Hintergrund

Die Rückkehr der Mietskaserne

Städter mögen Altbauwohnungen in Blockrand-Quartieren. Doch seit 100 Jahren baut sie keiner mehr: Die Geschichte einer verpönten Stadtform und warum ihr in Zürich eine Renaissance bevorsteht.

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Zürich ist eine Avocado-Stadt: Grüne Masse umgibt einen steinernen Kern. Im Zentrum schmiegen sich Häuser eng aneinander, in den Randquartieren halten sie Wiesen auf Distanz.

Daran hat das Wachstum der letzten 15 Jahre nichts geändert, wie ein Spaziergang durch die Neubaugebiete in Zürich-Nord vorführt. Die frischen Quartiere wirken leicht leblos, fast ländlich wegen der Rasenflächen, die alle Häuser einfassen. Stadtgefühl wie im Zentrum kommt hier kaum auf.

Dass Zürichs Einwohnerzahl wächst, bedeutet also nicht, dass es als Stadt grösser wird.Um eine Erklärung für den Gegensatz zwischen Stadtrand und Zentrum zu finden, muss man zurückreisen ins Berlin des frühen 20. Jahrhunderts. Dort zerstörten moderne Architekten die Vorstellung davon, was bisher als gute Stadt gegolten hatte. Ihre Verdammung traf so wuchtig, dass sie den europäischen Städtebau für die nächsten 100 Jahre prägen sollte.

Bis ungefähr 1910 Jahren herrschte bei Stadterweiterungen in Europa ein Konsens: Man baute Blockränder – um einen halb privaten Innenhof geordnete, vier- bis sechsstöckige Häuser, die gegen aussen direkt an die Strasse grenzen und so klare Räume schaffen. In Zürich dominieren Blockränder die Kreise 3 bis 5, deren jetzige Form sich Ende des 19. Jahrhunderts ausbildete.

Im rasant wachsenden Gründerzeit-Berlin quetschten Spekulanten den letzten nutzbaren Millimeter Raum aus dieser Bauweise. Die Innenhöfe wurden mit Schuppen und Remisen zugepflastert. Zu viele Menschen, meist arme Arbeiter, besetzten die Wohnungen. Elend und Krankheiten verbreiteten sich im «steinernen Moloch». Die Lebensumstände waren so prekär, dass Architekten davon träumten, «die abscheuliche Gründerarchitektur glatt zu rasieren».

Den Blockrand lehnten die Reformer als ungerecht und undemokratisch ab. Die Ecksituationen erzwingen unterschiedliche Grundrisse, die unteren Wohnungen bekommen weniger Sonne ab als höher gelegene. Die neue Losung lautete: mehr Licht, mehr Luft, mehr Grün, mehr Gleichheit!Um sie umzusetzen, entwarfen die Reformer Zeilenbauten mit identischen Grundrissen. Die Blöcke standen freigestellt auf Wiesen, alle Wohnungen waren gleich gross und fast gleich hell.

Die Berliner Erneuerer waren nicht die Einzigen, die den Blockrand erledigten. Auch die englische Gartenstadtbewegung, Vorbild für Schwamendingen, propagierte das Leben in kleineren, umgrünten Häusern.

Diese Anschauungen gewannen enormen Einfluss. Auch in Zürich. Seit den 20er-Jahren sind hier kaum Blockrandsiedlungen entstanden. Stadterweiterungen, selbst die jüngste in Affoltern, setzten auf allein stehende Gebäude, gerahmt von Gärten und Wiesen.

Der Zeitgeist stützte diese Wohnform: Das Städtische galt wenig in der Nachkriegsschweiz. Wer genug Geld hatte, zog hinaus in die Dörfer. Um die Landflucht zu stoppen, gestaltete man die Stadt grüner. Solche Quartiere boten eine Gegenwelt zu den russigen Industriehallen von Oerlikon und Zürich-West, wo damals vieler Zürcher arbeiteten.

Kämpfer für den Blockrand

Unter vielen Architekten stösst der Blockrand bis heute auf Ablehnung. Man verurteilt ihn als konservativ bis reaktionär. Einer, der seit Jahren die teilweise Rückkehr zum Städtebau des 19. Jahrhunderts fordert, ist Vittorio Magnago Lampugnani, ein zurückhaltender Römer, der perfektes Bühnendeutsch spricht und an der ETH Städtebau lehrt.

