Die authentischen Rebellen aus dem Kinderzimmer

Warum die Welt der Männermode verrückt ist nach modelnden Jungs.

Das Männermodel Jackson Hale, auf dem Pflaster von Paris. Foto: Melodie Jeng/Getty Images

Das Männermodel Jackson Hale, auf dem Pflaster von Paris. Foto: Melodie Jeng/Getty Images

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Als Lucas Ossendrijver, Chefdesigner der Männerlinie des französischen Modehauses Lanvin, Models für seine ak­tuelle Herbst-Winter-Kollektion castete, suchte er nach älteren Gesichtern. Er habe keine Lust mehr auf 14-jährige Jungs aus Schweden, er suche nach verlebten Gesichtern und selbstsicherer Reife für seine Kollektion, sagte Ossendrijver nach der Show. Damit war er einer der wenigen Designer, die bewusst auf ältere Models setzen.

Knaben auf den Steg

Die Diskussion um das Schutzalter von weiblichen Models lässt vergessen, dass auch Männermodedesigner auf Jugendlichkeit setzen: Bei Versace und Balmain bucht man traditionell Adonisse, während die Mehrheit der Labels auf Knabenhaftigkeit setzt. Denn sie bringt eine Ausstrahlung ins Spiel, welche die Kleider mit Authentizität, Verletzlichkeit und Rebellentum anreichert. Einer der neuen jungen Pariser Wilden, der sehr gefragte Designer Gosha Rubchinskiy, erklärte kürzlich in einem Interview, er sehe sich nicht als Modedesigner. «Ich interessiere mich für junge Leute und ­eigentlich nicht für Mode.»

Wie obsessiv die Knabenhaftigkeit in der Mode zelebriert wird, davon erzählt eine neue Ausstellung in der Londoner Fashion Space Gallery. In «Mad About the Boy» geht man der Versessenheit auf Teenagerjungs, dieser Konstante in der Kunst- und Modegeschichte, auf den Grund. Es sind ganz bestimmte Ideale, die einem Jüngling – nicht mehr richtig Knabe, aber auch noch nicht ganz Mann – zugeschrieben werden. In «The Beautiful Boy», einer wissenschaftlichen Abhandlung, welche die Darstellung des jungen Mannes in der Kunstgeschichte erforscht, schreibt Germaine Greer: «Die Verletzlichkeit des Knaben ist aufgrund seiner Spontaneität und seines Draufgängertums akuter.»

Teenagerjungs stehen also für eine wackelige Zwischenwelt, die schon seit den Siebzigerjahren die Modefotografen und -designer inspiriert hat. In der jüngeren Modegeschichte waren es englische Club- und Skaterkids, die man in den Neunzigerjahren ihrer fragilen Authentizität wegen für Fotostrecken, Modeschauen und Filme zum ersten Mal direkt von der Strasse castete.

Atemlose Jugend

Anfang der Nullerjahre machte Designer Hedi Slimane mit seinen schmal geschnittenen Anzügen für Dior Homme eine dünne Rock-’n’-Roll-Knabenhaftigkeit zum Zeitgeist. Heute ist er Chefdesigner bei Saint Laurent, und seine männlichen Models werden, so scheint es, jedes Jahr dünner – so, als korrespondiere Slimanes wachsende Obsession für die Jugendkultur mit dem Schrumpfen der Hüften seiner Models. Das ist irritierend, aber Slimane ist mit verantwortlich für die Besetzungen an den vergangenen Männermodewochen. Und diese Models sind ja ein nachvollziehbares Stilmittel. Modelabels tun gut daran, eine einzig­artige Welt aufzufächern, in die sich die Käufer im besten Fall hineinkaufen wollen. Die atemlose Unbekümmertheit der männlichen Jugend kann ein schlagendes Verkaufsargument sein.

«Mad About the Boy»: Ausstellung bis 2.4., Fashion Space Gallery in London.

Erstellt: 31.01.2016, 17:45 Uhr

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