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Onlineshopping ist besser als sein Ruf

Weihnachtsgeschenke bestellen? Schadet der Umwelt! Macht die kleinen Händler kaputt! Entvölkert die Stadt! Doch so einfach ist die Gleichung nicht.

Jedes sechste Paket wird zurückgeschickt: Junges Paar verbringt die Weihnachtszeit mit Onlineshopping. Foto: svetikd (Getty)
Jedes sechste Paket wird zurückgeschickt: Junges Paar verbringt die Weihnachtszeit mit Onlineshopping. Foto: svetikd (Getty)

Nur wenige Wirtschaftszweige haben einen schlechteren Ruf als der Onlinehandel. Wer Weihnachtsgeschenke und anderes Zeug im Internet bestellt, fühlt sich mitverantwortlich für viel Schlechtes auf der Welt: für rechtlose Arbeitnehmer, die in grauen Logistikzentren bei Niedriglöhnen ausgebeutet werden, für Flotten von Lieferfahrzeugen, die Radwege verstopfend die Erde erhitzen, und vor allem für das Sterben des klassischen Detailhandels.

Es trifft die kleine nette Buchhandlung ums Eck, den freundlichen Gemüsehändler die Strasse runter, den Elektrofachmarkt an der Tramhaltestelle, dessen Chef immer noch irgendwo ein Ersatzteil rauszieht.

Diese Vorwürfe sind zum Teil falsch, zum Teil zu kurz gedacht. Sie entspringen einer Haltung, die das Bestehende pauschal als schützenswert und das Neue als Bedrohung wahrnimmt. Die Digitalisierung verändert den Handel von Grund auf. Wer dieser Veränderung zwar kritisch, aber vor allem offen, neugierig und mit etwas Fantasie entgegenblickt, der entdeckt hinter all den Gefahren die Chance, ganz neu darüber nachzudenken, wie die Gesellschaft Alltag und Zusammenleben organisieren will.

Beides manifestiert sich in der Gestaltung der öffentlichen Räume, die gegenwärtig stark vom Handel geprägt sind. Ein Nachdenken darüber, wie wir einkaufen wollen, führt daher zu einer grösseren, aufregenden Frage: Wie sollen die Städte aussehen, in denen wir leben?

Miese Arbeitsbedingungen – aber nicht bei allen

Tatsächlich herrschen in vielen Versandlagern miese Arbeitsbedingungen. Amazon Deutschland lehnt Tarifverträge ab, immer wieder gibt es Berichte, dass das Unternehmen die Arbeit von Gewerkschaftern behindere. In den USA machten Warenhäuser von Amazon zuletzt mit deutlich erhöhten Verletzungsraten und mangelhafter Notfallversorgung von sich reden.

Doch Amazon steht nicht für die ganze Onlinebranche. Zu ihr gehören auch viele KMU, die Arbeitsplätze ausserhalb der Städte schaffen und von dort aus in alle Welt liefern. Es gibt Kleinstunternehmen, denen das Internet ermöglicht, für innovative Nischenprodukte oder Selbstgemachtes Abnehmer zu finden. Und es gibt auch ganz klassische Detailhändler, deren Läden nur durch das Zusatzgeschäft im Netz überleben.

Es gibt viel Potenzial, die Ökobilanz des Onlinehandels zu verbessern

Ein Ökovergleich von Online- und Offlineshopping ist schwierig, weil er von vielen Faktoren abhängt: Wie weit hat es die Kundin zum Laden und welches Verkehrsmittel wählt sie? Schickt der Käufer seine im Netz bestellte Jeans wieder zurück, weil sie nicht passt? Wie effizient plant der Paketdienst seine Route, wie effizient ist das Kaufhaus beheizt, lässt die Filialleiterin nach Ladenschluss das Licht brennen? Insgesamt deuten die einschlägigen Studien darauf hin, dass der Interneteinkauf unterm Strich die emissionsärmere Option ist.

Es gibt viel Potenzial, die Ökobilanz des Onlinehandels zu verbessern.

Die Forschungseinrichtung Öko-Institut hat in einer grossen Untersuchung verschiedenste Szenarien durchgerechnet. Online liegt sogar im ungünstigsten Fall vorn, bei dem die Bestellung als Retoure zurückgeschickt wird, der analoge Vergleichsshopper aber klimaneutral mit dem Rad ins Stadtzentrum fährt.

