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Chasselas: Gehasst und geliebt

Schweizer Weine im Fokus: Chasselas ist die am weitesten verbreitete Rebsorte der Schweiz – und diejenige mit dem zweitschlechtesten Ruf. Zu Recht?

Zuhause in der schönsten Weinregion der Schweiz: Im Lavaux am Genfersee hat die Chasselas-Traube ihre Heimat.
Zuhause in der schönsten Weinregion der Schweiz: Im Lavaux am Genfersee hat die Chasselas-Traube ihre Heimat.
Keystone

Die Stirn legt sich in Falten. Gefolgt von einem Nasenrümpfen. Werden Weinprofis auf Chasselas angesprochen, verrät meist schon ihre Mimik, was sie von der Rebsorte halten, noch ehe sie sich dazu geäussert haben. Einzig die rote Traubensorte Gamay dürfte tiefere Verwerfungen der Gesichtstopographie hervorrufen. Die landläufige Meinung: Aus Chasselas entstünden flache, langweilige Weissweine ohne Charakter und Leidenschaft – saure Fendants, öde Epesses, fade Féchys. Kurz: billige Weisse, die besser im Kochtopf als im Gaumen landen. Chasselas ist unbeliebt – und die am meisten angebaute Rebsorte der Schweiz. Rund 80 Prozent der Rebflächen des Waadtlandes nimmt Chasselas ein. Wovon es viel gibt, gibt es viel Schlechtes. Hinzu kommt die Erinnerung an eine Zeit, als die Schweizer vor allem mit einheimischen Säften vorliebnehmen mussten - Weine, die nicht unbedingt mit Eleganz und Grösse gleichzusetzen waren.

Von rauen Mengen ...

Dazu ein wenig Geschichte: «1956 herrschte im Waadtland ein furchtbares Frostwetter. Je nach Lage wurden bis zu zwei Drittel der Rebbestände zerstört», sagt Louis Bovard. Bovard keltert aus der Traube nicht nur einen der berühmten Weine der Region sondern gilt auch als Koryphäe in allen Fragen zu Chasselas. «In den folgenden Jahren wurden die kaputten Rebstöcke mit neuen Chasselas-Reben ersetzt. Diesmal jedoch mit einer Varietät, die nicht nur den höchsten Ertrag lieferte, sondern auch fäulnisresistent war.» Je mehr Trauben, desto mehr Wein, lautete die Devise, und man liess die Beeren reifen, bis sie fast platzten. Wirtschaftlichkeit wurde mit Menge gleichgesetzt und nicht mit Qualität. Während vor dem Frost unterschiedliche Chasselas-Varietäten für Abwechslung gesorgt hatten, wurde der Grossteil der Weine nun aus einer einzigen Sorte gewonnen. Die Folge: Weine ohne Charakter überschwemmten den Markt.

Verstärkt wurde das Debakel durch eine Devise, die bei Winzern bis in die 80er-Jahre galt: Der Wein entstehe im Weinkeller, lautete sie. Da ein hoher Ernteertrag oft zu verwässertem Traubenmost führte, wurde dieser im Keller kurzerhand künstlich aufgepeppt. In den Waadtländer Weinkellern gehörte die Methode bis in die Neunziger zum Alltag. Dagegen wehren konnten sich die Schweizer Weinkonsumenten kaum: Die Importmenge für ausländische Weine war beschränkt, eine wirkliche Konkurrenz hatten die einheimischen Produkte deshalb nicht zu fürchten. Ein freies Feld für Schindluderei, die sogar belohnt wurde.

Als Anfang der Neunzigerjahre die Grenzen für ausländische Weine aufgingen, waren die Winzer jedoch gefordert. Langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass Weine im Rebhang und nicht im Keller entstehen. Nach und nach entstanden im Lavaux – jener pittoresken Region am Nordufer des Genfersees, die seit 2007 den Status als UNESCO-Weltkulturerbe geniesst – Tropfen, die den Vergleich mit internationalen Weinen nicht scheuen mussten. Denn das Lavaux gilt als die ideale Anbauregion für die Chasselas-Traube. Besonders die Lage Dézaley zwischen Epesses und Rivaz bringt Weine mit internationalem Rang hervor. «Für jede Rebsorte gibt es ein ideales Terroir», sagt Bovard, «Was für den Pinot Noir die Lage Romanée-Conti, für den Syrah die Côte-Rotie und für Merlot das Pomerol ist, bedeutet für den Chasselas Dézaley. Eine mystische Lage.»

... zu den erstklassigen Tropfen

Von Dézaley kommen entsprechend die Vorzeigeweine aus Chasselas – seien es der Klassiker «Médinette» von Bovard selbst, der kräuterige «Côte des Abbayes» von Jean-Luc Blondel-Duboux aus Cully oder der kraftvolle «Chemin de Fer» von Luc Massy aus Epesses. Heutzutage kann das ganze Lavaux stolz auf seine Erzeuger sein. Ob ein eleganter, mineralischer «Château Maison Blanche» aus Yvorne, ein fruchtiger, fülliger «Les Fosse» aus St. Saphorin oder blumiger «Le Brez» aus Féchy: Die Stärke der Chasselastraube liegt darin, dass sie das Terroir – die Verbindung aus Boden und Klima – einer Region gut zum Ausdruck bringt. Dasselbe gilt auch für Chasselas-Weine aus dem Wallis, wie zum Beispiel dem «Domaine des Muses» von Robert Taramarcaz aus Sierre – notabene einem Fendant.

Um die Chasselas-Traube zu fördern, wurde zudem die Auszeichnung Lauriers d’Or von Terravin gegründet, mit der jährlich herausragende Erzeugnisse prämiert werden. Die Region am Genfersee kann seit Frühling 2010 zudem mit dem Lavaux Vinorama aufwarten: Einem Museum in Rivaz, das sich den Weinen der Region widmet. Louis Bovard hat zusammen mit der Forschungsanstalt Acroscope Changins-Wädenswil zeitgleich das Conservatoire Mondial du Chasselas gegründet: Auf einem Rebhang wurden 19 verschiedene Varietäten von Chasselas gepflanzt – so dass auch in Zukunft die Vielfalt der Rebsorte gewährleistet bleibt.

Wie einem Wink Gottes kommt deshalb das Resultat der jüngsten wissenschaftlichen Untersuchung der Universität Neuenburg zum Chasselas gleich: Genetisch konnte kürzlich nachgewiesen werden, dass die Chasselas-Traube ihren Ursprung tatsächlich in der Region um den Genfersee hat – und nicht, wie auch schon behauptet, im Nahen Osten.

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