Es riecht!

WC-Papier duftet nach Magnolien, Ungezieferspray nach Orange und Autos nach Moschusnoten: Warum muss heute alles so verstörend aromatisiert sein?

Magnolien, Lavendel oder doch lieber Apfel? Ohne Duftnote geht gar nichts: Detlef Soost riecht an einer Rolle WC-Papier.  (Foto: Getty Images)

Magnolien, Lavendel oder doch lieber Apfel? Ohne Duftnote geht gar nichts: Detlef Soost riecht an einer Rolle WC-Papier. (Foto: Getty Images)

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Das neue Abwaschmittel in der Büroküche hat Mango-Limetten-Geruch. Wenn man damit seine Kaffeetasse spült, riecht sie hinterher dezent nach Mangoschorle. Das Küchenputzmittel zu Hause wirbt auf der Packung mit 99,9 Prozent weniger Bakterien und seinem leckeren Aroma: Granatapfel und Kirschblüte – für glänzende und duftende Oberflächen.

Diese glänzen danach tatsächlich, aber die Küche riecht, als wäre irgendwo eine Schale Fruchtsalat vergessen worden. Der Ungezieferspray im Ferienhaus ist bitterböse, killt aber immerhin, wie man liest, mit einem – neu! – Hauch von Orangenblüten.

Und so weiter. Heute zwangsduften Dinge, die früher gar nicht oder neutral gerochen haben. Wenn man nicht höllisch aufpasst, legt man versehentlich parfümierte Plastiksäcke (Vanille-Lavendel) aufs Kassenband oder narkotisierende Taschentücher (Mandelöl & Aloe Vera) oder eine Packung WC-Papier, das nach etwas riecht, das laut Verpackung eine Magnolie sein soll. Aber hat je ein Mensch auf der Toilette an Magnolien gedacht? Oder überhaupt an seinem WC-Papier geschnuppert?

Wer hat eigentlich verlangt, dass all die kurzlebigen Haushaltsprodukte jetzt extra parfümiert sein sollen? Oder dass Dinge, die früher schon gerochen haben, heute zwingend so kompliziert riechen müssen? Haarshampoo nach grünem Apfel und Brennnessel, Duschgel nach Wasserminze oder nach «natürlichem Maracuja-Extrakt und dem Duft der nächtlich blühenden Jasminblume». Klar, wenn man Körpergeruch optimieren muss, dann kommt dafür nur der nächtlich blühende Jasmin in Frage.

Ist ständiges Parfümieren das neue Sauberhalten?

Dabei hat vor nicht allzu langer Zeit doch alles, was sauber riechen sollte, nach Variationen von Zitrus gerochen, ausser das Schaumbad, das roch nach Eukalyptus. Fertig. Heute bombt sich der halbe Haushalt durch die Nase ins limbische System, und man durchwandert ständige, schwere Duftnebel.

Man muss kein Marketinggenie sein, um zu ahnen, dass derart verschwurbelte Geruchspoesie banale Produkte aufwerten und ein bisschen teurer machen soll. Oder dass der neue Aromawahn gleich in spezielle Produkte mündet, etwa das Wäscheparfüm.

Dieses soll in Form von Perlen in die Trommel der Waschmaschine wandern und der Wäsche einen lang anhaltenden Geruch verpassen, zum Beispiel nach «prickelnder Bergamotte, zarter Freesie und strahlendem Jasmin». Wohlgemerkt zusätzlich zum ebenfalls duftstarken Waschmittel («Goldene Orchidee»). Unüberschaubar ist auch die Zahl der neuen Raumsprays und Möbelparfüms geworden. Diese Produkte wollen daheim eine Notwendigkeit konstruieren, der früher mit frischer Luft aus dem geöffneten Fenster begegnet wurde.

Zwischen Babykotze und altem Haarspray

Ist ständiges Beduften etwa das neue Sauberhalten? Wenn man die Regale der Hauswaren-Abteilungen abwandert, drängt sich jedenfalls der Eindruck auf, dass draussen offene Kloake und Verwesung warten und deshalb alles mit Orchidee übertüncht werden muss.

Dabei riecht es draussen eigentlich ganz okay, wenn nicht gerade die Kehrichtabfuhr da war. Nach Stadtgrün und Petrichor, jenem mythischen Geruch von Regen auf trockenem Asphalt, plus ein bisschen Benzin. So duftet Stadt seit jeher. Der werbeaffine Bürger aber verlässt dank Kräuter-Shampoo, Blüten-Duschgel, Alpenfrische-Deodorant, parfümierter Wäsche, Magnolien-WC-Papier und einer satten Brise vom Raumspray schon morgens das Haus mit einer verstörenden Duftschlagseite – und hat dann noch nicht mal zum Eau de Toilette gegriffen.

Wer je an einem feuchtwarmen Tag einen vollbesetzten Bus betreten hat, der weiss: Alle diese künstlichen und billigen Geruchsprodukte ergeben zusammen ein unerträglich schwüles Odeur, irgendwas zwischen Babykotze und altem Haarspray. Es riecht jedenfalls niemals frisch und prickelnd, sondern immer nur überflüssig.

Mercedes baut ein ­Beduftungssystem ein

Ausserdem bestäubt sich die urbane Welt schon künstlich genug. Seit Olfactory Marketing ein wissenschaftlich untermauerter Standard geworden ist, ist die Nase ein ebenso pracht- wie machtvoller Bestandteil der Kundenbindung geworden. Hotels und Modeketten haben längst eigene Duftstoffe entwickelt, die Kunden aktivieren und das Erlebnis als angenehm abspeichern lassen sollen.

Vorreiter war dabei das US-Modelabel Abercrombie & Fitch, bei dem das hauseigene Cologne anfänglich derart verschwenderisch über Klamotten und Verkaufsräume verteilt wurde, dass ganze Innenstädte wie paarungsbereite Männchen rochen. Nach Bürgerprotesten gegen die Duftverschmutzung gelobte die Marke vor einigen Jahren Besserung und sprayt seither dezenter – dafür hat heute aber jedes andere Geschäft der Fussgängerzone ebenfalls einen signature scent.

Disney räuchert seine Parks mit Popcornaroma ein

Bei der Kaufhauskette Bloomingdale's in New York wird jede Abteilung individuell passend eingedampft, Zara und Muji stimulieren nicht nur unterbewusst die Kauflaune, sondern verkaufen ihren Stallgeruch gleich als Duft fürs Zuhause. Dunkin' Donuts kurbelte sein Geschäft in Korea massiv an, nachdem in den Bussen Diffusoren mit Kaffeeduft installiert worden waren.

Die U-Bahn in Madrid wurde bei einer Marketingaktion mit Rioja-Weinaroma versetzt, aber Alkoholdunst kommt dem natürlichen Stadtgeruch nach einem Wochenende recht nahe. Burger King lässt appetitanregenden Whopper-Hauch einströmen, Disney räuchert seine Parks mit Popcornaroma ein, und Mercedes baut in seine Premium-Linien ein Beduftungssystem, das beim Fahren zum Beispiel «Downtown Mood» raushaut: «Transparente Blumigkeit mit dezentem Metall-Effekt, durch warme Moschusnoten angenehm sexy.» Hilfe!

Erst im Bioladen finden sich all die Dinge, die früher nicht gerochen haben, heute wieder parfümfrei – man muss einfach ein paar Franken mehr dafür bezahlen. Wenn alles nach Mango-Limette duftet, wird eben Geruchlosigkeit zum Statussymbol.



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Erstellt: 03.08.2019, 18:48 Uhr

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