Der Rosé ist wieder cool

In den Achtzigern top, in den Neunzigern flopp: Roséweine litten oft zu Unrecht an ihrem schlechten Ruf. Doch jetzt sie sind wieder salonfähig und verführen nicht nur an heissen Sommertagen mit ihrer erfrischenden Art.

Erhellend: Roséweine haben ihren schlechten Ruf abgelegt und gewinnen zunehmend wieder an Beliebtheit.

Erhellend: Roséweine haben ihren schlechten Ruf abgelegt und gewinnen zunehmend wieder an Beliebtheit. Bild: Reuters

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Eigentlich sind sie die Zwitter der Weinwelt. Weder die tiefen Farbtöne eines kräftigen Roten noch das leuchtende Gelb eines erfrischenden Weissen bietend, wissen Weinliebhaber oft nicht, was sie mit Roséweinen anfangen sollen. Handelt es sich bei den blassrosa Säften um die lieblichen Frauenweine, als die sie belächelt werden? Sind sie wegen ihrem oft etwas süsslichen Charakter tatsächlich die Einsteigertropfen, als die sie verhöhnt sind?

Aufstieg und Fall

Ihren Höhenflug erlebten Roséweine in den achtziger und frühen neunziger Jahren. Was – nebenbei erwähnt – auch deshalb nicht erstaunt, weil die Farbe des Weins bestens zu den Sehnerv-zerfressenden Neonfarben dieser Zeit passt. In der Schweiz war vor allem die aus der Region Neuenburg stammenden «Oeil de Perdrix» beliebt. Der Wein, dessen Name «Auge des Rebhuhns» bedeutet und auf die Farbe des Safts hinweist, fand auf jeder Party begeisterte Abnehmer.

Doch schon Mitte der Neunziger rückten die Roséweine wieder aus dem Blickfeld. Dieses hatte sich nämlich auf die immer beliebter werdenden Kraftprotze aus der neuen Welt mit ihren tiefdunklen Rottönen und intensive Gelbnoten verschoben. Helle, leichte Weine waren plötzlich out. Das ging indessen nicht nur den Roséweinen so, sondern auch herkömmlichen Pinot-Noir-, respektive Blauburgunder-Gewächsen. Doch dies nur am Rande.

Die Rosés wurden jedoch auch von ihrer Vergangenheit eingeholt. Denn sie waren eigentlich ein Produkt von fragwürdiger Qualität. «Traditionell wurden die Weine aus angefaulten blauen Trauben gekeltert», weiss Felix Christen, Weinexperte von winiconsult. Einerseits waren die Farbstoffe in den Häuten zerstört, andererseits durften die Trauben bei der Herstellung nur kurz an der Maische (der Masse aus Beerenhäuten und Traubenkernen) bleiben, weil die Winzer sonst Gefahr liefen, dass faulige Aromen in den Wein wanderten. Da die Häute der roten Trauben nur wenige Farbstoffe an den Saft abgaben, entstanden Weine mit einer rosa Farbe. Roséweine waren damit zuvorderst ein Versuch zur Rettung des Traubenguts – und damit nicht die erste Wahl, was in den Köpfen der Leute hängenblieb. Zudem galten die Roséweine als zu lieblich und waren auch oft zu süss.

Gruss des Südens

Die Zeiten haben sich geändert, heutzutage widmen die Winzer auch den Roséweinen ihre volle Aufmerksamkeit. Vor allem in den südlichen Regionen Frankreichs sind Rosés beliebt, aus der Provence, dem Languedoc und der südlichen Rhône kommen erstklassige Säfte mit heller Farbe und intensiven Aromen. Gewonnen werden sie aus aus praktisch allen blauen Trauben, sei es Grenache, Syrah, Cinsault oder Pinot-Noir. Das wohl breiteste Spektrum, von qualitativ fragwürdig bis herausragend, stammt aus dem Tal der Loire. Während ein Rosé d’Anjou am unteren Ende der Skala anzusiedeln ist (Master of Wine Jancis Robinson bezeichnet ihn unverblümt als «sickly» - schwächlich), vermag ein Cabernet d’Anjou an einem heissen Sommertag herrlich zu erfrischen.

