Kräftiger Tropfen aus der Wüste

Der Decero Tannat wird am Fusse der argentinischen Anden angebaut. Die Landschaft um Mendoza ist eine Halbwüste.

Sehr tanninreich, sehr dunkel und wuchtig: Der Decero Tannat 2007.

Sehr tanninreich, sehr dunkel und wuchtig: Der Decero Tannat 2007. Bild: Keystone

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Beim Umstapeln in meinem Keller bin ich auf eine einzelne Flasche Tannat gestossen. Sie hat mich an einen Besuch vor sechs Jahren auf der Finca Decero in Agrelo nahe Mendoza erinnert. «De cero» bedeutet «von null auf». Genau so ist der Name der Finca zu verstehen, denn der Unternehmer Thomas Schmidheiny hat das Weingut auf offenem Land, 1050 Meter über Meereshöhe, am Fusse der argentinischen Anden bauen lassen. Die Reblagen heissen Remolinos Vine­yard, bezeichnet nach den kleinen Wirbelwinden, die die Rebzeilen entlangtanzen und die Trauben trocken halten, also Fäulnis hemmen.

Argentinien gehört weintechnisch zur Neuen Welt, auch wenn im Land der Gauchos schon seit Mitte des 16. Jahrhunderts Rebensaft vergoren wird. Die katholischen Missionare brauchten Messwein, die spanischen und später italienischen und anderen öno-europäischen Einwanderer brachten ihre Vorlieben von der Sorte bis zur Kelterung mit. Die Einwanderer pflegten ihren herkömmlichen, unprätentiösen und ziemlich rustikalen Stil, bis sich Ende des 20. Jahrhunderts ein paar Produzenten entschlossen, im globalen Weingeschäft mitzumischen. Das Herbe, Ursprüngliche wich zugunsten eines international kommerzialisierbaren, rund geschliffenen, süsslichen Geschmacks. Malbec, heimisch in der französischen Appellation Cahors, erwies sich neben den üblichen internationalen Sorten von Cabernet bis Chardonnay als ideale Besetzung für Argentiniens neue Weinbühne.

Und damit ist die Sorte auch das Besondere an der Flasche aus meinem Keller, einem Decero Tannat 2007, denn sie verbindet beide Welten punkto Geschichte, Stil und Geschmack. Wie Malbec stammt Tannat aus Frankreichs Südwesten (Cahors und Madiran), wird dort freilich nicht mehr häufig angebaut. Ein Rückzugsgebiet ist die Region Irouléguy in den französischen Pyrenäen geworden. Wahrscheinlich haben baskische Auswanderer im 19. Jahrhundert Tannat und die weisse Sorte Manseng nach Uruguay gebracht. Von dort aus gelangte Tannat nach Argentinien.

Landwirtschaft ohne Regen

Mendoza und die Landschaft am Fusse der Anden sind «tierra pobre», armes Land: eine Halbwüste. Die extrem vertikale Ausformung der Andenkette hat zur Folge, dass Wind und Wetter, vom Pazifischen Ozean herbrausend, von den Bergen gebremst und gezwungen werden, ihre nasse Fracht auf der chilenischen Seite zu entladen. Für die andere Seite bleibt nichts mehr übrig. Wie kann man in einem Gebiet, in dem kaum Regen fällt, Landwirtschaft betreiben? Indem man Schmelzwasser nutzt.

Das Wasser, das von den Anden talwärts rauscht, ist schon von der indianischen Urbevölkerung in vier Flüssen gesammelt und über Kanäle verteilt worden, über kleine Gräben und Furchen. Es versickert rasch im «cuyum mapu», wie die Ureinwohner den sandigen Boden bezeichnen, der auf tonig-kalkigem Untergrund ruht. Die Zunahme des Weinbaus in der Region Mendoza hat den Bedarf gesteigert. Wasser wird auch aus Tiefbrunnen gepumpt; ausserdem spart man beim Verbrauch, indem man es über ein Tropfensystem den Stöcken zuführt.

Vom Jahrgang 2007 hat Decero nur ein einziges Barrique gekeltert. Die Sorte gilt als sperrig und, Nomen est Omen, sehr tanninreich, als sehr dunkel und wuchtig, was zu Weinen führt, die von Grund auf nicht zu den sanften gehören und einige Jahre Reifung benötigen. Sieben Jahre nach der Vinifizierung zeigt sich der Tannat von Decero anfänglich etwas herb und astringent, aber auch körperreich; nach einer guten Stunde wird er runder und fruchtiger, dennoch keine Neue-Welt-Bombe, sondern ein charakterreicher, in seiner Kraft erfreulich eleganter Wein.

Decero Tannat 2008, 31.90 Fr. bei Weinkeller Riegger, Richtiarkade 1, Wallisellen, Tel. 044 542 43 13; www.riegger.ch

Erstellt: 24.05.2014, 08:31 Uhr

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