Strassenschuhe in der Wohnung?

Die Antwort auf eine Stilfrage betreffend Hausbesuche.

Man nötigt seine Gäste nicht, die Schuhe auszuziehen. Und: Tod den Finken! Foto: George Redgrave (Flickr)

Man nötigt seine Gäste nicht, die Schuhe auszuziehen. Und: Tod den Finken! Foto: George Redgrave (Flickr)

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Freunde, die mich regelmässig besuchen, ziehen an der Wohnungstür immer ihre Schuhe aus, auch wenn ich sie bitte, es zu unterlassen. Bei meinen Besuchen bei ihnen muss ich ebenfalls meine Schuhe ausziehen. Daher vermeide ich, wenn immer möglich, Gegenbesuche. Ich bin nicht etwa unhygienisch, wurde aber von meinen Eltern erzogen, dass man Besuch nicht in Hauspantoffeln empfängt, sondern schnell in ein Paar Mokassins schlüpft. Soll ich mir nun Gästeschuhe zulegen? Oder trete ich dann erst recht in ein Fettnäpfchen?
J. L.
Liebe Frau L.,
sie taucht immer wieder auf, diese Schuhfrage, und jedes Mal bin ich, es lässt sich leider nicht schonender formulieren, fassungslos. Und deshalb holen wir tief Luft und halten an dieser Stelle einmal mehr unmissverständlich fest: Nein, man nötigt seine Gäste nicht, die Schuhe auszuziehen. N e i n.

Es ist unhöflich. Es ist spiessig. Es ist engherzig. Es zeugt von mangelndem Flair für Gastfreundschaft, es ist schlechter Stil. Man empfängt auch Gäste nicht in Pantoffeln oder Socken, man gibt sich ein wenig Mühe. Genauso, wie man ja ein wenig aufräumt, bevor Besuch kommt, obschon das im Grunde ein Witz ist, weil es nachher dreckiger ist als vorher. Aber wer das nicht in Kauf nehmen will, sollte auf Einladungen verzichten.

Und Gäste, die sich sofort ihrer Schuhe entledigen, sind auch grad unmöglich. Ich will niemanden in Socken sehen. Menschen in Socken machen mich traurig, sie sehen so entwürdigt aus. Füsse und Socken und Finken sind einfach eine intime Angelegenheit.

Die Problematik wird auch nicht entschärft mit Ihrem liebenswürdig gemeinten Vorschlag der Gästepantoffeln, liebe Frau L. Verwerfen Sie den Gedanken sofort wieder, er ist zu schauderhaft. Wenn jemand auf Hygiene pocht, kann er seinen Gästen nicht ernsthaft mehrfach benutzte Hausschuhe zumuten. Das würde mich unendlich grausen. Und es muss mir jetzt auch niemand mit den Japanern kommen und dass die das so handhabten: Auf die beziehen darf sich nur, wer das mit dem Anstand so perfekt draufhat wie die. Und das ist fast niemand. So.

Sollte nun jemand immer noch daran festhalten, dass Gäste die Wohnung nicht mit Strassenschuhen betreten dürfen, gibt es einen supersimplen Trick: Man lässt es sie im Vorfeld wissen. Dann können die sich wappnen und beispielsweise ein Paar Ballerinas (aber sicher keine Finken! Tod den Finken!) mitnehmen. Das nennt man Win-win, und dagegen kann niemand was haben.

Haben Sie Fragen? Schicken Sie sie an gesellschaft@tagesanzeiger.ch


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Erstellt: 02.05.2016, 07:12 Uhr

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