Die Frau in Schwarz

Die radikale Designerin Christa de Carouge ist 81-jährig verstorben. Ein Nachruf.

War nie Mainstream: Modedesignerin Christa de Carouge. Foto: Doris Fanconi

War nie Mainstream: Modedesignerin Christa de Carouge. Foto: Doris Fanconi

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Sie war Modedesignerin, aber Mode hat sie nie gekümmert. Christa de Carouge, die Frau, die immer Schwarz trug, entwarf Kleider. Und in denen sollte man wohnen können, wie sie jeweils sagte, Kleider sollten ein Zuhause sein.

Das hiess: Entwürfe von Christa de Carouge waren keine Maskerade – auch wenn die kuttenartigen, schwarzen Modelle oft so missverstanden wurden –, sondern ­sorgten in ihrer maximalen Reduziertheit für Authentizität. Man konnte sich trotz des wallenden, fliessenden Stoffes nicht in ihnen verstecken. Sie waren schwarz, sakral, pur. Nichts lenkte von der Trägerin ab.

Massentauglich waren sie deshalb natürlich nicht, in einer Zeit, in der Kim Kardashian als Stilikone gilt, erst recht nicht. Das kümmerte de Carouge aber wenig. Sie sei immer eine Aussenseiterin gewesen, sagte sie einmal. Sie mochte es nie eng und knapp, Leggings waren ihr ein Graus; de Carouges Vorstellung von Weiblichkeit hatte nichts mit der Zurschaustellung des Frauenkörpers im herkömmlichen Sinn zu tun.

Bereits in ihrer Jugend trug sie Männerhosen und -pullover, 1978 dann eröffnete sie als modische Autodidaktin ihre erste eigene Boutique im Genfer Quartier Carouge. Daher auch ihr Name, eigentlich hiess sie ja Furrer; auf Französisch klang das aber ungut wie «Führer».

Sie war ein feministischer Punk

Ihre modischen Vorbilder waren unübersehbar gewesen: Rei Kawakubo von Comme des Garçons, Yohji Yamamoto oder Rick Owens. Aber nicht, weil de Carouge diese kopiert hätte, sondern weil sie deren Sperrigkeit teilte und mitunter genauso schwer zugänglich war. Sie hatte einen anderen Blick auf den weiblichen Körper, eine andere Vorstellung dessen, was als schön und vor allem als weiblich gilt. So gesehen war de Carouge, obschon sie nie Farben trug und nie laut war, eine Art feministischer Punk, denn eines wollte sie nie: gefallen. Oder Mainstream sein. De Carouge war auf Zen-artige Weise radikal.

Vor 25 Jahren zog sie von der Westschweiz nach Zürich, ins Seefeldquartier, wo sie lebte und arbeitete. Und, fast ein wenig wie eine Predigerin, an die sie mitunter erinnerte, eine Anhängerschaft um sich scharte, die ihr optisch ähnelte: graue, kurze Haare, markante Brille, wallende Kleidung, immer in Schwarz. Christa de Carouge wurde zum Markenzeichen, unverkennbar. 2013, mit 76 Jahren, schloss sie ihr Atelier.

Ihre Arbeit zeigt die unfassbar vielen Facetten von Schwarz.

Zurzeit und noch bis zum 18. Februar zeigt das Zuger Kunsthaus eine Werkschau von de Carouge; ihre Entwürfe lassen sich dort nicht nur anschauen, sondern auch anfassen und anprobieren. Und man sieht, wie unfassbar viele Facetten Schwarz haben kann.

Geplant war, dass die Designerin jeweils persönlich durch die Ausstellung führt und Workshops leitet. Das geht nun nicht mehr. Gestern Mittwoch ist Christa de Carouge 81-jährig in Zürich gestorben. Ihre Kleider müssen, wie sie das eigentlich gerne mochte, für sich selbst sprechen.


Video: «Der Tod ist schlicht ein Schrecken»

Christa de Carouge, «Milieu-Anwalt» Valentin Landmann und Buchautor Willy Wottreng sprechen im April 2013 über ihre Vorstellungen, was für sie nach dem Tod kommt.
Video: Lorenz von Meiss
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2018, 18:53 Uhr

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