Schweizer Weinkönigin in Kalifornien

Margrit Mondavi trat im Napa Valley gegen die Wein-Machos an. Wie sie sich im wichtigsten Weinbaugebiet der USA durchsetzte.

Jazzgrössen und Spitzenköche hat Margrit Mondavi ins Napa Valley gebracht. <br />Foto: Liesa Johannssen

Jazzgrössen und Spitzenköche hat Margrit Mondavi ins Napa Valley gebracht.
Foto: Liesa Johannssen

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Hochbetrieb auf dem Mondavi-Weingut. Die Ernte ist erst zu 40 Prozent eingebracht. Jeder Tag zählt nun. Im Keller verlesen ein halbes Dutzend Angestellte Trauben von Hand. «Robert wollte immer den besten Wein produzieren, den der Boden hergibt», sagt Margrit Mondavi, seine Witwe. An diesem strahlenden Spätsommertag trägt sie leuchtendes Orange. Sie weiss sich zu kleiden und zu posieren. Auch mit 89 Jahren noch perfekte Gastgeberin, hat sie uns auf dem Weingut in Yountville zum Mittagessen eingeladen. Zur Vorspeise hat die haus­eigene Köchin ein feines Kaninchenfilet zubereitet. Danach gibt es Königslachs und ein Apfelsorbet. Dazu wird Fumé Blanc, Pinot noir und Moscato der Robert Mondavi Winery serviert. Eine kulinarische Komposition, die die Handschrift der Gastgeberin trägt.

Als sie sich 1961 im Napa Valley niederliess, hatte das Städtchen Yountville 20 Bars und keine geteerte Strasse. Und sie hiess noch Margrit Biever. Der Boden war billig; nur 21 alteingesessene Betriebe kelterten Weine. Bei den sechs renommierten klopfte sie an. «Ich war Hausfrau und Mutter, und das genügte mir nicht.» Sie hatte vor, Konzerte für die lokalen Schulen zu organisieren und den Kindern, «die ja nicht wussten, was ein Dirigent ist», neue Horizonte zu eröffnen. Doch die Winzer hatten kein Musikgehör. «Eine Tür nach der anderen wurde zugeschlagen», erinnert sie sich. «Wir machen Wein. Wir haben kein Interesse, Konzerte zu finanzieren. Ciao.»

Gegen die Machos

Einzig bei Charles Krug, der ältesten, von deutschen Einwanderern im 19. Jahrhundert gegründeten Kellerei, tönte es anders. Sie wurde eingeladen, ein Konzert im Weingut selbst zu organisieren. «Die Leute mussten nur zwei Dollar Eintritt zahlen und bekamen dafür auch noch Käse und Wein. Das hat natürlich gezogen.»

Wichtiger für ihr Leben war: Krug wurde von den Brüdern Robert und Peter Mondavi geführt, Söhne italienischer Einwanderer, die höchst unterschiedlicher Meinung waren, wie Wein produziert werden sollte. Wenige Wochen nach dem ersten Konzert erhielt Margrit das Angebot, Führungen durch den Betrieb zu leiten. Damals wusste sie noch nichts von den internen Querelen, wie sie sagt, und auch nichts vom Weinmachen. «Ich habe mein Leben lang Wein getrunken. Ich wurde zwar in St. Gallen geboren, aber wuchs im Tessin auf – und da gehörte Wein einfach zum Essen.» Aber bei Krug fühlte sie sich, als falle sie ins Mittelalter zurück. «Alle anderen Führer waren Männer. Pensionierte Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer. Furchtbare Machos. Eine sehr konservative Gesellschaft.»

Die Mutter von drei minderjährigen Kindern liess sich von den abschätzigen Sprüchen der Männer nicht abschrecken. Sie besuchte Weinlehrgänge an der Universität und las jedes Fachbuch, das sie in der lokalen Bibliothek finden konnte. An Unabhängigkeit hatte es ihr ohnehin nie gefehlt. «Meine Mutter war Nudistin, auch im Herzen. Eine wunderbare Frau. Sie hat mich stark geprägt.»

Margrit Biever merkte schnell, dass sie sich nicht verstecken musste. «Ich konnte meine Führungen auf Deutsch, Französisch und Italienisch machen. Und bald wusste ich auch mehr über Wein als all die Machos.»

