«Macht euch mal locker, Leute»

Die Weinzeitschrift «Vinum» ist 30 Jahre alt. Ein Gespräch mit Redaktionsleiterin Britta Wiegelmann über die Kunst, Wein in Sprache zu fassen und die Gefahr, als elitär abgestempelt zu werden.

Chefin ohne Grenzen: Vinum-Redaktionsleiterin Britta Wiegelmann gönnt sich nach einer Weindegustation am liebsten ein Bier.

Chefin ohne Grenzen: Vinum-Redaktionsleiterin Britta Wiegelmann gönnt sich nach einer Weindegustation am liebsten ein Bier. Bild: Jan Graber

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Vinum existiert seit 1980. Heute lassen sich Weinangebote allerdings en Masse auch im Internet finden. Braucht es Vinum überhaupt noch?
Ja. Im Internet gibt es zu viele Informationen. Das ist zwar gut für die Recherche, aber als Leserin mag ich es, wenn ich eine Vorauswahl erhalte. Wenn ein Journalist die Informationen vorsortiert und aufbereitet.

Wer gehört zu den Vinum-Lesern?
Wir sind ein Special-Interest-Titel, der naturgemäss grosse Schnittmengen mit der Weinbranche hat. Wir haben eine hochstehende Leserschaft punkto Bildung und Einkommen. Daneben lesen uns auch Profis wie Händler, Winzer und Journalisten. Im Moment wird mir die Leserschaft aber etwas zu alt. (lacht).

Es fehlen also die jungen Leser. Wie wollen Sie diese erreichen?
Den ersten Schritt dazu hatten wir im April mit dem Relaunch unternommen, als Vinum optisch entstaubt wurde. Wir wollen mehr auch auf Themen aus den Bereichen Wissenschaft, Umwelt oder Politik setzen. Und wir müssen wegkommen von den nur ultrateuren und exklusiven Weinen und den Leuten etwas geben, das sie jeden Tag trinken können. Die Leute machen ja nicht jeden Tag eine Buddel [Château] Petrus auf.

Also mehr Weine, die bei Grosshändlern erhältlich sind?
Grosshändler sind nicht unser Kriterium. In den Weinbauländern gibt es immer noch Nischen: unbekannte Winzer, die Besonderes herstellen. Wir haben die Leute vor Ort, die diese Winzer kennen und ihre Weine vorstellen. Unsere Leser mögen diese Entdeckungen.

Was muss ein Vinum-Journalist können? Muss er Weinprofi sein?
Wein-Redaktoren müssen eine Sensorik- oder Önologie-Ausbildung besitzen, so dass sie mit Winzern auf Augenhöhe reden können und die technischen Zusammenhänge, die Chemie im Wein und alles, was im Rebberg passiert, verstehen. Es gibt so viele Halbwahrheiten; die finden bei uns keinen Platz, dafür ist unser Beruf zu leicht zu beschädigen. Ein Textchef muss dagegen kein Weinwissen jedoch Interesse und Lust an der Thematik haben.

Lässt sich Wein überhaupt in Sprache fassen?
Die technische Weinsprache ist beschränkt. In der Sensorik lernt man, die Aroma-Moleküle zu benennen. Für den Leser ist das nicht spannend. Deshalb gehen wir darüber hinaus und beziehen die assoziativen Aspekte ein. Die Leser sollen Lust auf den Wein bekommen und da ist für mich sprachlich alles erlaubt. Auch die Persönlichkeit des Verkosters soll durchscheinen.

Viele Leute, die sich mit Wein nicht auskennen, empfinden die Weinsprache jedoch als elitär. Sie verstehen nicht die Blumenbouquets, die gebunden werden und empfinden die Vergleiche als lächerlich.
Wir dürfen auch da nicht um uns kreisen und diese Nabelschau betreiben. Statt das Blumensträusse getextet werden, können wir dem Leser Tipps geben, welcher Wein abends zum Hackbraten passt.

Vermeiden Sie deshalb die typische Weinsprache?
Nein, denn sie drückt die Persönlichkeit des einzelnen Journalisten aus. Ich glaube auch nicht, dass sich das Elitäre an der Sprache festmachen lässt.

Schützt sich die Kaste der Weinkenner so nicht auch?
Manche Wein-Snobs schon, klar. Trotzdem kommen wir nicht drum herum: In einer Degustation müssen wir Wein beschreiben können und dafür brauchen wir eine Sprache. Aber wenn ich eine Sache gross auf die Titelseite von Vinum schreiben könnte, wäre es: Macht euch mal locker, Leute. Das Einzige, was am Ende zählt ist, ob einem ein Wein schmeckt oder nicht. Wein ist subjektiv und man soll schmecken, riechen und trinken, was man will.

