Dieser umwerfend schlichte Hauch von Nichts

Der Slip Dress wurde einst von Kate Moss lanciert – nun ist er wieder da.

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Eines der berühmtesten Partybilder der Neunzigerjahre zeigt Kate Moss in einem Kleid, das irgendwie keines ist: in einem transparenten, silbernen Nichts, 1993 von Designerin Liza Bruce entworfen und vom Model nur mit einer Bierflasche und einer Marlboro kombiniert. Das Kleid aus der Familie der «Slip Dresses» – schlichte Kleidermodelle mit Spaghettiträgern, aus Seide und mit Spitze verziert – wurde über Nacht zur Ikone.

Nicht nur, weil die Brustwarzen zu sehen waren oder die schwarze Unterhose. Ungeheuerlicher schien die Tatsache, dass dieses junge Ding dermassen entspannt rebellierte, indem es sich so selbstverständlich und ohne einen Hauch von Verdruckstheit der Kamera präsentierte.

Slip Dress als Statement

Noch andere erkannten in den Neunzigerjahren, dass die seidenen Kleidchen viel zu schön sind, um sie nur zu Hause zu tragen. Dass sie viel zu viel subversive Kraft besitzen, um sie nicht für Machtspielchen zu nutzen. Der Grunge-Musikerin Courtney Love hingen zerrissene Slip Dresses am Körper und glitzernde Krönchen auf den fettigen Haaren, um dem Establishment zu demonstrieren, wie egal es ihr ist, dass irgendwer einmal beschlossen hatte, dass Damen in Nachthemden hinter verschlossene Schlafzimmertüren gehören.

Wie ein erhobener StinkefingerSogar Prinzessin Diana hatte einen viel diskutierten Auftritt in einem Slip Dress. Einige Monate nach ihrer Scheidung tauchte sie am New Yorker Met-Ballabend in einem Modell von Dior auf. So sinnlich hatte sie sich zuvor noch nie präsentiert. Ihr Kleid wirkte in einem anderen und weitaus formelleren Kontext aber genauso eindrücklich wie jenes ihrer prominenten Kolleginnen. Noch mehr: Dianas Outfit schien wie ein hocherhobener blauseidener Stinkefinger in die Richtung von Ex-Mann Prinz Charles: «Siehst du mich jetzt?» Das Teil ist ein Multitasker: Es erzählt von Sex genauso wie von Rebellion.

Dieses Modell taucht immer wieder auf

Heute hat der Slip Dress nicht mehr dieselbe Schlagkraft wie damals. In den vergangenen Jahren ist die Grenze zwischen privater und öffentlicher Garderobe verwässert worden: von Luxusdesignern, die mittlerweile wunderbare und öffentlich tragbare Pyjama-Zweiteiler, Trainerhosen oder Kapuzenpullis entworfen haben. Dennoch taucht das Modell immer wieder auf – in den aktuellen Frühlings- und Sommerkollektionen bei auffällig vielen Labels wie Calvin Klein, Burberry und Saint Laurent.

Besonders interessant sind die schwarzweissen Hängekleidchen bei Céline, einem Modehaus, das in den letzten Jahren bewusst nicht auf Sexiness, sondern etwa mit flachen Schuhen auf eine moderne Alltagstauglichkeit setzte und damit die Stimmung in der Mode definierte. Dass nun auch Chefdesignerin ­Phoebe Philo den seidenen Klassiker (mit groben Stiefeln und flachen Ballerinas kombiniert) in ihre aktuelle Kollektion aufgenommen hat, ist in erster Linie wohl einem allgemeinen Neunzigerjahre-Comeback zuzuschreiben. Céline will auch zu der Schwesternschaft der seidenen Hängerchen gehören.

Es geht dabei um sehr viel mehr als bloss darum, ein wenig sexy zu sein. Kate Moss wusste das.

Erstellt: 21.03.2016, 08:29 Uhr

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