Nach dem Check-in zum Check-up

Eine Runde Golf, ein Check-up beim Arzt und danach die Spritze gegen Falten: Immer mehr Luxushotels setzen auf Wellness mit medizinischen Behandlungen.

Auszeit: Selbst Schönheitsoperationen werden beim sogenannten Medical Wellness angeboten.

Auszeit: Selbst Schönheitsoperationen werden beim sogenannten Medical Wellness angeboten. Bild: Florian Schuh/Keystone

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Massagen mit heissen Steinen, Klängen oder Schaum gibt es noch immer. Auch prunkvolle Bäder, die türkis-golden funkeln und so gross sind, dass sie Landschaften genannt werden. Wellnesshotels boomen nach wie vor, denn das Bedürfnis nach schneller und luxuriöser Erholung ist in Zeiten des allgemeinen Gestresstseins gross.

Doch genügen Salzgrotten, Lichtduschen und kosmetische Behandlungen nicht mehr. Gehobene Hotels setzen neu auf Medical Wellness – den letzten Schrei in der gehobenen Hotellerie. Die salopp Treatments und Therapien genannten medizinischen Behandlungen finden in chic eingerichteten, im Hotel integrierten Arztpraxen statt. Das Angebot beginnt mit Check-ups aller Art, geht über Aufbauinfusionen, Einläufe, Entgiftungskuren und Zahnbehandlungen bis hin zu Schönheitsoperationen und umstrittenen Gentests. Je nach hoteleigenem Angebot und Gusto des Gastes.

Auch das Dolder Grand in Zürich setzt auf medizinische Kompetenz: Seit der Wiedereröffnung im Jahr 2008 bietet es den Gästen Medical Wellness an. Gemäss der Medienverantwortlichen Vanessa Flack «eine wertvolle Ergänzung zum grossen Spa- und Wohlfühlangebot des Hauses».

Den Gästen des Nobelhotels am Zürichberg steht ein Ärzteteam zur Verfügung; die Praxis ist während elf Stunden täglich besetzt. «Medizinische Vorsorgeuntersuchungen sowie ästhetische Eingriffe sind bei uns am häufigsten», sagt Flack. Darunter fallen Faltenunterspritzungen, Gesichtsliftings, ja Schönheitsoperationen aller Art. Der typische Gast, der dies in Anspruch nehme, sei über 40 Jahre alt und komme häufig aus dem russischen oder arabischen Raum.

Fit und lustvoll alt werden

Hotels, die auf Klinik oder Kurhaus machen – und Gäste, die zugleich Patienten sind: Etwa 40 Schweizer Luxushotels setzen bereits auf diese neue Art der Hotellerie, schätzt Jürg Schmid, der Direktor von Schweiz Tourismus. Er sieht in der engen Zusammenarbeit von Hotels und Ärzten einen «globalen Megatrend».

Als Grund für die Nachfrage nennt er den Umstand, dass die Menschen vermehrt bereit seien, für die eigene Gesundheit Geld auszugeben – auch während der Ferien. Das habe mit dem herrschenden Lifestyle zu tun, aber auch damit, dass die Gesellschaft älter werde: «Die Menschen wollen fit und lustvoll alt werden», sagt Schmid. Den älteren Gästen werde durch das medizinische Angebot zudem das Gefühl vermittelt, aufgehoben zu sein, falls ein gesundheitliches Problem auftauchen sollte.

Für die Hotels und Ärzte ist diese neue Entwicklung «ein äusserst spannendes Geschäft», sagt Jürg Schmid weiter. Wobei das eigentlich nichts Neues sei, wie er betont. «Immerhin ist das Schweizer Gastgewerbe mit Medizinal-Tourismus gross geworden. Es gab ihn schon vor 150 Jahren zu Zeiten von Bircher Benner und den Höhenkliniken.»

Entgiftung als Ziel

Ein Mann, der auf die Kombination von Fünfsternhotel und Kuraufenthalt schwört, ist der Zürcher Gastronom Michel Péclard. Zweimal jährlich, im Dezember und Juni, nimmt sich der umtriebige 45-Jährige eine Woche Auszeit, um sich im deutschen Ayurveda-Parkschlösschen nahe Frankfurt «zu erholen, entgiften und geistig zur Ruhe zu kommen». Nach dem Check-in in der Hotellobby sitzt er wenige Minuten später bereits beim ayurvedischen Arzt. Dieser fühlt ihm den Puls, bestimmt seinen Gesundheitszustand und die darauf folgende Reinigungstherapie.