Vinum gehört zu den Königsmachern im europäischen Weinmarkt. Weingüter können bei einer guten Kritik einen Ruf erhalten, den sie vorher nicht hatten. Welche Verantwortung bringt dies mit sich?
Eine riesige. In dem Moment, wo wir über einen Winzer und sein Produkt positiv schreiben, steigt der Marktwert. Den Bordeaux Leonville Barton beschrieb ein Redaktor mal abschliessend mit «als würde man in einen straffen runden Hintern beissen». Die Leute rannten dem Weingut danach die Bude ein.

Gilt dies auch umkehrt?
Ich denke schon. Wir müssen uns dessen bewusst sein, es ist eine Gratwanderung. Wir begegnen jedem Wein mit dem gleichen Respekt.

Wein ist Geschmackssache, auch Redaktoren werden ihre Vorlieben haben. Natürlich. Das ist wichtig.

Ihre Vorliebe beeinflusst also den Markt?
Zwangsläufig. Am schlimmsten fände ich aber eine Scheinobjektivität – so zu tun, als ob man über der Sache steht. Wein ist etwas Persönliches. Das gilt für die Winzer ebenso wie für die Konsumenten oder eben die Journalisten.

Im Weinbusiness geht es oft um Millionen. Gibt es Bestechungsversuche von Weingütern, damit ihr Erzeugnis besonders gut wegkommt?
Direkte Bestechung hat es noch nie gegeben. Aber wir hatten schon Winzer, die sich weigerten, ihren Wein für eine Degustation einzuschicken, weil sie sich von uns nicht so gut bewertet fühlten. Das gehört jedoch mit zum Spiel, ich halte das für legitim.

Wie sieht es mit Weinen aus, die persönlich an den Redaktor geschickt werden, quasi als kleine Aufmerksamkeit?
Alle Weinflaschen, die hier ankommen, gehen in unseren gemeinsamen Bestand. Die besten Flaschen halten wir zurück für Anlässe und Geschenke. Unsere Journalisten kennen die Weinwelt und trinken viele gute Weine. Da ist die Gefahr nicht mehr so gross, dass sie sich mit einer Kiste Champagner kaufen oder von einer Kiste Petrus beeindrucken lassen.

Hatten Sie nie die Nase voll von Wein?
Doch. Und was ich am liebsten trinke, ist für mich am scheusslichsten zu degustieren – Champagner. Und deutscher Riesling. Die Säure macht die Zähne kaputt. Es gibt im Jahr immer eine Zeitspanne, in der ich höchstens alkoholfreies Bier trinke.

Sie mögen Bier?
Ein geschätzter Kollege in Deutschland hat einmal gesagt: «Das Schönste an einer Weindegustation ist das Bier danach.» Das würde ich mir auch auf die Fahnen schreiben; Bier ist das Einzige, das nach einer Degustation die Säfte wieder zum Fliessen bringt.

Welchen Saft würden Sie nie kaufen?
Da bin ich völlig schmerzfrei. Für mich kommt es auf den Kontext an und ich trinke auch den billigen Tropfen im Fussballstadion. Für mich gibt es keine Grenze.

Wie lange wird es Vinum noch geben?
Sicher mal die nächsten dreissig Jahre in sich verändernder Form (lacht).

Erstellt: 18.11.2010, 09:01 Uhr

Vinum
1980 von einer Hand voll Weinenthusiasten in der Schweiz gegründet, ist Vinum mit einer Auflage von über 84000 Exemplaren mittlerweile das grösste und bedeutsamste Weinmagazin Europas. Vinum erscheint in der Deutschschweiz, der Romandie, in Deutschland und Spanien. Die Redaktion führt eine eigene Degustationsdatenbank mit 43000 Verkostungsnotizen. Die Vinum-Redaktoren testen jährlich mehrere Tausend Flaschen Wein. Mit dem Guide Vinum pflegt der Verlag zudem ein Netz von Händlern, welche die Preis- und Bestellinformationen zu den publizierten Weinen liefern.

Die Chefin

Britta Wiegelmann, 38, arbeitet seit neun Jahren für Vinum, zunächst in Bordeaux, seit Anfang 2010 in Zürich. Sie hat die Gesamtleitung über die Redaktion. Sie studierte Spanisch, Portugiesisch und Kommunikationswissenschaft und besitzt ein Weindegustationsdiplom der Fakultät für Önologie der Universität Bordeaux. Wenn sie sich unbedingt festlegen müsste, tränke sie am liebsten nur noch Champagner.

Das Herz von Vinum: In diesem Raum werden Weine zu Königen gekrönt. (jag)

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