Noch mehr Spass hatte sie, wenn sie mit ihrem beigefarbenen VW nach San Francisco in Konzerte und Ausstellungen flitzen und ihren Freigeist ausleben konnte. Robert Mondavi lernte sie damals, in den ersten Jahren, nicht kennen. «Bob war immer unterwegs, hatte immer zu tun. Mit seinem grossen Auto raste er mit 90 Meilen vorbei. Das war alles, was ich von ihm sah.» Doch der Krach zwischen den ungleichen Brüdern Mondavi weitete sich aus und griff auf den Betrieb über. Schliesslich kam es zum Bruch. Robert entschied sich, bei Krug auszusteigen und selber zu beginnen. Der Mondavi-Weinbaubetrieb war der erste, der nach dem Ende der Prohibition im Napa-Tal gegründet wurde. Er markierte den Beginn einer neuen Ära. Einer Ära, in welcher die Weine aus dem Napa Valley internationales Renommee erlangten.

Falsche Wimpern

Robert Mondavi spielte dabei eine zentrale Rolle, später auch Margrit. Doch das ahnte sie damals nicht. «Als ich die Mondavi Winery zum ersten Mal betrat, hatte sie noch kein Dach. Aber ich spürte den Winzergeist. Darum habe ich hier als Führerin angefangen, für zwei Dollar pro Stunde.» Und es begann, was sie heute als «eine Romanze» beschreibt. Robert Mondavi, dessen Ehe in der Krise war, lud sie zu einem Weihnachtsessen ein. «Ich kaufte ein neues Kleid und klebte mir zum ersten Mal falsche Wimpern an.» Das ging schief. Beim Tanzen löste sich eine Wimper und rutsche ihr auf die Wange. «Ich war sicher, dass er mich nicht würde wiedersehen wollen.»

Es war der Anfang einer langen Liebschaft, die viel Aufsehen, Missgunst und Neid erregte. Sie galt als «die andere Frau», die sich einschleichen und bereichern wollte. «Aber wir hatten uns wirklich sehr gerne.» Doch was tun? Sie wollte sich wegen der Kinder nicht unbedingt von ihrem Mann trennen. «Und für Bob kam eine Scheidung wegen seiner italienischen und katholischen Herkunft erst nicht infrage», sagt sie – und fügt lachend hinzu, er sei nur «theoretisch katholisch» gewesen.

Ihr Aufgabenbereich auf dem Weingut weitete sich in der Zwischenzeit aus. Im Sommer 1969 organisierte sie das erste öffentliche Konzert bei Mondavi, dem über die Jahre Dutzende weitere folgten. Heute gehören Konzerte zum guten Ton im Weinbaugebiet; «fast bis zum Überdruss», wie sie bestätigt. Aber sie holte Grössen wie Benny Goodman, Ella Fitzgerald, Lena Horn und Tony Bennett auf die Mondavi-Bühne. «Vorher war nichts los im Napa Valley. Wir mussten die Stühle in der Kirche und in den Schulen holen. Das Klavier transportierte ich im VW-Bus.»

Das erste Konzert trug 1000 Dollar ein. «Ich wusste es damals nicht. Aber ich war so etwas wie kulturelle Botschafterin im Napa Valley.» Eleanor Coppola, die Frau des Filmemachers und Weinbauers Francis Ford Coppola, drückte es einmal so aus: «Es gibt Leute mit einer Energie, die einen aussaugt. Margrit hat eine Energie, die auffüllt. Man fühlt sich lebendiger in ihrer Anwesenheit.»

Ein naives Heidi

Als Nächstes begann sie, Spitzenköche aus Frankreich einzuladen, denn ihre zweite Leidenschaft war und ist das Kochen. Kalifornien war damals kulinarische Provinz, so zumindest dachten Alain Senderens oder Georges Blancs und Paul Bocuse. Les Chefs liessen ihre Foie gras, Trüffel und Butter aus Frankreich einfliegen. Robert Mondavi und sie zeigten ihnen die Region und die lokalen Restaurants, luden sie aufs Weingut ein. «Sie waren überrascht, was wir alles hatten. Danach verzichteten sie darauf, ihre eigenen Sachen mitzubringen.»