«Die ersten zwei Tage des Aufenthaltes sind jeweils hart und gewöhnungsbedürftig», sagt Péclard. Die Entgiftung nach ayurvedischem Verständnis beinhaltet nebst Massagen, veganer Kost und Bewegung auch tägliche Einläufe sowie das Trinken von mehreren Litern warmem Tee – nicht eben das, was der Lebemann und Gourmet in der Regel unter Genuss versteht. Dennoch ist er von dieser Art Ferien begeistert. Er fühle sich fit, verliere jedes Mal sechs bis acht Kilo, und sein Körper und Geist erholten sich. Für einen Aufenthalt bezahlt Péclard 4500 Franken. Das sei es ihm wert; die Rückenschmerzen seien danach wie weggeblasen.

Sowohl das Ayurveda-Hotel als auch das Dolder Grand gehören in die Kategorie der Medical-Wellness-Hotels. Oder, um einen noch aktuelleren Ausdruck dafür zu verwenden, sogenannter Healing-Hotels. Die Krux dieser neu geschaffenen Begriffe ist allerdings, dass sie weder geschützt sind noch einem Qualitätslabel entsprechen müssen. Jedes Hotel kann mit den Begriffen werben. Es kann mit Ärzten oder anerkannten Therapeuten arbeiten – oder auch nicht. Die Frage ist deshalb, wo Wellness aufhört und Medical Wellness anfängt.

Die Trennlinie zwischen den Angeboten ist unscharf, das weiss auch Jürg Schmid von Schweiz Tourismus. Er hofft deshalb, dass der Branchenverband Hotelleriesuisse schon bald entsprechende Kriterien definiert. Geplant ist, dass es ab 2015 drei für Gäste klar erkennbare Kategorien geben soll: Wellness, Beauty-Medical-Wellness für Schönheitsoperationen – und Medical Wellness mit ärztlichen Behandlungen.

Einige Fachleute kritisieren den aktuellen Trend zu hoteleigenen Ärzten. Sie befürchten, dass die medizinischen Abklärungen und Tests häufig unnötig sind – und deshalb reine Geldmacherei. Gemäss Christine Romann, Mitglied des Vorstandes der Vereinigung der Schweizer Ärzte FMH, ist es für Kunden oft schwierig, bei Behandlungen den medizinischen Nutzen zu erkennen. «Wer Beschwerden hat, sollte den Hausarzt aufsuchen», rät die Ärztin. Dort sei man besser aufgehoben.

Sinnvoll bei chronischen Leiden

Kritik kommt auch vom Vorsitzenden des Deutschen Wellnessverbandes, Lutz Hertel: Die Bezeichnung Medical Wellness werde nicht selten dazu missbraucht, eine besondere Qualität zu suggerieren. Es gebe weit auseinanderliegende Ansichten darüber, was mit dem Begriff überhaupt gemeint sei. Lutz Hertel würde es deshalb begrüssen, dass Medical Wellness den echten und damit nur sehr wenigen Spezialisten vorbehalten bleiben solle.

Trotz der Kritik anerkennt auch Hertel, dass Wellness-Programme mit ärztlicher Begleitung gerade für Menschen mit Risikofaktoren oder chronischen Krankheiten sinnvoll sein können. Dazu gehörten Personen mit stressbedingten Störungen und Leiden, Rückenbeschwerden, Rheuma, Herz-Kreislauf-Beschwerden und die diese begünstigenden Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht, Nikotinsucht. Wobei Hertel darauf hinweist, dass der eigentliche Sinn und Zweck eines Wellness-Programms darauf beruhe, den Lebensstil nachhaltig zu verändern. Auf diese Weise solle der Patient gesünder werden, «nicht nur aufgrund einer ärztlichen Behandlung».

Erstellt: 12.02.2014, 13:15 Uhr

Medical Wellness
Das müssen Sie wissen

– Der Therapeut oder Arzt sollte Ihnen einfache, leicht umsetzbare Tipps geben, wie Sie genussvoll und gesund leben.


– Bei Heilsversprechen sollten Sie stutzig werden. Meist sind dies Hinweise auf unseriöse Praktiken.


– Der Therapeut sollte im Bereich, in dem
er tätig ist, über eine staatlich anerkannte Ausbildung verfügen.


– Verzichten Sie auf Diagnostikverfahren wie Gentests: Die Resultate sorgen kaum für Klarheit, sondern geben bloss Hinweise. Sie können zudem stark verunsichern. (TA)

Quelle: Lutz Hertel,
Deutscher Wellnessverband

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