Die Moderne habe dabei versagt, städtische Räume zu schaffen, sagt Lampugnani. Das zeige sich auch in Zürichs Neubaugebieten: «Man hat eine Siedlung an die andere gereiht. Diese architektonischen Einheiten stehen für sich allein, gehen keine Verbindung miteinander ein. So entsteht keine Stadt.» Als Beispiel könnte auch Lampugnanis ETH-Institut dienen: Es liegt in einem 60er-Bau, zwischen Feldern auf dem Hönggerberg, abgekoppelt von der Stadt. Das Städtische gründet laut Lampugnani auf drei Stützen: 1. Wohnungen, Büros, Kleingewerbe, Läden und Restaurants müssen sich mischen. 2. Es braucht eine ausreichende Dichte an Häusern und Menschen. 3. Strassen, Plätze und Pärke müssen sorgfältig als öffentliche Räume gestaltet werden. «Die meisten Blockrand-Quartiere erfüllen diese Bedingungen. Sie sind heute, wie vor 150 Jahren, Bausteine einer lebendigen Stadt.»

Ein weiterer Vorteil der Gründerzeithäuser liege darin, dass sie grosszügige, hohe Räume bieten. Ausser Bad und Küche sind die Zimmer nicht definiert. «In modernen Wohnungen geben die Grundrisse oft vor, wo man was tun muss.»

Architektur als Sündenbock

Die Abneigung gegen den Blockrand hält Vittorio Magnago Lampugnani für überholt. «Im Gründerzeit-Berlin waren Armut und Spekulation für die Probleme verantwortlich. Doch man hat sie der Architektur angelastet.» Das zeige sich heute: Die einst als «Mietskasernen-Wüsten» verschrienen Viertel haben sich längst zu beliebten Wohnlagen entwickelt. Auch Zehntausende Zürcher würden ihren Altbau niemals gegen eine umgrünte Randwohnung eintauschen.

Das Schattenproblem in tieferen und Eckwohnungen lasse sich durch innovative Grundrisse sowie grössere, begrünte Innenhöfe lösen, sagt Lampugnani. «Und niemand braucht den ganzen Tag direkte Sonne. Eine angemessene Anzahl Stunden reicht.»

Wie zeitgemässe Blockränder funktionieren, macht Lampugnani gleich selber vor: Für das Richtiquartier in Wallisellen, ein Industrie-Areal zwischen Glattczentrum und Einfamilienhäusern, hat er einen Gestaltungsplan mit sechs Blockrändern entworfen. Im Sommer sind erste Mieter eingezogen. «Die Wohnungen sind sehr beliebt, wurden sofort verkauft oder vermietet. Das hat selbst unseren Bauherrn erstaunt.»

Mit dem «Richti» habe er zeigen wollen, dass man auch in Neubaugebieten städtische Räume schaffen könne, sagt Lampugnani. «Es wäre schön, wenn sich der Blockrand oder ähnliche Bauweisen in der Agglomeration durchsetzten.» Dass dies bis heute selten geschieht, habe neben der historischen Ablehnung weitere Gründe, sagt Lampugnani:

Die Angst der Stadtplaner. «Es fehlen mutige Stadt-Architekten, die sich getrauen, zu einer eindeutigen Stadt- und Lebensform zu stehen. Wenn wir Städte erweitern, brauchen wir eine Vorstellung davon, in welchen Räumen Menschen leben sollen», sagt Lampugnani. Gute Stadtplanung nehme auch den Investoren nichts weg. Im Gegenteil. Dichte sorgt für Gewinn; Liegenschaften, die an Pärke grenzen, bekommen dadurch mehr Wert.

Die «Individualitätssucht» der Architekten. «Architekten lernen, schöne Objekte herzustellen, je aufregender und auffälliger, desto besser.» Doch mit schönen Objekten allein schaffe man keine Stadträume. Diese lebten von der Kontinuität, vom Willen, sich anzupassen. «Einheitlichkeit ist es, was Städte schön macht», sagt Lampugnani. Ein paar Ausnahmen halte eine Stadt aus, sie bereicherten sie sogar.

