Wein statt Alkopops: Weinseminare für Junge schulen das Bewusstsein

Junge Menschen würden sich nicht für Wein interessieren, lautet eine oft geäusserte Meinung. Falsch. Ausgebuchte Weinseminare für Junge zeigen: Nicht nur über 40-Jährige begeistern sich für Wein.

Nicht nur ein Altherrending: Weinseminare sind auch bei jungen Weinliebhabern beliebt. Nur wenige Kurse richten sich jedoch speziell an Junge.

Nicht nur ein Altherrending: Weinseminare sind auch bei jungen Weinliebhabern beliebt. Nur wenige Kurse richten sich jedoch speziell an Junge. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es muss ja nicht gleich so sein, wie es kürzlich ein Kollege formuliert hat. «Ah, du interessierst dich für Wein», sagte er, «das ist irgendwie typisch für Männer ab einem bestimmten Alter. Ein Zeichen, dass man gesetzt ist – ein Altherrending.» Dankeschön.

Ganz unrecht hat der Kollege indessen nicht: Am meisten Wein wird laut einer Marktforschung, die Swiss Wine Promotion 2008 durchführen liess, von den über 60-Jährigen getrunken: 49 Prozent der Befragten in dieser Altersgruppe trinken 2008 mindestens einmal pro Woche Wein. Bei den 45- bis 59-Jährigen waren es noch 44 Prozent. Die 18- bis 29-Jährigen trinken laut der Studie hingegen halb so oft Wein wie die älteste Gruppe: 25 Prozent trinken mindestens einmal pro Woche Wein.

Das verstärkte Interesse am Wein ab 45 dürfte indessen weniger Mittel zur Selbstfindung sein, wie es der Kollege insgeheim zum Ausdruck bringen wollte, als vielmehr eine Frage der Lebenssituation. Zwischen 45 und 60 Jahren stehen die meisten in der Blüte ihres Lebens: Sie verdienen genug Geld, um sich gute Weine leisten zu können, und bewegen sich in einem sozialen Umfeld, in dem das Vergnügen nicht an wilden Partys gesucht wird, sondern oft lieber bei einem geselligen Abendessen mit Gesprächen und unter Freunden. Und dazu passt Wein eben besser als Wodka Tonic oder ähnliche Party-Booster.

Eine Frage des Einkommens

Geld ist denn auch einer der wichtigsten Gründe, wieso junge Menschen lieber zu Bier und Alkopops greifen und mit Wein wenig anzufangen wissen. Ein guter Tropfen kostet meistens über zehn Franken, Bier oder Alkopops gibt es darunter. Kurz: viel Alkohol für wenig Geld.

«Heute sind die Gelegenheiten für Junge gross, günstig an Alkohol von geringer Qualität zu kommen», sagt Barbla Bindella, Inhaberin des Beratungsunternehmens The Gate Communication und Frau des Gastro-Unternehmers Rudi Bindella. Das brachte sie auf eine Idee: Weinseminare, die sich ausschliesslich an junge Weininteressierte richten, um ihnen den Zugang zum Wein und damit zum bewussten Genuss statt zum Massenkonsum zu öffnen.

Mit Erfolg: Die fünf Kurse mit 25 Teilnehmern pro Seminar waren weitgehend ausverkauft – und dies, obwohl sie mit 55 Franken so viel kosten wie eine gute Flasche Wein. Unter den Teilnehmern befanden sich nicht nur Gutbetuchte: Vom Handwerker über den Banker bis zum Studenten seien alle Gesellschaftsschichten vertreten gewesen. Der Anteil Frauen und Männer ist gleich hoch, und unter den Teilnehmenden befinden sich Wein-Neulinge ebenso wie Leute mit Vorwissen. Die Kurse für unter 20-Jährige zu öffnen, hätte hingegen zu gesellschaftlichen Bedenken geführt – womit just die Hauptgruppe der Alkopop-Konsumenten fehlt.

Hürden abbauen und Bewusstsein schärfen

Trotzdem machen die Kurse für Bindella Sinn: «Viele Junge haben das Gefühl, zu wenig Ahnung zu haben», sagt Barbla Bindella. «Sie trauen sich nicht zu, zwischen guten und schlechten Weinen unterscheiden zu können.» In den Kursen geht es denn auch in erster Linie darum, die Hürden zum Wein abzubauen. Den Teilnehmenden wird an einem Abend Weinwissen von A bis Z vermittelt, darunter, wie Weine richtig geöffnet, dekantiert und gelagert werden. Bei der Weintheorie allein bleibt es aber nicht: Die Weinstudenten absolvieren einen Aromaparcours und können zehn repräsentative Weine degustieren – darunter auch edle Säfte.

Rudi Bindella betont, dass es sich dabei um keine Verkaufsveranstaltung handelt: Am Ende des Kurses liege kein Bestellformular auf, die Teilnehmer erhielten keine Sonderangebote und man baue keinen Kaufdruck auf. Trotzdem finden die Kurse nicht ganz ohne Eigennutz statt: «Die Jungen sind unsere zukünftigen Kunden», sagt Rudi Bindella. Mit den Kursen würde eine Vertrauensbasis geschaffen, die die Kursbesucher vielleicht später einmal zu Kunden mache.

Bindellas Kurs ist in der Schweiz der erste, der sich ausschliesslich an Junge richtet. Baur au Lac Weine führt zwar Crash-Kurse für Weinneulinge durch, sie sind jedoch nicht speziell auf ein junges Publikum zugeschnitten. Und mit 85 Franken pro Seminarabend auch teurer. Dennoch sind die Jungen stark vertreten: «Etwa ein Viertel der Kursteilnehmer ist unter 30-jährig», sagt Geri Theiler, stellvertretender Direktor von Baur au Lac Weine. Bei andern Weinseminar-Anbietern, lassen sich zwar ebenfalls Basiskurse für Neulinge finden, aber ebenfalls keine speziell für Junge zugeschnittenen Kurse.

Dass sich junge Menschen für Weine und speziell auf sie zugeschnittene Weinseminare interessieren, zeigt sich auch daran, dass die Kurse von den Kursbesuchern weiterempfohlen werden. So dürften auch die Seminare, die von Bindella diesen Herbst in Zürich und Bern durchgeführt werden, wieder voll mit jungen Weininteressierten sein.

Von wegen, nur die Alten würden sich für Weine begeistern, Herr Kollege!

Erstellt: 29.07.2010, 07:04 Uhr

Ausgebuchtes Weinseminar bei Bindella. An diesen Daten finden die nächsten Weinseminare speziell für Junge statt:

Zürich: Mittwoch, 27. Oktober 2010; Mittwoch, 24. November 2010; Mittwoch, 8. Dezember 2010; Dienstag, 25. Januar 2011; Dienstag, 29. März 2011; Mittwoch, 10. Mai 2011;



Bern: Mittwoch, 20. Oktober 2010; Mittwoch, 2. Februar 2011; Donnerstag, 5. April 2011.
Mehr Infos: Link

Kommentare

Blogs

Mamablog Was Eltern über Tik Tok wissen müssen

Geldblog Warum hohe Dividenden nie garantiert sind

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...