Wie ich die Jesus-Latschen lieben lernte

Nach langer Abneigung gegen Birkenstock-Sandalen läuft unsere Autorin nun selbst damit herum. Wie konnte es nur so weit kommen?

Modesünde oder gelungener Stilbruch? Eine Frau trägt Birkenstock. Foto: Getty Images

Modesünde oder gelungener Stilbruch? Eine Frau trägt Birkenstock. Foto: Getty Images

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Aufgewachsen bin ich in einem Reihenhaus mit der Hausnummer 177. So wie unser Haus an jenem der Nachbarn klebte, so eng war meine Freundschaft mit der in Nummer 175 lebenden Familie, insbesondere mit der jüngsten der drei Töchter. Während meine Eltern eher zur strengeren Sorte zählten, pflegten jene meiner Freundin einen mehrheitlich antiautoritären Erziehungsstil. Kurz: Unsere gemeinsame Freizeit verbrachten wir öfter bei ihr als bei mir. Ihre Eltern nannte ich – wie es die drei Töchter taten – Abba und Ima, Vater und Mutter auf Hebräisch.

Die Familie führte ein ökologisch bewusstes Leben. Sie besass kein Auto, ass vegetarisch und ausschliesslich biologisch. Ima färbte ihr Haar mit Henna und hatte stets bunte Kleidung an. Abba trug Bart und an den Füssen Birkenstock-Sandalen. So gern ich ihn auch mochte, so schrecklich fand ich seine Öko-Latschen. Ich konnte nicht verstehen, wie man solch hässliches Schuhwerk freiwillig tragen und sogar mit Socken kombinieren konnte. Bequem und orthopädisch sinnvoll hin oder her. Aber Abba trug damals in den 1980er-Jahren stets seine geliebten Sandalen, seine behaarten Zehen sehe ich heute noch vor mir.

Niemals würde ich freiwillig solche Schlappen tragen. Daran hätte auch Kate Moss nichts geändert.

Als Corinne Day im Sommer 1990 Kate Moss in Jeans, Top und Birkenstocks für das Magazin «The Face» fotografierte, ging ein Hype um die Madein-Germany-Sandalen los. Ich war damals noch zu jung, um etwas davon mitzubekommen, hätte aber bestimmt nur mit Kopfschütteln darauf reagiert. Niemals würde ich freiwillig solche Schlappen tragen. Daran hätte auch keine schöne Bildstrecke mit Kate Moss etwas geändert.

Dann kam Phoebe Philo. Die Designerin präsentierte ihre Frühling/Sommer-Kollektion 2013 für Céline. Sie schickte ihre Models in Birkenstock-Imitaten mit flauschigen Fellsohlen über den Laufsteg. Wie konnte sie nur? Solch unförmige Sandalen kombiniert mit dem Philo-typischen edlen Minimalismus? Schrecklich! Und noch dazu mit Pelzeinlage? Pfui! Ich war entsetzt. Als dann aber auch noch Riccardo Tisci für Givenchy und Giambattista Valli ähnlich hässliche Schuhe in ihren Kollektionen zelebrierten, prophezeiten Modekritiker einen baldigen Trend der Breite-Riemen-Sandalen. Für mich war das alles ein einziger grosser modischer Fauxpas.

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Es sollte nicht lang dauern, bis die ganze Mode-, Blogger- und Promi-Welt nachzog, und mit ihr das Fussvolk. Anfänglich dachte ich, dass die Menschen wirklich jeden noch so hässlichen Trend mitmachen. Doch allmählich begann ich, mich an den Anblick der klobigen Sandalen zu gewöhnen, die mir täglich in Magazinen, Streetstyle-Bildstrecken und Blogs serviert wurden. Model Daria Werbowy, Mode-Expertin Caroline Issa und sogar Schauspielerin Tilda Swinton trugen Birkenstocks. So verlor ich peu à peu meine ablehnende Haltung. Ich kam zum Schluss, dass Birkenstocks so hässlich gar nicht waren. Vielmehr sorgten sie kombiniert zu eleganten Outfits für einen gelungenen Stilbruch und mehr Entspanntheit.

Im Sommer 2013 liess ich Birkenstocks in einem Schuhladen zum ersten Mal an meine Füsse. Nach dem Wohlgefühl beim Anprobieren – dieses Fussbett ist Wellness! – realisierte ich, was ich da tat, und suchte schnell das Weite. Doch bald sollte ich akzeptieren, dass auch ich nicht gegen die Verführungskraft von Modetrends gewappnet bin. Ich wurde schwach. Seit 2014 besitze ich ein Paar Arizonas in Schwarz, den Birkenstock-Klassiker mit zwei Riemen.

Meine Füsse schätzen das orthopädische Fussbett, bei der Arbeit genauso wie beim Einkaufen.

Ich muss gestehen, dass ich anfänglich Schwierigkeiten mit meinen Sandalen hatte. Sie zuhause oder zum Einkaufen zu tragen, fiel mir leicht. Damit aber in die Stadt oder gar zur Arbeit zu fahren, löste in mir ein mulmiges Gefühl aus. Die Kommentare meines Lebenspartners taten ihr Übriges («Ich habe noch nie einen so unattraktiven Schuh gesehen!», «Willst du wirklich deine Jesus-Latschen tragen?»).

Doch schon bald genoss ich meine soliden Begleiter, und meine Füsse schätzten das orthopädische Fussbett, bei der Arbeit genauso wie beim Feierabend-Drink oder beim Einkaufen. Doch genau in dem Augenblick, in dem ich meinen Frieden mit den Sandalen schloss, fing mich die Flut der Birkenstock-Träger erstmals zu nerven an, sodass ich meine heute nur noch auf langen Spaziergängen oder bei Städte-Reisen trage. Auch das gehört zu Trends.

Schön finde ich den Riemen-Schuh zwar immer noch nicht, das ist aber okay, denn auch weniger ästhetische Stücke haben ihren Reiz. Wie sich mein Verhältnis zu den aktuellen Ugly Pieces wie Bauchtasche oder Radlerhose entwickeln wird, wird sich zeigen. Eines weiss ich: Was heute für mich nicht infrage kommt, könnte morgen Teil meiner Garderobe sein.

Erstellt: 20.04.2019, 13:58 Uhr

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