Wir jammern, ohne zu leiden – er leidet, ohne zu jammern

Rüdiger Nehberg (83) überquerte den Atlantik in einem Pedalo und lebte mit nichts ausser einer Turnhose im Amazonas. Zu Besuch beim Survivalpapst.

Allein im Dschungel, fast nackt, zerstochen und zerbissen: Rüdiger Nehberg geniesst Situationen, die für andere Menschen der schlimmste Albtraum wären. Foto: Nehberg/Target

Allein im Dschungel, fast nackt, zerstochen und zerbissen: Rüdiger Nehberg geniesst Situationen, die für andere Menschen der schlimmste Albtraum wären. Foto: Nehberg/Target

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Der Mann hat etwas sehr Wagemutiges vor, man könnte auch sagen, etwas Verrücktes, und ausgerechnet ein 83-jähriger, recht kleiner Herr mit ein paar grauen Stoppeln auf dem eckigen Schädel ist der Einzige, der ihm weiterhelfen kann. Es ist acht Uhr morgens in Eisenach, und Rüdiger Nehberg hat eine Verabredung: Im Frühstücksraum des Hotels Glockenhof sitzt der Krankenpfleger Marcus Jaworek aus Erfurt, begleitet von seiner Frau, mit der er vier Kinder grosszieht.

Es geht im Gespräch um ein selten auftretendes Problem: «Worauf muss ich achten, wenn ich allein um die Antarktis mit einem Pedalo fahren will?» Nehberg beantwortet diese Frage wie alle anderen Fragen mit grosser Gelassenheit und der Routine eines Steuerberaters, der gerade zur Pendlerpauschale befragt worden ist. Er schaut kurz zu Sandra Täschner und sagt beschwichtigend: «Ich sehe, dass Ihre Frau einverstanden ist. Das ist das Wichtigste!»

Manchmal sitzt er entspannt inmitten vieler Erinnerungsstücke, aber meistens ist er immer noch auf Achse: Rüdiger Nehberg wohnt in einer alten Mühle bei Hamburg. Foto: Maria Feck

Rüdiger Nehberg ist noch immer im Einsatz. Der Survivalpapst, der Mann, der Bücher veröffentlicht hat, die «Überleben ums Verrecken» heissen. Ein Hamburger Konditor, der alle Leckereien der Welt selbst zubereiten und vernaschen konnte, aber lieber 1000 Kilometer von Nord nach Süd durch Deutschland zurückgelegt hat, ohne dabei einen Bissen zu sich zu nehmen. Ein Mann, der freiwillig und aus Neugier auch mal lebende Würmer und Käfer gegessen hat, bevor das «Dschungelcamp» als Folterspass-Location für finanziell angeschlagene Stars erfunden wurde. Einer, der sich im Schlamm eines afrikanischen Wasserlochs vollständig eingrub, um ein durstiges Wildschwein mit blossen Händen zu fangen. Und der allein in einem Pedalo den Atlantik überquert hat. Von Senegal nach Brasilien, wie Marcus Jaworek, der fast halb so alt ist wie sein Idol, bewundernd anmerkt.

Ein faszinierender Lebenslauf

Das war der Rüdiger Nehberg der Siebziger- und Achtzigerjahre. Abenteurer, Überlebensspezialist und Würmerfresser der Nation. Er wollte damals Abenteuer erleben und wissen, ob Zivilisationsmenschen noch immer auf die Instinkte zurückgreifen können, die sie ohne Technik in der Natur überleben lassen. Einer seiner grössten Träume wäre für viele ihr schlimmster Albtraum: Allein, nur mit einer Turnhose mitten im brasilianischen Dschungel ausgesetzt, barfuss, ohne Essen. Diese vier Wochen hat er, fast nackt, zerstochen, zerbissen, zutiefst genossen, wie er erzählt.

Nehberg kann auf zehn, vielleicht auch zwanzig Arten Feuer ohne Streichhölzer machen.

Ein anderes Mal grillierte er die von einer Pythonschlange ausgewürgte «fangfrische Antilope», wie er geradezu genüsslich erzählt, zum Abendbrot. So ein seltsamer Outdoor-Masochist ist er immer noch, zumindest hält sich dieses Bild. Am Abend auf der Bühne in einem ausverkauften Saal im deutschen Städtchen Eisenach vor 500 Menschen. Das Programm heisst ein wenig betulich «Rüdiger Nehbergs Lagerfeuergeschichten». Aber der Titel hat das Publikum nicht davon abgehalten, zur fünften Veranstaltung Nehbergs in der Reihe «Geonatur Eisenach» zu erscheinen. Im Saal sitzen auch einige Naturburschen, etwa ein Hobbyschmied, der sein kräftiges langes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden hat und später erzählt, dass seine Frau und er mal bei einer Diashow von Reinhold Messner waren, aber in der Pause gegangen sind, weil ihnen das alles zu routiniert und zu glatt war.

