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Will mein Glacé zurück!

Ein Stück Kindheit verschwindet. Schuld ist Nestlé.

Steht für Sommer, Badibesuche, endlose Rutschbahnfahrten: der Winnetou von Nestlé.
Steht für Sommer, Badibesuche, endlose Rutschbahnfahrten: der Winnetou von Nestlé.

Was wir wissen: Es ist Sommer. Die ganze Welt, also die Schweiz, erhitzte sich gerade noch über die Frage, ob es okay ist, dass Roger Köppel mal wieder Blödsinn verzapfte oder es (weniger) okayer wäre, wenn er dabei Flipflops oder Hotpants im Büro getragen hätte – ich hoffe, ich habe da jetzt nichts durcheinandergebracht. Mich beschäftigt inzwischen etwas ganz anderes, etwas wesentlich Wesentlicheres: Mein Lieblingslutscher ist verschwunden. Einfach so, ohne mir Bescheid zu geben.

Bekannte Hintergründe: Der Lutscher meiner Wahl existiert seit 1980 – und ist ein industriell hergestelltes Glace namens Winnetou. Es verfügt über drei Farb- und Geschmacksstufen, die man trotz jahrzehntelanger Feldtests noch immer nicht einer Frucht zuordnen kann. Sicher ist nur, dass «Winnetou» vor bald vier Jahrzehnten aufgrund des nachhaltigen Erfolgs der gleichnamigen Pierre-Brice-Filme lanciert wurde – und dass der achtzig millilitrige Industriebomber schon immer die gemeine Rakete mit ihren zwei Geschmacksstufen übertraf. Aber selbstverständlich ist «Winnetou» wesentlich mehr als ein Glace, weshalb er jederzeit gegen hipstrige Gelaterien verteidigt werden kann: «Winnetou» steht für die Erinnerungen an die Kindheit, Sommer, Badibesuche, endlose Rutschbahnfahrten, kurz: die ganze Grossartigkeit des Hierseins.

Die lutschbare Grossartigkeit des Hierseins: «Winnetou»
Die lutschbare Grossartigkeit des Hierseins: «Winnetou»

Nun aber, 38 Jahre nach seinem ersten Marktgang, ist «Winnetou» kaum mehr aufzutreiben, wenn man mal wieder nach seinen Kindheitserinnerungen haschen will. Wir haben also allen Grund, in Panik zu geraten, wenn man es als Endziel aller Lebensbemühungen sieht, die Leichtigkeit der Kindheit in die Hosentasche zu stecken und sie bis an sein Lebensende mit sich herumzutragen. Oder sie immer mal wieder lutschenderweise in Erinnerungen zu rufen. Wahrscheinlich hätte da die Freud'sche Psychoanalyse auch noch einiges dazu zu sagen. Nicht zuletzt aufgrund der Penisförmigkeit des «Winnetous».

Aber halten wir uns an die Fakten – und die sprechen gegen unseren Erinnerungskult: «Winnetou» wurde aus seinen natürlichen Habitaten, den Kühltruhen der Kioske, verdrängt. Das bestätigt auf Anfrage der Hersteller Nestlé, der das Wasserglace im sanktgallischen Goldach produziert: «‹Winnetou› hatte über viele Jahre die beste Platzierung auf den Sortimentstafeln. Aufgrund einer detaillierten Analyse und vielfachen Kundenwunschs wurde dieser beste Platz Anfang 2017 an Pirulo Tropical vergeben», schreibt die Pressestelle von Nestlé.

Der Hauptfeind des «Winnetous»: Pirulo Tropical
Der Hauptfeind des «Winnetous»: Pirulo Tropical

Mich hat man nicht gefragt. Und ich bin nun auch nicht sicher, ob der Pirulo Tropical wirklich so viele Konsumenten – gemäss Nestlé – «wegen seines guten Geschmacks, seiner Grösse und der kleinen Wasserspritze begeistert», die diesem Glace als Stängel dient. Solche Gimmicks gab es immer wieder. Aber durchgesetzt haben sie sich nicht. Die Raffinesse des «Winnetous» hingegen besteht in seiner Schlichtheit, in seiner geschmacklichen Brachialität, mit der er in keinem Moment seine Herkunft aus der industriellen Produktion verrät. Pirulo Tropical ist aber nicht der einzige Feind des «Winnetous», wie uns Nestlé mitteilt: «Infolge der hervorragenden Performance des im 2017 lancierten Oreo Sandwich wurde die ‹Winnetou›-Glace in den kleineren Kühlern mit dem Oreo Sandwich ausgetauscht.»

Der zweite Feind des «Winnetous»: Das Oreo Sandwich
Der zweite Feind des «Winnetous»: Das Oreo Sandwich

Immerhin versucht der Hersteller unseren Verlustängsten entgegenzutreten: Der edle «Winnetou» gehöre noch immer zu den «Top-Leadern, an denen wir festhalten», schreibt Nestlé; die Aktionäre wird das wohl vorübergehend beruhigen. Aber nicht uns! Denn auch die Valora, die mit ihren Kiosk-Eistruhen seit jeher die Reservate des «Winnetous» verwaltet, muss beschwichtigen: In einer der letzten Wochen hätten sie zu «Winnetou» «eine Aktion» in ihrer App gehabt. Auch das hilft nicht weiter. Denn wenn ich meine Kindheitserinnerungen mit einem Glace wecken will, bin ich ganz im Real Life verhaftet. Und da müssen die Pressestellen unsere knallharten Recherchen bestätigen: «Winnetou» ist nur noch in grösseren Verkaufsstellen erhältlich. Im Zürcher Hauptbahnhof etwa ist die Glace nur noch in drei Kiosken erhältlich, nämlich im Shopville, der Passage Bahnhofstrasse sowie dem Bahnhof der Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn.

Allfällige Konsequenzen für die Schweiz: Es ist völlig unklar, was geschieht, wenn man einer ganzen Generation die Erinnerung an ihre Kindheit erschwert. Traumata und Phantomschmerzen in der Mundgegend, Sehnsucht nach Badibesuchen und Rutschbahnfahrten sind zu erwarten.

Beurteilung der Sicherheitslage: Kritisch. Nestlé hätte diesen Artikel vor der Publikation gerne gegengelesen. Wenn es möglich ist. Aber wir wollten das nicht, denn unsere Forderung ist klar: Bringt uns unsere süsse Kindheitserinnerung wieder zurück ins Hauptsortiment, wir sind sauer!

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