Er weiss, wie Sie reich und berühmt werden

Jeetendr Sehdev ist Experte für Selbstvermarktung und verrät seine Tricks. Allerdings nicht alle.

Es sei doch wunderbar demokratisch, dass diese neue Medienwelt allen Aufstiegsmöglichkeiten biete, findet Jeetendr Sehdev. Foto: PD

Es sei doch wunderbar demokratisch, dass diese neue Medienwelt allen Aufstiegsmöglichkeiten biete, findet Jeetendr Sehdev. Foto: PD

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Er nennt sich «die weltweit führende Autorität für Prominenten-Branding», und er strahlt das dazu passende Selbstbewusstsein aus. Entspannt sitzt Jeetendr Sehdev im Baur au Lac, messerscharf geschnittener Anzug, schmale Krawatte, sorgfältig gestutzter Bartschatten. Den koffeinfreien Soja-Cappuccino schickt er zurück in die Küche mit einem bezauberndem Lächeln und Ratschlägen, wie das Getränk geniessbar werden könnte. Eloquent erklärt er, warum Schamlosigkeit eine Tugend ist und Berühmtwerden ohne Leistung (im herkömmlichen Sinn) erstrebenswert.

Das ist auch der Inhalt seines Ratgebers, mit dem er auf europäischer Buch-Tour ist. Titel: «The Kim Kardashian Principle», das Kim-Kardashian-Prinzip. Sehdev erklärt darin das Phänomen der Youtube-, Instagram-, und Twitter-Stars, die wie Kardashian fürs Berühmtsein berühmt sind. Sie bedienen die Fantasien von Millionen Fans und wurden damit berühmt und reich. Oder US-Präsident.

Zu Sehdevs Ratschlägen gehört: Sei du selbst, mach keine Kompromisse, du brauchst nicht perfekt zu sein, sei widersprüchlich, polarisiere, verbreite Chaos und Schrecken, entschuldige dich für nichts. Das sind alles Dinge, die einem selbstverständlich vorkommen im Jahr drei der Ära Trump. 2015, als die Erstausgabe erschien, galt das noch als ziemlich unfein.

Er selbst musste nachhelfen

Geprägt ist Sehdev vom totalen Gegenteil der, sagen wir, ordinären Social-Media-Vermarktungskultur, die er als Erfolgsweg predigt. Er stammt aus Indien, besuchte exklusive englische Privatschulen und absolvierte die Eliteuniversität Oxford. Er sei aber, sagt er in blank poliertem britischem Englisch, schon mit zehn Jahren bei einem Ferienbesuch vom «Hollywood-Virus» befallen worden. Den zweiten Studienabschluss machte er in Harvard, weil er da «3000 Meilen näher an Hollywood» gekommen sei.

Sehdev heuerte bei einer Werbeagentur an und verfolgte den Aufstieg Kim Kardashians vom ersten Sexvideo über eine billige Reality-TV-Show bis zu ihrem heutigen Status als weltweit bewundertes Postergirl eines milliardenschweren Familienunternehmens. Es dämmerte Sehdev, dass Kardashian die Talente verkörpert, die heute gefragt sind. Nicht wie früher, als nur Talent, Können und Fleiss in Hollywood zu Ruhm und Geld führten. Zweifel am Wert und der Sinnhaftigkeit des Youtube-Wegs zum Ruhm wischt Sehdev beiseite: Es sei doch wunderbar demokratisch, dass diese neue Medienwelt allen Aufstiegsmöglichkeiten biete, Chancen, die früher nur besonders Privilegierte gehabt hätten.

Nur in seinem Fall geht es offenbar nicht ganz so glatt. Seinen eigenen Rezepten musste Sehdev mit Geld nachhelfen. 2015, kurz nach Erscheinen seines Buchs, veröffentlichte die «New York Times» eine Recherche über eine «Follower-Fabrik», die mit gefälschten Identitäten von Social- Media-Nutzern handelt. Unter den Kunden: Jeetendr Sehdev. Er hatte Hunderttausende von Followern eingekauft und so seiner Berühmtheit künstlich nachgeholfen. Dieser Weg zum Ruhm allerdings ist in seinem Buch mit keiner Zeile erwähnt. Darauf angesprochen, wird Sehdev plötzlich wortkarg. Aber wie lautet noch sein wichtigstes Rezept? Sei schamlos.

Erstellt: 14.07.2019, 20:38 Uhr

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