Bei Nehberg geht keiner. Sind es tatsächlich nur die Abenteuergeschichten eines alten Mannes, die von wilder Natur und Freiheit träumende Menschen wie Marcus Jaworek einfangen? Es herrscht jedenfalls andächtige Stille im Saal, wenn Nehberg erzählt, wie es sich im Dschungel bei den Stämmen der Ureinwohner angefühlt hat: «Kein Müll. Kein Fahrzeug. Keine Hektik. Kein Luxus.» Respekt vor der Natur und dem Menschen sind seine Themen, während er allein auf der Bühne stehend mit seinen grossen Händen zu grossen Gesten ausholt. Nehberg kann auf zehn, vielleicht auch zwanzig Arten Feuer ohne Streichhölzer machen, vor allem aber kann er anschaulich erzählen. Das Publikum bewundert ihn als einen, der erst mal seine Träume ausleben und seine Grenzen immer wieder aufs Neue austesten wollte.

Er hat gelernt, dass Berühmtheit nicht nur Selbstzweck, sondern eine nützliche Sache sein kann.

In seinem Leben gab es viele faszinierende Wendungen. 1935 in Bielefeld geboren, Bäckerlehre. 1965 macht er sich in Hamburg als Konditor selbständig, die Survival-Bewegung in den USA fasziniert ihn, das will er auch erleben. Fünf Jahre später fährt er zum ersten Mal mit Gefährten den Blauen Nil in Äthiopien und im Sudan hinab, 1977 durchquert er die afrikanische Danakil-Wüste zu Fuss, die Presse ist da längst auf ihn aufmerksam geworden. Er schreibt Bücher, vom Verkauf und von Diavorträgen kann er nun gut leben. Anfang der 90er-Jahre verkauft er die beiden Konditoreien mit mehr als 50 Angestellten.

Nehbergs Geschichte ist die eines Mannes, der mit zunehmendem Alter gelernt hat, dass Berühmtheit nicht nur Selbstzweck, sondern eine nützliche Sache sein kann. Sie taugt als harte Währung auf dem umkämpften Markt der Gefühle – wenn es um die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft von Millionen Menschen geht. Weil er verstanden hat, dass die Aufmerksamkeit, die er mit seinen tolldreisten Aktionen erregen konnte, auch auf andere, weniger Glückliche übertragen werden kann.

Nehberg fuhr jetzt nicht mehr einfach allein im Pedalo über den Atlantik. Er nutzte seinen Einfluss, um sich für ein vom Untergang bedrohtes, machtloses und vollkommen vergessenes Indianervolk mitten im brasilianischen Dschungel einzusetzen. Seit seinem ersten Besuch 1982 berichtete er über die Not der Yanomami-Indianer, deren Siedlungsgebiet von Goldadern durchzogen war und die von der brutalen Goldsuchermafia verfolgt wurden. Er hatte jetzt eine Mission, die nicht nur «Der tolle Rüdiger» hiess. Vielmehr war er zu einer Art Anwalt der Yanomami-Indianer geworden. Plötzlich mussten sich brasilianische Politiker fragen lassen, warum sie nichts gegen diese Verbrechen im Urwald ihres Landes unternommen hatten.

Die Rettung der Yanomami-Indianer

Vielleicht hat das alles mehr mit Karl May zu tun, als man zunächst glauben mag. Karl May, den er seit seiner Kindheit bewundert, hat einst aus der Sehnsucht nach fernen, unbekannten Ländern Kapital geschlagen. Nehbergs Träume könnten ebenfalls aus einem klassischen Abenteuerroman stammen, er verfolgt sie mit grosser Konsequenz und Durchhaltevermögen. Das Haus, in dem er lebt, ist der beste Beweis dafür. Die Strassen, die in das Dorf Rausdorf bei Hamburg führen, sind so schmal, dass die wenigen Fussgänger sich erschrocken umschauen, wenn ein Auto hinter ihnen auftaucht. Nehberg empfängt seinen Besucher in einer alten Mühle, die auf einem fünf Hektar grossen Grundstück mit gleich drei Teichen liegt, davon einer mit den Ausmassen eines Sees.

«Wir wären jetzt tot, wenn wir keine Waffe gehabt hätten.»Rüdiger Nehberg, Abenteurer

Hier war er früher joggen, wenn er die Einsamkeit suchte. Die Mühle war verfallen, er hat gewartet, bis er auch das grosse Grundstück dazu erwerben konnte. Dann hatte er die wunderschönen Räume mit den knorrigen alten Balken hergerichtet. Ein bisschen sieht er selbst aus, als wäre er aus einem dieser Stämme geschnitzt. An einer Wand hängen die Messer und Schwerter, die er auf seinen Reisen geschenkt bekommen hat, Buschmesser, Jagdmesser. Nehberg erzählt wieder Geschichten, so lebhaft wie auf der Bühne, wie immer in einem einfarbigen, etwas zu grossen Hemd, als ob sich die Muskeln ausdehnen könnten, wenn es noch mal hart auf hart kommt. Wie damals, als einer seiner Reisegefährten auf dem Blauen Nil von Räubern, die plötzlich am Zelt standen, erschossen wurde. «Wir wären jetzt tot, wenn wir keine Waffe gehabt hätten. Da gefriert Ihnen das Blut in den Adern.»

