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Per Du oder per Sie?

Die Antwort auf eine Stilfrage zu einer gesellschaftlichen Unsitte.

Ob jemand sich auf dem Land oder in der Stadt niederlässt: Geduzt werden ist nicht inbegriffen. Foto: Urs Jaudas (Keystone)
Ob jemand sich auf dem Land oder in der Stadt niederlässt: Geduzt werden ist nicht inbegriffen. Foto: Urs Jaudas (Keystone)

Ich werde bald in eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus umziehen – dörflich, also keine anonyme Grossstadtsiedlung. Wie ist das so in diesen überschaubaren Mehrfamilienhäusern heutzutage: Duzt oder siezt man sich? Und, wenn wir gerade beim Thema Umzug sind: Ist ein Willkommens- und Kennenlernapéro immer noch üblich?R. D.

Liebe Frau D.,

auf die Gefahr hin, dass Sie mich jetzt für hoffnungslos fräuleinrottenmeyerhaft halten und mir sofort Ihre Liebe kündigen und dieser unserer kleinen Rubrik gleich mit dazu: Ich bin total gegen diese Duzerei.

Die Idee, dass ein Du weniger distanziert und irgendwie wahnsinnig demokratisch sein soll, mag ja stimmen, bloss ist die Überlegung dahinter verkehrt: Es gibt Menschen, die in mir ganz und gar nicht das Bedürfnis auslösen, ihnen nahe sein zu wollen. Im Gegenteil: Bei denen ist mir eine gewisse Distanz sehr recht. Das «Du» ist manchmal einfach zu aufdringlich.

Und diese Nähe, die es suggeriert, kann nicht nur zu viel sein, sondern auch irreführend, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Ein «Sie» dagegen sorgt für einen gewissen Rahmen, und das ist nicht das Dümmste – er lässt einen vorsichtiger agieren. «Sie Volltubel» rutscht einem jedenfalls weniger leicht raus.

Den erwachsenen Mitmenschen zu siezen, kann daher nie falsch sein. Wenn sich Ihr Gegenüber daran stört, weil es sich in seinem Duz-Enthusiasmus für grausam progressiv hält (der Duz-Enthusiast zeichnet sich oft dadurch aus, dass dies sein einziger progressiver Charakterzug ist) und Sie für altmodisch, dann braucht Sie das nicht im Geringsten zu kümmern. «Sie» ist immer vornehm und vornehm immer richtig.

Was die Begrüssung angeht: Ein neuer Nachbar steckte kürzlich allen Bewohnern ein Kärtlein in den Briefkasten und schrieb, er hoffe, er habe niemanden derangiert mit der Zügelei, und falls er – da bin ich fast geschmolzen – «bereits gegen Gepflogenheiten des Hauses verstossen haben sollte», bitte er darum, ihn ungeniert darauf aufmerksam zu machen. Dann waren noch Handynummer und E-Mail-Adresse vermerkt, und ich dachte: Genau so macht man das heute, und war sehr hingerissen, dass in meinem Haus ein so höflicher Mensch einzieht.

Deshalb: Ein Willkommensapéro ist sicher charmant. Aber anfangs dünkt es mich genügend, einfach freundlich «Hallo» zu sagen und sich kurz vorzustellen. Man möchte ja auch nicht bedürftig wirken, so zwischenmenschlich.

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