Wieso werde ich mit 79 geduzt?

Die Antwort auf eine Stilfrage zum persönlichen Umgang.

Das klassische Sie ist nie verkehrt: Rentner in Athen. Foto: Emilio Morenatti (Keystone)

Das klassische Sie ist nie verkehrt: Rentner in Athen. Foto: Emilio Morenatti (Keystone)

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Seit einiger Zeit werde ich von Leuten, mit denen ich nicht per Du verkehre, immer öfter mit «eer» und «euch» angesprochen, sei es vom Verkaufspersonal oder, wie kürzlich, von einem Versicherungsvertreter. Auf meine Frage, ob er Berner sei (er war es nicht), reagierte er verwirrt. Ich reagiere auf dieses «eer» und «euch» leicht verärgert. Zur Erklärung: Ich bin Jahrgang 1937. Damals sprach man Fremde mit «Herr» oder «Frau» und «Sie» an, ausser sie waren Bauernknechte oder Hilfsarbeiter: Diese wurden mit «eer» und «euch» angesprochen, ohne «Herr» («Meier, chömid ...»). Sie hätten «Herr» selber als unangemessen empfunden. Bin ich analog dazu einfach zu alt für ein «Sie»?
H. R. M.

Lieber Herr M.,
wir wollen – ganz nach dem Motto «vürschi mache», das wir nicht nur in allen Lebenslagen, sondern natürlich auch in dieser unserer kleinen Rubrik beherzigen – umgehend zum und auf den Punkt kommen: Sie sind nicht zu alt. Die anderen haben kein Benimm. So einfach ist das. Allerdings sind wir ja hier nicht nur tifig unterwegs, sondern auch grossherzig, und aus Gründen, die sich mir auch nicht genauer erschliessen, bin ich zudem heute ausserordentlich milde gestimmt und in Minne mit der Welt und dem Mitmenschen an sich, weshalb wir nicht einfach urteilen, sondern vor allem viel Verständnis an den Tag legen wollen.

Dem Gebrauch von «ihr» und «euch» liegt ein Missverständnis zugrunde: Sie werden oft für ein Synonym für die Höflichkeitsform «Sie» gehalten, was sie aber – im Unterschied zum Walliser oder Berner Dialekt – im Zürichdeutsch nicht sind. Im Gegenteil: Wer derart jemanden anspricht, duzt das Gegenüber. Und das ist, wie Sie zu Recht feststellen, einigermassen unhöflich.

Sicherheitshalber verwendet man im Umgang mit Fremden immer das klassische Sie. Das ist nie verkehrt. Wobei, stimmt nicht ganz: Ich habe ja kürzlich in meinem Lieblingsveloladen den entzückenden Stift gesiezt, womit ich diesen indes offensichtlich doch etwas verstörte. Und das war mir ja dann auch nirgends recht.


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Erstellt: 05.04.2016, 09:03 Uhr

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