Die grosse Frage aber war noch immer: «Was nun, was tun mit unserer Liebe?» Auch ihre Ehe war nicht mehr zu retten. Ihren Mann hatte Margrit Kellenberger mit 19, als sie für einen Sprachaufenthalt am Genfersee war, in einem Uhrengeschäft kennen gelernt. Es war nach dem Krieg; und US-Offiziere wurden für ihre Leistungen mit Reisen in die Schweiz belohnt. «Er war Hauptmann und sah gut aus», erinnert sie sich. Alles ging schnell, zu schnell. «Ich war wie Heidi, nichts hatte mit der Realität zu tun.» Das Paar heiratete – und eine lange Reise durch drei Kontinente begann. Philip Biever wurde wie alle US-Offiziere alle zwei Jahre versetzt. Die junge Familie lebte in Deutschland, dann in den USA, dann in Japan und sollte von dort nach Puerto Rico übersiedeln.

Harte Zeiten

An diesem Punkt begehrten die Kinder auf. Sie bevorzugten das Leben in den USA, auch wenn die erste Station in North Dakota hart war. «Das war ein Kulturschock. Die Südwestecke von North Dakota bilden die Badlands. Kein Baum im Umkreis von 150 Kilometern.» Sie versuchte dennoch, Gemüse zu ziehen. Die Setzlinge gediehen. «Doch eines Morgens war alles von Heuschrecken weggefressen.» Danach legte sie einen Teich mit Goldfischen an. «Sie erfroren am 28. August 1950.» Die Temperatur war über Nacht unter null gefallen. An das Datum erinnert sie sich genau, weil sie seit über 60 Jahren ein Tagebuch führt. Was sie erlebt und was sie sieht, notiert sie jeden Tag, besser gesagt, einen Tag danach, um Distanz zu gewinnen.

Als ihr Mann aus den Streitkräften ausschied, kaufte er ein Haus im Napa Valley. «Dieser Duft von Eukalyptus, Rosmarin und Lavendel. Das Wetter, die Weinberge», schwärmt sie noch heute. Endlich hatte sie eine zweite Heimat gefunden. «Ich bin sehr glücklich hier, aber im Herzen bin ich Schweizerin geblieben. Robert war stolz darauf.» Die Zeit klärte die Frage des Zusammenlebens. Robert Mondavi liess sich zuerst scheiden, wenig später auch sie. 1980 heiratete das Paar in Palm Springs. Ein Angebot von Baron Philippe de Rothschild, auf seinem Schloss im Bordeaux-Gebiet zu heiraten, lehnten die beiden ab. Sie hatten genug vom öffentlichen Aufsehen. Die Kinder von Robert mussten sich erst daran ­gewöhnen, dass nun «die andere Frau» ihren Vater geheiratet hatte.

Sie hört es nicht ungern, wenn sie die Grande Dame vom Napa Valley genannt wird. Sie liebt es noch immer, Leute um sich zu scharen, zu unterhalten und zu lachen. Auch über sich selbst, zum Beispiel wie sie Königin Elizabeth 1983 auf ihrem US-Besuch traf und sie den hohen Gast in einem rot-weiss getüpfelten Kleid zu übertrumpfen schien. «Was für ein Fauxpas: Ich hatte keine Ahnung von der Kleiderordnung.»

Vielleicht ist es diese Frohnatur, die das Erfolgsgeheimnis ihres Lebens ist. «Jeder Tag ist ein Geschenk. Und wenn man so alt ist wie ich, muss man jeden Tag etwas haben, auf das man sich freuen kann.» Für sie gilt auch: Mehr Geben als Nehmen. Sie hätte sich an der Mondavi-Winzerei beteiligen und mehr Geld machen können, dachte aber nie ernsthaft an eine Investition. «Das hätte mir nichts gebracht. Finanziell bin ich ein Idiot. Meine Leidenschaft sind und bleiben die Kunst und die Kultur.»

Aus diesem Grund haben die Mondavis auch Dutzende von Millionen in regionale Museen, Forschungsanstalten und Konzertstätten gesteckt. Robert Mondavi starb 2008, mit 94 Jahren. «Ich vermisse ihn sehr. Bob war immer voller Energie, immer hilfreich und grosszügig.» Von ihm hat sie gelernt: «Wenn du von etwas überzeugt bist, sprich nicht nur darüber, tue es.»

Erstellt: 02.10.2014, 19:26 Uhr

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