Pyjama

Seidene Komfortzone

Die Hose kommt in einem lockeren Schnitt, das Oberteil wie eine Bluse daher: Was gibt es bequemeres als den Pyjama?

Bild: Sabina Bobst

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Mich von einem Kleidungsstück zu trennen, fällt mir leicht. Nur wenn es um meine Schlafanzüge geht, bin ich sentimental. War ich schon immer, selbst als Kind. «Wenn Mama Nein sagt, dann frag Papa», stand auf meinem Lieblingspyjama. Schweren Herzens legte ich ihn in den Altkleidersack. Viele Erinnerungen hingen daran. Etwa, wie meine Eltern jeden Abend versuchten, mich und meine grosse Schwester ins Bett zu locken. Wer als Erste im Schlafanzug war, hatte gewonnen. Ich siegte fast immer. Später musste der geblümte Baumwollpyjama daran glauben. Er war ein Weihnachtsgeschenk gewesen. Zwei Jahre trug ich ihn, dann bekam ihn das Nachbarsmädchen – gegen meinen Willen, natürlich.

Als Teenager trug ich nachts ein Trikot des Fussballers Francesco Toldo, des hübschesten Torwarts, wie ich fand. Meine Mutter weigerte sich, dem Verkäufer auf einem süditalienischen Markt 10 Euro dafür zu geben; zum Glück war auf meinen Vater Verlass. Das Fanshirt liegt noch immer in meinem Schrank und übersteht jede Räumungsaktion, auch wenn ich es mittlerweile durch Seidenpyjamas ersetzt habe. Nicht diese Kleidchen in Pastelltönen. Sondern Schlafanzüge, wie sie nur Männer trugen, bevor Madame Chanel sie sich für den Strandspaziergang überwarf. Jene, mit denen sich auch der Künstler Julian Schnabel gern auf dem roten Teppich zeigt.

Man ist in der Öffentlichkeit mit weitaus Intimerem konfrontiert.

So ein Modell, ein schwarz-weisses von La Perla, trage ich nicht nur unter der Bettdecke, sondern auch tagsüber, wenn ich von zu Hause aus arbeite. Die Hose kommt in einem lockeren Schnitt, das Oberteil wie eine Bluse daher: bequemer gehts nicht. Und doch ist das Kleidungsstück aus diesem leichten, kühlen Material edel. Auf eine subtile Art reizvoll, weil es nur ansatzweise erahnen lässt, was sich unter dem weit geschnittenen Zweiteiler verbirgt.

Er ist ja eigentlich zu schön, um nicht auf der Strasse getragen zu werden. Dafür müsste man indes seine Komfortzone verlassen, und schiefe Blicke wären garantiert. Was eigentlich seltsam ist: Man ist in der Öffentlichkeit mit weitaus Intimerem konfrontiert. Aber viel Haut zu zeigen, gilt als weniger indiskret, als offenzulegen, worin man sich nachts schlafen legt.

Erstellt: 07.03.2016, 12:03 Uhr

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