Die Glücklichmacherin ist tot

Sie hatte keine Designausbildung – trotzdem galt Sonia Rykiel als «zweite Coco Chanel».

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Sonia Rykiel war eine kleine Frau mit zarter Stimme und stets in existenzialistisches Schwarz gekleidet (schliesslich galt das Herz der Pariserin zeitlebens Sartres Rive Gauche). Niemand hätte sich nach der französischen Designerin umgedreht, wären da nicht diese Haare gewesen, die sie ein Leben lang unübersehbar machten – und zu ihrem Markenzeichen wurden: jene feuerrote, krause Wolle, zu einem fedrigen Bob geschnitten, die sogar von Andy Warhol auf Leinwand gebannt wurde.

Am Mittwoch starb Sonia Rykiel 86-jährig in Paris. Vermeldet wurde ihr Tod von der Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf ihre Familie. Und von François Hollande höchstpersönlich. Auf Twitter schrieb der französische Präsident: «Sonia Rykiel war eine freie Frau, eine Pionierin. Ihr Stil ist und bleibt ein Symbol für das Bündnis zwischen Farbe und Natürlichkeit, Fliessendem und Licht.»

Eine Pionierin wie Coco Chanel

Dass selbst an höchster Staatsstelle offiziell getrauert wird, zeigt, wie wichtig Sonia Rykiel für das Modeland Frankreich war. Man nannte sie auch «die zweite Coco Chanel», denn auch Rykiel stellte, genauso wie die grosse Mademoiselle, welche in den Zwanzigerjahren Frauen von Korsetts befreit hatte, die Damengarderobe auf den Kopf.

Sonia Rykiels Schaffen begann Anfang der Sechzigerjahre aus einem eigenen Bedürfnis heraus: Sie war damals gerade zum zweiten Mal schwanger, fand keine passende Kleidung und störte sich an grauenhaft sackartiger und unbequemer Umstandsmode. Also beschloss sie 1961, eine eigene Strickkollektion zu entwerfen – die so erfolgreich wurde, dass sie bald für eine Pariser Boutique zu produzieren begann. Rykiel war so beliebt, weil ihre Mode befreite. Die Designerin beschloss nämlich, dass der weibliche Körper unter allen Umständen gefeiert werden müsse: mit lässigen, bunten, dem Körper schmeichelnden Strickentwürfen. «Ich wollte der Welt zeigen, wie glücklich ich war», sagte Rykiel 1976 zu «Newsweek».

Rykiel, die nie eine Designausbildung genossen hatte und genau deshalb wohl auch so unbeschwert arbeitete, brach munter Regeln: Sie setzte auf Hosen, als Röcke angesagt waren, auf Farben, als man sich bedeckt hielt, auf Streifen, wenn Kleider eintönig zu sein hatten, und beschloss etwa fröhlich, Säume nach aussen hin zu vernähen und sichtbar zu machen. Die neue Unbeschwertheit begeisterte: Auf einmal trugen sogar Audrey Hepburn, Catherine Deneuve und Lauren Bacall Sonia Rykiels Pullis.

Sechs Jahre nach ihrer ersten Strickkollektion gründete die französische Designerin eine eigene Firma. Und diese florierte: 1978 brachte sie ihren ersten Duft und eine Brillenkollektion auf den Markt, 1987 erschien die erste Kosmetiklinie. Rykiel war ein Tausendsassa, interessierte sich für Innenausstattung und fürs Schreiben. So richtete sie unter anderem das Pariser Hotel de Grillon ein und verfasste mehrere Bücher.

Von 1973 bis 1993 war Rykiel Vizepräsidentin des französischen Chambre Syndicale du Prêt-à-Porter des illustren Branchenverbunds Couturiers et de Créateurs de Mode. Rykiel wurde zu einer der ganz grossen, legendären Designerinnen der jüngeren Modegeschichte. Mit den Stars ihrer Generation, den befreundeten Designern Karl Lagerfeld, Claude Montana oder Kenzo Takada, tauschte sie sich regelmässig aus.

In ihrem Sinne weitergeführt

Doch die Kräfte schwanden. Und familienintern war ja sowieso schon längst für Nachwuchs gesorgt. Im Jahr 1989 übergab Sonia Rykiel das Label an die zweite Generation, an ihre Tochter Nathalie – die bereits seit mehr als zehn Jahren im Familienunternehmen mitgewirkt hatte. Rykiel war aber noch immer aktiv an Design- und Entscheidungsprozessen beteiligt. Erst im Jahr 2009 zog sie sich vollkommen zurück.

Ihre Tochter Nathalie führt das Modeunternehmen im Sinne der Gründerin weiter – gemeinsam mit der seit einigen Modesaisons verantwortlichen Chefdesignerin Julie de Libran. Bei Sonia Rykiel tanzen und lachen die Models auf dem Laufsteg und den Kampagnenbildern öfter als bei allen anderen Modemarken. Und fröhlich, sexy und bunt sind Sonia-Rykiel-Sachen auch heute noch. Es sind aber keine Kollektionen mehr, die Trends setzen oder für Aufruhr sorgen. Doch sie stehen auf ihre federleichte Art für ein unverrückbares Stück Modegeschichte.

Sonia Rykiel starb an den Folgen von Parkinson. Sie hatte ihre Krankheit fünfzehn Jahre lang vor ihrer Familie verheimlicht – so lange, bis sich die Symptome nicht mehr länger verstecken liessen. Sie war eine Macherin, ein Freigeist – und bestimmt nicht eine, die sich mit ernsten Nebensächlichkeiten aufhielt.

Erstellt: 25.08.2016, 17:18 Uhr

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