Für die schlechte Bilanz der Ladengeschäfte sind vor allem deren hoher Wärme- und Stromverbrauch verantwortlich. Weitere Studien aus Deutschland, den USA und China gehen in die gleiche Richtung wie die des Öko-Instituts. Dennoch gibt es viel Potenzial, die Ökobilanz des Onlinehandels zu verbessern. Der Paketdienst UPS setzt an manchen Orten Lastenfahrräder mit Elektro-Motor ein und konnte so seine Flotte an Diesel-Transportern reduzieren.

Das Problem des Retournierens

Wissenschaftler schätzen, dass etwa jedes sechste im Netz bestellte Paket wieder zurückgeschickt wird. Die Unternehmen haben selbst ein Interesse daran, die hohe Retourenquote zu reduzieren: Sie ist nicht nur klimaschädigend, sondern auch teuer. Dagegen hilft beispielsweise, die Produkte online vorab mit möglichst detaillierten Informationen zu versehen, mit den relevanten Daten, Fotos und Videos.

Die allerbeste Ökobilanz hat natürlich immer das Produkt, das man gar nicht erst kauft.

Auch Technologie kann Teil der Lösung sein: Amerikanische Optiker experimentieren mit Apps, die das Gesicht vermessen und ein virtuelles Anprobieren verschiedener Brillengestelle ermöglichen. Auch das hohe (und steigende) Aufkommen von Verpackungsmüll ist kein Naturgesetz, sondern lässt sich durch smarte Lösungen reduzieren. Die smarteste aller Lösungen ist zugleich eine sehr banale, unerwähnt kann sie trotzdem nicht bleiben: Die allerbeste Ökobilanz hat natürlich immer das Produkt, das man gar nicht erst kauft.

Das wäre eine Alternative, die zwar den Versandhandel eindämmen, seinen Konkurrenten allerdings nicht helfen würde. Der stationäre Detailhandel bangt durch den wachsenden Marktanteil des Onlineshoppings um seine Existenz. Und viele befürchten, dass damit ein Verlust für die ganze Gesellschaft einhergeht: Leerstand, verwaiste Strassen, tote Stadtzentren.

Die Läden gehen sowieso unter

Abgesehen davon, dass auch Shopping-Malls und Outlets auf der grünen Wiese zum Niedergang der klassischen Einkaufsviertel beitragen, abgesehen auch davon, dass der Umsatz des stationären Detailhandels in Deutschland immer noch leicht wächst: Langfristig werden die Ladengeschäfte diesen Kampf nicht gewinnen können. Und das ist gar nicht schlimm.

Die meisten Läden werden sterben. Dieses Sterben wird noch einige Zeit dauern.

Bei den entscheidenden Faktoren Auswahl und Preis liegen die Vorteile des Internets so klar auf der Hand, dass sie durch weichere Faktoren wie Beratung und Service nur mit sehr hohem Aufwand wettgemacht werden können, was wiederum Auswirkungen auf den Preis hat. Für einzelne Geschäfte im Hochpreissegment oder in Nischen mit einer treuen Spezialkundschaft mag es einen Platz neben der Online-Konkurrenz geben. Für die Handelsbranche als Ganzes ist so ein Weg keine Überlebensstrategie.

Die meisten Läden werden sterben. Dieses Sterben wird noch einige Zeit dauern, weshalb den Beschäftigten des Detailhandels weder morgen noch übermorgen die Arbeitslosigkeit droht. Bis es so weit ist, werden die meisten von ihnen in Rente sein.

Alternative Ladenflächen müssen her

Das Sterben wird dauern, und trotzdem kann die Gesellschaft schon langsam anfangen, sich auf diesen Umbruch einzustellen. Ladengeschäfte dominieren fast überall das Bild der Stadtzentren, sind Teil deren Identität. Wie wäre es aber, offen an die Frage heranzugehen, wie wir unsere Städte gestalten wollen? Was wollen wir anfangen mit diesen wertvollen Flächen im Zentrum, prestigeträchtig, gut erreichbar, oft in den schönsten Häusern der Stadt untergebracht?

