Zum Abgang noch ein Meisterwerk

Madeleine Gay hat eine Linie geschaffen, die an ihren Anfang erinnert. Das ist ihr hervorragend gelungen.

Sie ist die Grande Dame der Walliser Weinkultur: Madeleine Gay, hier im September 2009. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Sie ist die Grande Dame der Walliser Weinkultur: Madeleine Gay, hier im September 2009. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Madeleine Gay, die Grande Dame der Walliser Weinkultur, wird 2015 ihre ­«retraite» antreten. Zum Abgang aus dem offiziellen Berufsleben, das sie seit 1981 bei Provins Valais verbringt, hat sie nochmals eine Linie geschaffen, die an ihren Anfang erinnert – und im Grunde die ursprüngliche Idee eine Sphäre höher schraubt: «Maître de Chais Réserve Spéciale», Lagenweine von berückender Typizität und Aromatik, zum Beispiel die Weissen Petite Arvine und Heida.

Als sie sich als Studentin der Önologie in Changins um 1980 beim damaligen Direktor von Provins Valais beschwerte, die alten Traubensorten, die sie von ihrem Grossvater kannte, verschwänden immer mehr aus den Walliser Weinbergen, designierte sie mit ihrem Schreiben gleich ihre künftige Stelle. Der Direktor fand die Kritik interessant und beschied Madeleine, sie solle ihre Ideen umsetzen. Die Ingenieur-Agronomin machte sich ans Werk, kreierte ein neues Besoldungssystem für die Traubenzulieferer und schuf die Linie «Maître de Chais».

Wie eine Walliser Wölfin

«In den Achtzigerjahren hielten viele Konsumenten Spezialitäten wie Petite Arvine oder Amigne für Dessertweine», erzählt sie. «Man trank sie nur bei speziellen Gelegenheiten. In den Bistros bestellte man einfach drei Dezi Weissen, und der Weisse war immer Fendant.» Damals waren die Flächen von Provins (die Genossenschaft produziert einen Zehntel des Schweizer Weins) zu über 90 Prozent mit Chasselas, Pinot noir, Gamay sowie etwas Johannisberg und Malvoisie bestockt – durchaus einleuchtend, denn die Rebenbesitzer wurden nach Gewicht bezahlt. Sorten wie Petite ­Arvine, Cornalin und ähnliche Seltenheiten liefern weniger Kilos pro Stock.

Madeleine Gay wollte den Status quo ändern. Kein einfaches Unterfangen, sie muss auf die gestandenen Weinbauern gewirkt haben wie eine Wölfin auf Walliser Schafe. «Der Direktor sagte mir, er könne keine Frau ins Feld schicken, um den Winzern Ratschläge zu erteilen, und er fragte mich, wie ich sie dazu gewinnen wolle, Spezialitäten zu pflanzen.» Durch ein anderes Bezahlungssystem: nicht mehr per Kilo, sondern per Quadratmeter. Wer akzeptierte, erhielt einen «contrat culture», einen Sortenvertrag. «Die Kontrolle über Ertragsmenge, Gehalt und Erntedatum liegt bei uns. So konnten wir Cuvées machen. Dies war der Beginn von ‹Maître de Chais› im heutigen Sinne.»

Es funktionierte. Am Anfang ziemlich harzig, sie musste sich den Respekt über Gebühr lange verdienen. Ihr erster Jahrgang war 1986 ein Chardonnay aus dem Barrique; ihre erste Etikette durfte sie 1997 unterschreiben, 16 Jahre nach dem Eintritt in die Firma. Später schuf sie ‹Crus des Domaines›, «die Spitze der Pyramide», reine Lagenweine. Bei der neuen Linie «Maître de Chais Réserve Spéciale» steht auch die Lage im Fokus, aber nicht speziell als Domäne, sondern nach einer gewissen Exklusivität. Petite Arvine stammt aus Fully, Heida aus Sierre, Cornalin aus dem ganzen Wallis – je nach Kriterien und Verfügbarkeit.

Petite Arvine und Heida sind der Önologin, die 2008 zur Winzerin des Jahres erkoren wurde, hervorragend gelungen. Die beiden Sorten werden ohne Holz vinifiziert – man spürt sofort, dass sie das auch nicht nötig haben. Die Trauben werden eine Nacht lang eingemaischt, sodass die Farb- und Aromastoffe aus der Beerenhaut in den Saft gelangen können. Petite Arvine brilliert durch eine unglaubliche Dichte und Würzigkeit, Heida zeichnet sich durch eine noch verhaltene, aber mit Potenzial ausgestattete Mineralität aus. Ein wunderbares Abschiedsgeschenk der Önologin an alle, die grosse Weine schätzen.

Maître de Chais Réserve Spéciale Heida de Sierre 2013 (22 Fr.) und Petite Arvine de Fully 2013 (23.10 Fr.) bei Weinkeller Riegger, Richtiarkade 1, Wallisellen (044 542 43 13) oder Birrhard (056 201 41 41); www.provins.ch

Erstellt: 14.11.2014, 18:58 Uhr

Der Gastrokritiker schreibt im Wechsel­ mit Philipp Schwander über Wein und Winzer.

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