Hintergrund

Detox für Deppen

Im Frühling blühen die Blumen in den Wiesen und die Entgiftungskuren in den Lifestylemagazinen. Aber ist das wirklich gesund?

Alles so gesund hier: Entgiften mit Gemüsesäften ist sehr beliebt.

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Es ist jetzt draussen fast ein bisschen Frühling geworden. Wir spüren es in uns und sind ausser uns, ich vor allem aus Neid. Ja, Neid, aber das passt schon, denn pünktlich zum Frühling reden alle wieder von Gift. Oder eher davon, dass sie entgiften müssen. Ganz so, als wären wir das ganze Jahr über vornehmlich damit beschäftigt, uns welches zuzuführen. Was man sich so gönnt, weil man sich ja sonst nichts gönnt. Aber die Regel ist einfach: Was eingeführt wurde, muss wieder ausgeführt werden, auch auf höherer Ebene, metaphysisch sozusagen. Frühlingsputz für den Körper, als Gruss ans neue Jahr und Verbeugung vor dem Leben.

Neoreligiöses Sühneritual

Detox heisst das neoreligiöse Sühneritual für die mannigfaltigen kleinen Sünden des postmodernen Lebens. Und derzeit detoxt es wieder auf allen Kanälen. Lifestyle-Redaktorinnen adressieren mutig ihre Problemzonen, testen die besten Methoden, um diese zu vernichten, schreiben Erfahrungsberichte, wägen Programme gegeneinander ab. Was ist besser, eine customised Saftkur, «kreiert von renommierten Detox- und Raw-Food-Köchen» für spottbillige fünfhundert Franken? Der kombinierte Ernährungsberater plus Personal Trainer? Die Hollywood-Methode mit dem verdächtigen Namen Mastercleans, die viel Zitronensaft und Cayennepfeffer beinhaltet? Ayurveda? Chinesisch? Oder gibt es vielleicht etwas ausgefallen Neues, ein keltisches Ritual mit Nackttänzen und Freudenfeuern? Eigentlich egal, Hauptsache, es funktioniert idiotensicher, Detox für Deppen sozusagen.

Denkste. Und damit kommen wir zum Thema Neid. Denn ich bekenne: Ich habe noch nie entgiftet. Nicht aus Prinzip oder weil ich das Konzept Problemzone nicht kennen würde. Nur ein bisschen anders. Schliesslich bin ich verdammt noch mal eine einzige Problemzone, vor allem in charakterlicher Hinsicht. Das fängt damit an, dass mir der Wille fehlt, so ein Programm durchzuhalten. Noch schlimmer, ich scheitere schon beim Anfangen. Allein, den Vorsatz zu fassen, überfordert mich. Und deshalb beneide ich jene, die es können.

Fasten –aber nur fast

Einmal versuchte ich es. Weil alle immer davon schwärmen, wie gut man sich dabei fühlt oder eher danach, wenn die Gifte und Säuren den Körper verlassen und ihn rein und unbefleckt zurücklassen. Wie sich eine neue Sensibilität entwickelt, man Gerüche und Farben deutlicher wahrnimmt, wie ein bestimmtes Glühen das Gesicht erhellt und zu stiller Zufriedenheit führt – wer wollte das nicht, besonders im Frühling? Aber da kann man ja auch gleich Drogen nehmen.

Aber ich weiss, ja, das Natural High. Ich versuchte es also mit Fasten. Das heisst – fast. Ich wollte es versuchen. Aber noch bevor es angefangen hatte, also mit dem Einleitungstag, an dem man Gemüsesuppen schlürft und ungesalzenen Reis kaut, fühlte ich mich so schwach, dass ich unter der Dusche fast zusammengeklappt wäre und mir deshalb schleunigst was Richtiges zu beissen zuführte. Ich habe auch eine Erklärung für diesen Misserfolg. Irgendwann erreicht man ein Stadium – und das hat mit dem biologischen Alter weniger zu tun als mit dem Lebensstil –, da ist das Gift im Körper alles, was einem bleibt. Ich fürchte, eine Detox-Kur würde von mir nicht mehr viel übrig lassen. Und deshalb lasse ich es. Man kann schliesslich auch mit einem kontaminierten Körper Spass haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.04.2013, 14:21 Uhr

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