Ciao von Piaggio

Die grosse Freiheit

Das Schnurren des Motors! Die elegante Verschalung! Es waren Insignien einer klassischen 80er-Pubertät.

Foto: Thomas Egli

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Ich wuchs in den Achtzigerjahren auf. Damals gab es keine Elektrovelos. Wer nicht pedalen mochte, fuhr Mofa. Doch meine Eltern gehörten zur ­krassen rotgrünen Minderheit im Dorf und befanden ein Töffli für «unnötig». Sie schenkten mir eines der ersten Mountainbikes, das es auf dem Markt gab. Das war grosszügig, aber es ging natürlich nicht um Mobilität. Ein Töffli bedeutete Freiheit und schuf Zuge­hörigkeit.

Rocker fuhren die Marke Puch. Popper und Secondos setzten auf Piaggio. Ich war offiziell ein Rocker, aber im Herzen ein Popper. Also schwärmte ich für Piaggio.

Die stolzen Besitzer trafen sich beim Coop oder vor der Molki und fach­simpelten über verschiedene Lenker­modelle und frisierte Motoren. Manchmal durfte ich ein paar Runden drehen. Das Schnurren des Motors! Die elegante Verschalung! Es waren Insignien einer klassischen 80er-Pubertät wie schultergepolsterte Blazer und neonfarbige Telefonkabel-Schlüssel­anhänger.

Verzweifelt ob der Ungerechtigkeit der Welt, erlag ich einer Affekthandlung: Ich klaute auf dem Heimweg vom Freibad einen Piaggio. Binnen 24 Stunden wurde ich von der Polizei geschnappt und direkt aus dem Schulzimmer auf den Posten geschleppt. Der Besitzer des Töffli, so stellte sich heraus, war ein Italienerjunge.

Wohlbehütetes Mittelstandkind bestiehlt Einwandererkind: Ich glaube, das war für meine Eltern schlimmer als das eigentliche Delikt. Meine Mutter entschuldigte sich auf Italienisch bei der Familie. Auch ich musste den Gang nach Canossa antreten.

Interessanterweise stieg nach der Tat meine Street Credibility – bei einer Bande von Halbstarken, angeführt vom gefürchteten Schlägertyp «Töffli-Meier», der mich von nun an auf dem Schulweg grüsste. Hatten die etwas gegen Italiener? Oder gegen die Polizei? Ich weiss es bis heute nicht.

Nach wie vor aber erhöht sich mein Puls, wenn ich einen Piaggio sehe. Gerne würde ich dann ein paar Runden drehen und schauen, ob es immer noch so toll ist. Aber wie damals ist es mir nicht vergönnt. Ich kenne schlicht niemanden, der einen Ciao besitzt.

Sollte ich vielleicht . . .?

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Erstellt: 23.11.2015, 11:23 Uhr

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