Winzer müssen Geschichten erzählen

Schweizer trinken immer weniger Wein. Um der ausländischen Konkurrenz wieder Marktanteile abzuringen, brauche es gutes Marketing, ist man sich einig.

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Die Weinlese steht an, und in den Kellern Schweizer Winzer lagert noch Wein der letzten Ernte. Der starke Franken setzt dem einheimischen Weinbau zu. Rufe nach mehr Schutz werden laut. Es trifft die Winzer in einer heiklen Phase: Seit den 90er-Jahren ging der Konsum von Wein im Inland um gegen 30 Prozent zurück. Den Rückgang müssen fast ausschliesslich die Schweizer Produzenten verkraften. Denn der Genuss von importiertem Wein blieb annähernd konstant.

Alter Weckruf

Dabei ist ausländische Konkurrenz für den Weinbau nichts Neues: Rotwein wird schon Jahrzehnte in grossen Mengen importiert, bis 2001 wurden auch für Weisswein die Pforten schrittweise geöffnet. Dies führte zu einer Verlagerung der Produktion weg vom Weisswein hin zum Rotwein, da dieser Markt viel grösser ist. 2003 überflügelte Letzterer definitiv den Weisswein.

Der eigentliche Weckruf für die Winzer ertönte sogar zwei Jahrzehnte früher: «1982 und 1983 wurde in zwei Jahren die Ernte dreier Jahre eingebracht», erinnert sich Frédéric Rothen vom Bundesamt für Landwirtschaft. Das Bewusstsein wuchs, dass man sich weg von der Quantität hin zur Qualität bewegen musste. Seit 1993 ist die Produktionsmenge gesetzlich beschränkt. Was Sommeliers landauf und landab mit dem Rat Qualität statt Quantität in Interviews repetieren, trägt mittlerweile Früchte.

Guter Wein entsteht am Stock

Einer, der es wissen muss, ist Johannes Rösti. Er leitet bei der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope den Bereich Önologie. Tatsächlich wurden mit gezielter Ausbildung und Weiterentwicklung von Anbau und Sorten Fortschritte erzielt. «Wir haben beispielsweise nachweisen können, dass die Stickstoffversorgung der Pflanze den Wein verbessert», erläutert Rösti. Zudem würden Winzer immer stärker auf einheimische Sorten und Spezialitäten setzen. Johannes Rösti unterstützt dies: «Wir müssen nicht einen Bordeaux kopieren, sondern eigene Sorten fördern.»

Geeignete Rebsorten, die gut ausreifen können, wie etwa die erfolgreiche Eigenzüchtung Gamaret, weniger Trauben pro Stock und eine optimale Pflege sind entscheidend für einen guten Wein. Denn: «Aus minderwertigem Most kann kein edler Tropfen entstehen», macht Rösti klar. Da könne sich der Winzer noch so grosse Mühe geben. Bei der Vinifizierung lasse sich ein Produkt höchstens noch etwas «polieren», aber nicht gänzlich verändern.

Marketing verschlafen

Den Erfolg der Anstrengungen belegen Auszeichnungen von Schweizer Weinen an internationalen Wettbewerben. Der Effort hat aber eine Kehrseite: «Bei uns wurde eher am Produkt und weniger am Marketing gearbeitet», stellt Rösti fest. «Was der Kunde kauft, hat mit Qualität nur bedingt etwas zu tun.» Er könne ja oft den Wein nicht einmal probieren. Umso wichtiger sei es, den Kunden abzuholen: «Er will vor allem eine Geschichte, ein Image, etwas Eigenes, er möchte sich identifizieren können mit dem Produkt», sagt Rösti. Vorbildlich gemacht habe dies Österreich. Freilich müsse die Qualität des Produkts ebenfalls stimmen, wenn der Erfolg anhalten solle.

«Das wäre ein Rückschritt»

Philipp Hunziker, Leiter der Schweizer Weinkontrolle, teilt diese Einschätzung. «Schweizer Weine schneiden gut ab. Wenn sie ein Problem haben, ist es der Preis», sagt er. Wer teuren Wein kaufe, setze immer noch auf ausländischen Wein. Zwischen 2001 und 2005 habe es gute Ansätze bei der Bewerbung von Schweizer Weinen gegeben, um ihn beispielsweise als Lifestyleprodukt anzupreisen. Die Kampagne sei schliesslich an brancheninternen Problemen gescheitert. Von den politischen Vorstössen – aktuell jener von SVP-Nationalrat Oskar Freysinger –, die eine Beschränkung des Imports verlangen, hält Hunziker nichts. «Das wäre ein Rückschritt.» Ziel müsse sein, dass Schweizerinnen und Schweizer neben ausländischem auch Schweizer Wein auftischten.

Erstellt: 24.09.2012, 11:03 Uhr

Herausforderungen

Der Weinkonsum geht zurück, zusätzlich verlor der Schweizer Wein Marktanteile. Einst lag er bei 42, heute noch bei 37 Prozent. Für Frédéric Rothen vom Bundesamt für Landwirtschaft ist dies die zentrale Herausforderung: mit Werbemassnahmen Marktanteile zurückgewinnen. Weinbauern sind im Vergleich zu anderen Bereichen der Landwirtschaft schon länger mit starker ausländischer Konkurrenz konfrontiert. Im Niedrigpreissegment könne man mit den hiesigen Produktionskosten und dem gegenwärtigen Frankenhoch nicht bestehen, stellt der Leiter der Schweizerischen Weinkontrolle, Philipp Hunziker, fest.

Darum müssten höhere Preissegmente angestrebt werden. Als Vorbild müsse die Uhrenindustrie dienen. Mittlerweile trage fast jeder eine Schweizer Uhr am Handgelenk.

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