Doch dürften Städte nicht nur aus Ausnahmen bestehen. Die Dominanz des Verkehrs. Lange habe sich die Stadtplanung dem Gebot unterworfen, die Autos fliessen zu lassen. So entstanden breite Schneisen, wie sie sich etwa durch Neu-Oerlikon ziehen. «Auf solchen Strassen fühlt sich niemand wohl, ausser den Autofahrern.» Dabei, so Lampugnani, liege der Vorteil von dichten Städten gerade darin, dass sie das Auto weitgehend überflüssig machten. «Fast alles, was man im Alltag braucht, findet man in unmittelbarer Nähe.» Lampugnani selber pedalt seit 20 Jahren auf dem Velo durch seinen Wohnort Mailand.

Zurück ins 19. Jahrhundert

Das Rückbesinnen auf die Gründerzeit habe nichts mit Nostalgie zu tun, sagt Lampugnani, der auch schon als «konservativer Revolutionär» bezeichnet wurde. Dichte Städte sind Meister des Weniger. Sie brauchen weniger Boden, weniger Energie, weniger Infrastruktur, weniger Strassenflächen als Streusiedlungen. «Die Zeiten, als wir wähnten, endlos Ressourcen verschleudern zu können, sind vorbei. Daher bieten Städte das vernünftigste Lebensmodell.»

Ökonomen, immer mehr Architekten und Raumplaner teilen heute Lampugnanis Stadtbegeisterung. Ein Vorteil, den alle anführen, ist die Verzahnung von Wohnen, Arbeiten, Ausgehen, Forschen. Die Qualitäten, welche die Blockrand-Stadt des 19. Jahrhunderts lieferte, sind im 21. Jahrhundert wieder gefragt.

Auch die Zürcher Stadtplanung tastet sich zum Blockrand zurück. «Blockränder machen dichte, urbane Quartiere», sagt Patrick Gmür. Der Architekt mit kariertem Hemd und eingezürchertem Luzerner Dialekt ist Direktor des Amts für Städtebau. Sein hohes Büro liegt am Rand der Altstadt, in einem 100 Jahre alten Amtshaus. Umgeben von Zürich-Plänen erläutert Gmür die Schwierigkeiten der Stadtplanung im 21. Jahrhundert.

Unzählige Parteien gelte es zu überzeugen: Quartierbewohner, Eigentümer, Bauherren, Politiker, den Kanton. Es braucht Richtpläne, eine Bau- und Zonenordnung (BZO), Leitbilder, Gestaltungspläne. «Einheitliche Quartiere zu bauen wie jenes um den Idaplatz war vor 130 Jahren einfacher als heute. Das Land lag brach damals, die Eigentumsverhältnisse waren weniger zerstückelt», sagt Gmür. In Zürich sei es ausserdem schwierig, sich auf ein gemeinsames Bild der Stadt zu einigen.

Trotzdem plant der Stadtbaumeister Grosses. In einer bisher unveröffentlichten Studie prüft sein Amt, die Fläche zwischen Letzipark und Bahnhof Altstetten mit weiten Blockrändern neu zu überbauen. «Dadurch könnte Zürich mehrere Zehntausend Menschen zusätzlich aufnehmen», sagt Gmür.

Solches Radikalwachstum schafft Herausforderungen. Die neuen Bewohner brauchen Schulhäuser, Pärke, ÖV-Verbindungen. Um Platz für öffentliche Nutzungen zu sichern, hat der Stadtrat in der neuen BZO auf Aufzonungen über ganze Stadtgebiete verzichtet. «Grossflächige Verdichtungen bleiben möglich. Doch wir müssen sie gemeinsam mit den Besitzern und dem Quartier angehen. Nur so können wir die Lebensqualität erhalten oder sogar stärken.»

Den ersten Schritt hat Patrick Gmür gemacht. An einer Veranstaltung stellte er die Blockrand-Studie interessierten Altstettern vor. «Alteingesessene sagten, dass man ihnen ihr Quartier nicht wegnehmen solle. Andere lobten die Idee.» Bis ein solcher Stadtteil entstehe, sei noch ein weiter und langwieriger Weg zu gehen, sagt Gmür.

Ansonsten sieht die neue BZO, die der Stadtrat im Oktober präsentiert hat, kaum Änderungen am Stadtbild vor. Die Hang-Quartiere bleiben grün. Wiesen, auf denen Siedlungen entstehen könnten, werden nicht eingezont. Die bestehenden Freiflächen sind fast alle in den letzten 20 Jahren verbaut worden – meist ohne Blockrand.Zürich bleibt eine Avocado-Stadt. Doch der Stein, der könnte breiter werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2013, 17:53 Uhr

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