Nicht immer tragen die Weine die Bezeichnung «Rosé»: In Frankreich sind die Begriffe «Vin Gris» und «Saignée» anzutreffen, in Spanien heissen der Wein «Rosado», in etwas dunklerer Ausführung «Clarete». In Portugal nennt man sie nach den Herstellern «Lancers» oder «Mateus», wobei Mateus einst als eine der berühmtesten Weinmarken der Welt galt. Im angelsächsischen Raum werden sie als «pink» und «blush» bezeichnet und in Deutschland kann ein Roséwein auch «Weissherbst» heissen. Wird er dagegen als «Schillerwein» ausgewiesen – ein Begriff, der auch in der Schweiz existiert – handelt es sich um einen hellroten Wein, der mit Roséweinen ausser der Farbe nichts gemeinsam hat: Ein Schillerwein wird aus dem Mischen von roten und weissen Trauben gewonnen. Ein echter Rosé darf hingegen nur aus dem Saft blauer Trauben bestehen.

Eine Regel, die allerdings nur in der Schweiz gesetzlich festgeschrieben wurde, wie Fréderic Rothen vom Bundesamt für Landwirtschaft BLW erklärt: «Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, das die Art der Herstellung von Roséweinen regelt.» In der EU würden hingegen alle Weine über denselben Kamm geschoren: Egal ob rot, weiss oder rosa, hier heissen alle Säfte einfach nur «Wein». Die Wiege des Roséweins, die französische Provence, wehrt sich dagegen, denn laut diesen Bestimmungen dürfte auch ein Weingemisch aus roten und weissen Trauben als Rosé bezeichnet werden – was den erst gerade wiedergewonnen guten Ruf erneut lädierte.

Rebhuhn aus der Asche

Trotz Regelungen erhebt aber auch die Schweiz keine Zahlen zur Roséproduktion: Weder ist bekannt, welche Menge Roséwein gewonnen wird, noch wie viele Flaschen aus dem Ausland kommen. Die Roséweine laufen alle unter der Bezeichnung Rotwein. Einzig die Lagerbestände geben Auskunft: Rund sieben Prozent der gelagerten Weine sind Rosés. Der Wert entspricht den Verkaufswerten, wie Christen sagt: «Die Nachfrage nach Rosés beträgt etwa acht Prozent des gesamten Weinkonsums.» Eine grosse Rolle spiele das Wetter: Im Sommer wachse der Konsum von Rosés auf etwa neun Prozent, im Winter fällt er auf rund fünf Prozent des Gesamtverbrauchs.

Und mit der Rückkehr des Modestils der Achtzigerjahre werden auch Roséweine wieder beliebter, laut Christen nimmt der Konsum leicht zu. Dabei erlebt auch das Rebhuhn seine Wiederauferstehung: Vor allem der «Oeil de Perdrix» habe in den letzten Jahren zugelegt, erklärt Christen. Im Gegensatz zum Rest von Europa sind in der Schweiz zudem Rosé-Champagner gefragt. Keine namhafte Champagnermarke, die in der Schweiz nicht ihren Rosé vertreibt – egal ob Bollinger, Moët & Chandon, Veuve Cliqueot oder Dom Pérignon.

Ein Genuss sind beide: Die Sprudel wie auch die stillen Roséweine erfrischen besonders an heissen Sommertagen die trockenen Kehlen. Getrunken werden sie gekühlt, leicht süsslich passen sie am besten als Apéro; sind sie trocken produziert, gehen sie gut mit Meeresfrüchten, Fischgrilladen, Krustentieren und Geflügel zusammen.

Erstellt: 10.06.2010, 11:05 Uhr

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