Wie ein multipler Orgasmus

Klimawandel hin oder her: In diesen Sommer kann man sich verlieben.

So kann man den Sommer geniessen: Zwei Frauen gönnen sich am Luganersee eine Abkühlung.

So kann man den Sommer geniessen: Zwei Frauen gönnen sich am Luganersee eine Abkühlung. Bild: Keystone

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Jetzt hört man sie wieder klagen: Diese Hitze sei mühsam, das Wetter schlecht, nämlich zu heiss. Dumpf der Kopf, die Glieder zu schwer und wann denn endlich gut sei mit diesen mörderischen Temperaturen. In den sozialen Medien meckert man über säuerliche Ausdünstungen der Mitmenschen, die Bauern verlangen Subventionen und Experten warnen vor der Zukunft, die bald nur noch solches Wetter bringe.

Sie tun mir leid.

Alte, die wirklich unter dieser Schweiz-untypischen Sommerlichkeit leiden, oder Bauarbeiter und Bauern, die in der prallen Sonne schuften, haben es wirklich nicht leicht. Allen anderen muss ich aber ganz entschieden widersprechen: Der Sommer 2018 hat noch nichts falsch gemacht, so und nicht anders sollte ein Sommer sein.

Es beginnt mit der Dramaturgie: Anders als der bisherige Jahrhundertsommer 2003, der damals wie ein Hitzeblock aufs Land fiel und sich dann bis im Herbst nicht mehr bewegte, war der Sommer 2018 spielerisch, abwechslungsreich und gut zu uns. Zuerst ein Vorspiel von schönem Wetter, immer um angenehme 25 Grad herum, mit gelegentlichen Regenschauern für Abkühlung und Vegetation. Ende Juni wurde es ein bisschen ernster mit der Hitze, wunderbar abgestimmt auf den Ferienbeginn. Mit sanften Auf- und Abschwüngen arbeitete sich der Sommer schliesslich zu den verschiedenen Hitzerekorden vor und wie ein multipler Orgasmus pendelt er nun um diese Höhepunkte herum und lässt uns in Ekstase erschauern.

Wer braucht schon produktive Arbeit, wenn er eine Affäre mit dem Idealsommer haben kann?

Es ist ein Ausnahmezustand, eine Art kollektiver Hitzerausch, auf den es nur eine Antwort gibt: trinken, schwitzen, geniessen. Natürlich kann man sich ärgern, über die unendliche Varianten der dargebotenen Schweissnoten, über die Klimaanlagen in den Zügen, die bei Temperaturen über 25 Grad zuverlässig den Geist aufgeben und die Waggons in fahrende Niedergar-Backöfen verwandeln. Natürlich kann man klagen, dass die Hitze einem den Kopf vernebelt und an produktive Arbeit so kaum mehr zu denken ist. Aber wer braucht schon produktive Arbeit, wenn er eine Affäre mit dem Idealsommer haben kann? Und die Hitze bietet die perfekte Entschuldigung für alles: Konzentrationsschwierigkeiten, Schlägereien, Seitensprünge – es war der Sommer, die Hitze verlockt, provoziert und verlangt nach mildernden Umständen.

Ist das nun noch Wetter oder schon Klimawandel, könnte man sich fragen. Ich aber frage mich lieber: Welches Kleidchen zieh ich heute an für mein Rendez-vous mit diesem attraktivsten aller Sommer? Denn allzu bald wird er zur Erinnerung verblassen wie ein Urlaubsflirt. Und wir werden uns wieder mit dem trübsinnigen Herbst-Kompagnon herumschlagen müssen. Immerhin wird der Kopf dann klar genug sein zu erkennen: So ein Hitzesommer schont letztlich auch das Klima. Wäre jeder Sommer so, müsste niemand mehr in den Süden fliegen.

Erstellt: 08.08.2018, 10:49 Uhr

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