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Vorsicht, Qualle!

In den nächsten Wochen beginnen vielerorts die Herbstferien. Wer ans Meer fährt, kann durchaus noch auf die Glibberwesen treffen.

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Eigentlich sind sie hübsch anzusehen. Diese durchsichtigen fallschirmartigen Gebilde, die mal leuchten oder im Inneren gemustert sind wie ein Briefbeschwerer aus Glas. Doch kaum jemand mag sie – von ein paar Forschern einmal abgesehen. Künftig muss wohl vermehrt mit den wabbeligen Lebewesen, die dem Schwimmer plötzlich heimtückisch in die Quere kommen, gerechnet werden.

Mehr Quallen als bisher

«Es sieht tatsächlich nach einer Zunahme von Quallen an vielen Orten der Welt aus, obwohl es von Jahr zu Jahr starke Schwankungen gibt», stellt Ulrich Sommer vom deutschen Leibnitz Institut für Meereswissenschaften in Kiel fest. Wissenschaftler machen vor allem zwei Gründe dafür aus.

«Durch die Überfischung der Meere muss sich die Qualle gegen weniger Nahrungskonkurrenten durchsetzen», sagt Sommer. Aber auch der Klimawandel soll seinen Anteil an häufig auftretenden Quallenplagen haben. Die Durchschnittstemperatur der Meere stieg um zwei bis drei Grad an, und ausbleibende Niederschläge führten dazu, dass zum Beispiel das Wasser im Mittelmeer salziger wurde. Umstände, unter denen sich Quallen wohl fühlen.

«Ob die globale Erwärmung damit wirklich zu tun hat, muss erst noch diskutiert werden. Dafür wurden Quallen im Vergleich zu anderen Meeresorganismen zu wenig untersucht», gibt Sommer zu bedenken. Generell gilt: In wärmeren Meeren treten die gallertartigen Organismen häufiger auf als in kühleren Meeren. Und obwohl sie in Regionen mit ausgeprägten Jahreszeiten eher in den Sommermonaten für Ärger sorgen, muss auch der Herbsturlauber mit ihnen rechnen.

Eklige Ohrenqualle

Wer an die Ostsee reist, trifft hauptsächlich auf die Ohrenqualle. Ihren Namen trägt sie daher, weil ihre Geschlechtsorgane ohrenförmig durch den Schirm schimmern. Sie sieht eklig aus, gilt aber als harmlos.

Die Nordsee ist die Heimat der Feuer- oder Gelben Haarqualle. «Gelegentlich treibt sie auch in die Ostsee hinein. Dort kann sie sich wegen des geringen Salzgehalts jedoch nicht vermehren», weiss Sommer. Ihr Erkennungszeichen ist eine rund 50 Zentimeter grosse gelbe oder rote Schwimmglocke.

Eine Begegnung mit ihr ist recht unangenehm. Nach der Berührung brennt die Haut mindestens eine Viertelstunde und schwillt an. Rote Striemen können auftreten. Sie sind jedoch nach zwei Tagen wieder verschwunden.

Böse Leuchtqualle

Sie könnte von Andy Warhol gezeichnet worden sein: Rosa und schimmernd sieht die Leuchtqualle nach reiner Pop-Art aus. Bei Berührung in der Dunkelheit strahlt sie pink. Meist schwebt sie in riesigen Schwärmen durch die europäischen Meere. Vor allem an der Atlantikküste und am Mittelmeer sorgt sie für Negativschlagzeilen.

Bereits 1977 mussten ihretwegen an der kroatischen Adria 250000 Menschen ärztlich behandelt werden. 2007 gingen in Katalonien 10000 Verletzte auf ihr Konto. Spanische Fischer ziehen sie mittlerweile mit Netzen aus dem Wasser, während man im französischen Antibes die wabbligen Ungeheuer mit einer Art Staubsauger aus dem Wasser holt.

«Am Mittelmeer muss bis Saisonende mit ihr gerechnet werden», sagt Gerhard Jarms, Professor am Zoologischen Institut der Universität Hamburg. Ihr Schirm und ihre Tentakel sind mit vielen Nesselzellen besetzt. Bei Kontakt mit einem Opfer öffnet sich ihr Deckel, der darin enthaltene Nesselschlauch schiesst im Bruchteil einer Sekunde heraus, bohrt sich in die Haut und injiziert dort giftige Substanzen. «Sie können bei Kindern zu Fieberschüben führen und bei Erwachsenen zu brennenden Schmerzen auf der Haut», erklärt Jarms.

Dabei fühlt sich das Brennen doppelt so intensiv an, wie wenn man einer Brennnessel zu nahe kam. Oft zeugen lange Zeit Spuren von der Begegnung mit einer Leuchtqualle oder anderen Arten: «An den betroffenen Stellen kommt es manchmal zu einer Hyperpigmentierung, zu einer verstärkten Bräune, die erst nach Monaten oder sogar einem Jahr abklingt», sagt Peter Itin, Chefarzt an der dermatologischen Universitätsklinik Basel.

Doch verglichen mit der zu den Würfelquallen gehörenden Seewespe verläuft der ungewollte Kontakt mit der Leuchtqualle noch glimpflich.

Gefährliche Seewespe

Australien- und Philippinen-Urlauber sollten auf der Hut sein: Die Saison der Seewespe beginnt dort im Oktober. Sie gilt als eines der gefährlichsten Nesseltiere überhaupt und ist jedes Jahr für mehrere Todesfälle verantwortlich. Ihr starkes Gift greift das Nervensystem an und kann zu Muskel- und Atemlähmung führen. «Kommt man mit sehr vielen Tentakeln in Berührung, wird genug Gift abgesondert, dass man daran sterben kann. Meist schon innerhalb von fünf Minuten», weiss Experte Jarms.

Das Tückische: Auf der Suche nach Nahrung verirrt sich die Seewespe häufig in Ufernähe. Da ihr Schirm fast durchsichtig ist, sieht man sie und ihre zwei bis drei Meter langen Tentakel auch im flachen Wasser kaum. Interessant: Für Aborigines stellt sie weniger eine Gefahr dar als für Weisse. «Sie stürzen sich in der Regel nicht hastig ins Wasser und werden wegen ihrer dunklen Hautfarbe von der Qualle gesehen, die dann noch Zeit hat, um auszuweichen. Helle Haut aber nimmt sie nicht wahr», so Jarms. Über die Behandlung von Quallenopfern gehen die Meinungen auseinander. Manche behelfen sich mit Coca-Cola, andere pinkeln auf die betroffenen Stellen. Rat gibt Experte Itin.

Sand und Essig helfen

«Verlassen Sie nach Kontakt mit einer Qualle sofort das Wasser. Es könnte zu einem Schock kommen. Tod durch Ertrinken droht.» Die betroffenen Partien dürfen nie mit Süsswasser abgespült werden, da es die Kapseln mit den Giftstoffen erst recht explodieren lässt.

In ihnen steckt eine Mischung aus verschiedenen Stoffen wie Polypeptiden, Aminen oder Ammoniumverbindungen, die die Haut zur Raserei bringen. Gut dagegen ist Sand: «Auf die Stellen legen und diese austrocknen lassen, dann abschütteln. Essig hilft auch. Er inaktiviert die Giftstoffe», so Itin.

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