Was für eine spannende Aufgabe für Architekten, Stadtplaner, Künstler, darauf eine Antwort zu finden. Oder besser: viele Antworten. Denn die Lösung wird für jede Stadt, vielleicht für jede Strasse anders aussehen. Man kann sich Cafés und Restaurants vorstellen, aber auch Skateparks, Kletterhallen oder Schlittschuhbahnen; Ateliers, Konzertsäle oder Theaterbühnen; Co-Working-Spaces, Bibliotheken oder Jugendtreffs.

Damit dürften die Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft sein. Und warum sollte es hier oder da nicht auch eine ganz profane Nutzung sein, von der es vielerorts gerade viel zu wenig gibt – Wohnraum. Erste Ideen lassen sich schon besichtigen: Eine alte Shopping-Mall im US-Bundesstaat Tennessee beheimatet heute neben einer Bibliothek und einem College-Campus auch eine Schlittschuhbahn.

Viele Konzepte werden auch Gelegenheiten zum Geldverdienen bieten

Eher unwahrscheinlich scheint dagegen zu sein, dass eine Gruppe Menschen, die wir uns für dieses Gedankenexperiment als sehr klug und kreativ, aber mit unserer realen Zivilisation nicht vertraut vorstellen, aus einem Ideenworkshop zur Gestaltung von Stadtzentren mit einem Konzept wie diesem herauskäme: H&M, Adidas, Zara, Starbucks, H&M, Foot Locker, Tom Taylor, Vero Moda, Fielmann, H&M.

Das geht besser. Das geht sinnvoller, das geht fantasievoller, das geht schöner, das geht menschenfreundlicher. Egal, welche Konzepte sich durchsetzen: Viele von ihnen werden auch neue Gelegenheiten zum Geldverdienen beinhalten, sie werden Arbeitsplätze bieten, wenn auch ganz andere und vielleicht weniger. Mit Sicherheit wird es in den neuen Stadtzentren den einen oder anderen Laden geben.

An der Debatte um Onlineshopping, Detailhandel und Stadtzentren lässt sich ein gängiges Muster beim Umgang mit Veränderung beobachten. Der Mensch schätzt, was er kennt, und beäugt das Unvertraute mit Skepsis. Die Argumente entbehren dabei mitunter, siehe Ökobilanz, einer belegbaren Grundlage. Offensichtliche Vorzüge der neuen Technologie bleiben unerwähnt – etwa dass es für Menschen mit eingeschränkter Mobilität dank Internet und Lieferdiensten ungleich leichter geworden ist, sich zu versorgen.

Lobbyisten-Heere gegen Strukturveränderung

Dieser typische Diskursverlauf hängt auch damit zusammen, dass die etablierten Player auf gut funktionierende Strukturen zurückgreifen können. Sie sind in Verbänden organisiert, können mit einem Marketing-Apparat Einfluss auf die öffentliche Meinung ausüben und mit einem Lobbyisten-Heer nach staatlicher Unterstützung in ihrer misslichen Lage rufen.

Dinge vergehen, Neue entstehen. Das ist erst einmal keine schlechte Nachricht.

Dieser Ablauf lässt sich so ähnlich nicht nur im Handel beobachten, sondern etwa auch bei der Autoindustrie, der Buchbranche, bei Apothekern und Zeitungsverlagen. Es ist auch nicht verwerflich, sondern ein gutes Recht, sich für die eigenen Interessen einzusetzen. Die Gesellschaft wäre manchmal gut beraten, die Argumentationsmuster der Besitzstandswahrer weniger bereitwillig zu übernehmen und dem Neuen offener gegenüberzutreten.

Was nicht heisst, dass man alles Neue kritiklos gut finden muss. Man kann die Arbeitsbedingungen im Versandhandel und in der Logistikbranche aus sehr guten Gründen ablehnen und die Marktmacht von Amazon oder Zalando für bedrohlich halten. Man kann sich über Lieferwagen ärgern, die im Weg rumstehen. Ebenso kann es sentimental und traurig machen, wenn die kleine Buchhandlung um die Ecke zumacht, das Spielwarengeschäft oder der Gemüsehändler. Das ändert nur wenig daran, dass die Welt sich ändert. Dinge vergehen, Neue entstehen. Das ist erst einmal keine schlechte Nachricht. Und wer an seinem Stammladen hängt, kann dort ja öfter mal was kaufen.

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