Modewochen auf auffällig vielen Streetstyle-Bildern zu sehen. Auch in Zürich bekommt man den Wahn zu spüren: In den Boutiquen Roma und Trois Pommes erkundigen sich täglich verzweifelte Vete­ments-Fans aus dem Ausland, ob noch eines der begehrten und weltweit ausverkauften Stücke (die ganz bewusst nicht nachgeliefert werden) vorrätig sei.

Nihilistische Untergrundszene

Auch die Gruppe um Demna Gvasalia wurde immer bekannter. Schon lange gab es keine junge Modeszene mehr, die sich so kantig und ungekünstelt zeigte wie Vetements’ düstere, nihilistische Clubkids, darunter zum Beispiel die russische Stylistin Lotta Volkova Adam oder die französische DJ-Frau Clara Deshayes.

Beide sind das Gegenprogramm und eine willkommene Alternative zu den als neue Modeheldinnen gefeierten Kardashians. Jener aus einer Realityserie gewachsenen, übermächtigen Familie, die mit perfekt orchestriertem, aber blutleerem Modeverständnis in den letzten Jahren sogar grossen Designhäusern wie Givenchy oder Balmain als Muse diente. Aber viel Aufmerksamkeit ist eben nicht alles. Beide Chefdesigner lieferten diese Saison auffällig uninspirierte Kollektionen ab, und man kommt nicht umhin zu bemerken, dass es wohl eine Fehlentscheidung war, dermassen versessen auf die TV-Schwestern zu setzen, so unterhaltsam sie in ihrer Sendung auch sein mögen.

Der Hype um Vetements blieb derweil nicht unbemerkt. Auch ganz oben nicht. François-Henri Pinault, der mächtige Chef des Luxusmodekonzerns Kering, bewies einen guten Riecher, schnappte sich Demna Gvasalia und ernannte ihn zum neuen Chefdesigner des Traditionshauses Balenciaga. Ein risikoreicher Entscheid: Schon zuvor hatte man bei Balenciaga auf einen jungen Nachwuchsstar gesetzt – der gefeierte New Yorker Designer Alexander Wang aber war der Aufgabe nicht gewachsen. Er verhedderte sich und kapitulierte schliesslich unter dem massiven Druck, dem ein Designer eines internationalen Luxushauses heute ausgesetzt ist. Balenciaga-Kleider und die wirtschaftlich überlebenswichtigen Accessoires waren die letzten Saisons keine Must-haves mehr. Würde der Neue, Demna Gvasalia, das Ruder herumreissen können?

Eine überzeugende Kollektion

Die erste Balenciaga-Kollektion unter der Leitung des jungen Georgiers wurde letzte Woche im 15. Arrondissement gezeigt. Eine mit grauem Industrieteppich ausgelegte Treppe führte in ein stillgelegtes TV-Studio mit weiss gepolsterten Wänden. Aus den Lautsprechern heulten Sirenen.

Als Models wählte Gvasalia eine Handvoll Profis und Newcomer-Gesichter, aber in erster Linie Frauen aus dem Vetements-Umfeld: keine klassischen Schönheiten, aber dafür interessant. Sie alle stapften emotionslos, erhaben und zackig über den Laufsteg. Es war jene Art Frau, die schon Modehausgründer Cristóbal Balenciaga inspiriert hatte. Sein Hausmodel, eine ehemalige Verkäuferin namens Colette, verfügte laut der Balenciaga-Biografin Mary Blume über genau diesen autoritären Chic: «Sie betrat einen Raum wie ein Grenadier. Man hatte Angst, dass sie gleich alle umbringen würde.» Cristóbal Balenciaga verstand es in den Fünfzigerjahren wie kein anderer, diese Attitüde mit Schnitten und Silhouetten, die eine Frau aufrechter und leicht nach vorne gebeugt aussehen liessen, in seinen Entwürfen zu verweben. Genau diese Attitüde ist auch zentral in Demna Gvasalias Arbeit als Designer.

«Die Architektur der Kleidungsstücke war im Sinne von Cristóbal Balenciaga, aber ich habe die Wahl getroffen, welche konkreten Kleidungsstücke die moderne Balenciaga-Frau trägt», erklärte Demna Gvasalia nach seiner Show. Er zeigte eine luxuriöse Kollektion aus clever überarbeiteten Klassikern: übergrosse Lederjacken, eine am Rücken ausgestellte kurze Jeansjacke, schmale, knielange Röcke, gestreifte Hemden, weite Blumenkleider, einen Trenchcoat. Dazu kombinierte er glitzernde Ohrringe, funkelnde Pumps oder schwere Plateaustiefel.

Balenciagas neue Mode ist nah an den Bedürfnissen der interessierten Käuferschaft dran: Sie ist kompliziert, aber verständlich. Sie ist einfach, aber nicht dumm. Sie funktioniert tagsüber und nachts im Club. Demna Gvasalias Erfolg zeigt, dass authentische Untergrundszenen noch immer die Kraft haben, ans Tageslicht zu gelangen. Und noch immer als Musen taugen. Im Gegensatz zu den berühmtesten TV-Stars der Welt.

Erstellt: 13.03.2016, 17:49 Uhr

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