Doch dann wechselt er im Gespräch wieder zurück in die Gegenwart: Er erzählt von den Menschenrechtsaktivisten und seiner humanitären Hilfsorganisation Target, die er im Jahr 2000 gegründet hat. «Wir haben gemerkt, dass wir internationale Aufmerksamkeit bekommen haben.»

Auf der Bühne, vor grossem Publikum, gibt sich Nehberg durchaus redselig, er reiht mit trockenem Witz Episode an Episode und lässt die ein oder andere Gemeinheit in Richtung Couch-Potatoes los: «Ich habe auf meinen Reisen gelernt zu leiden, ohne zu jammern. Die Europäer lernen gerade zu jammern, ohne zu leiden.» Im privaten Gespräch ist er kein Freund grosser Worte, da reagiert er manchmal regelrecht einsilbig. «Wir», sagt er plötzlich. Damit meint er sich und seine Frau Annette Nehberg-Weber, die er Ende der Neunzigerjahre nach einem seiner Vorträge kennengelernt hat. Sie teilt mit ihm die Sehnsucht nach der Ferne und den fernen Völkern. Und auch bei ihr ging die grosse Reise mit der Lektüre des Couch-Potatoes Karl May los, jenes wundersamen Autors aus Dresden, der erst spät aus Sachsen herauskam.

«Überlebensgürtel» und Waffen: Einige von Rüdiger Nehbergs wichtigsten Werkzeugen. Foto: Maria Feck

Nehberg suchte damals nach der Rettung des Yanomami-Volkes eine neue Aufgabe. Die ausgebildete Krankenschwester Annette Nehberg-Weber lenkte seine Aufmerksamkeit auf die grausame Praxis der Genitalverstümmelung bei vielen afrikanischen Völkern. Die Afar kannte Nehberg aus seiner Wanderung durch die Danakil-Wüste. Nun machte er sich zunutze, was er auf seinen vielen Reisen gelernt und was ihm schon bei der Rettung der Yanomami-Indianer geholfen hatte: die Macht der Bilder einzusetzen, um Menschen zu beeindrucken. In diesem Fall die Stammeshäuptlinge, die, wie er erzählt, nicht wussten, was für ein schmerzhafter und grausamer Vorgang das Wegschneiden der äusseren und inneren Schamlippen sowie der Klitoris ist, und dass dieser brutale Eingriff oft lebenslange Schmerzen und Traumata nach sich zieht.

«Nächstenliebe, soziale Verantwortung, Menschenrechte – das sind die Werte, für die es sich zu kämpfen lohnt»: Ein TED-Talk von Rüdiger Nehberg über weibliche Genitalverstümmelung. Video: Youtube

Nehberg und seine Frau haben viel erreicht. Weil sie auf etwas gesetzt haben, das Nehberg als wichtigste Erkenntnis aus seinen vielen Reisen in die Wildnis und zu isoliert lebenden Völkern mitgebracht hat: «Wenn man Konflikte lösen will, kann das nur über den Dialog gelingen», sagt er. Und seine Frau Annette ergänzt: Die Genitalverstümmelung werde meistens mit dem Islam begründet. «Dabei steht davon nichts im Koran.» Als Nehberg daraufhin erklärte, man müsse mit den Imamen reden, musste seine Lebensgefährtin schlucken.

Nehberg war hartnäckig, wie so oft. Am Ende schafften sie es sogar, 2006 eine Konferenz mit geistlichen Würdenträgern in Kairo zu organisieren. Das Ergebnis war eine Fatwa, ein theologisches Rechtsgutachten, in der die Genitalverstümmelung zu einem Verbrechen erklärt wurde, das gegen die höchsten Werte des Islam verstossen würde. «Es wäre die Erfüllung meines Lebens, wenn wir erreichen könnten, dass diese Praxis nirgendwo auf der Welt mehr angewendet würde», sagt Nehberg. Er kann fast etwas pathetisch werden, wenn es um seine Herzensangelegenheit geht. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg, sind es noch viele Reisen. Derzeit plant die Organisation Target eine gynäkologische Klinik bei den Afar – wie lange es wohl dauert, bis sie fertig ist? Solche Fragen treiben ihn um.

Zurück zu Menschen, die auch noch an den Pedalohelden denken, wenn sie den Namen Nehberg hören. Im Eisenacher Glockenhof hat Marcus Jaworek alle Fragen gestellt: Wie viel Proviant? Wie viel Wasser? Was tun, wenn die Rotoren vereisen? Auch seinen Zeitplan hat er beschrieben. Einschliesslich der verschiedenen Probereisen, die er erst unternehmen will, um bereit für die Antarktis zu sein. Nehberg hat sich das alles geduldig angehört. Und sagt dann: «Warten Sie nicht zu lange. Wer immer probt, fährt nie los.»

Erstellt: 02.02.2019, 20:37 Uhr

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