Die Maschine ersetzt den Handwerker

Ein Haus aus dem Drucker

Dreidimensional gedruckte Gebäude sollen die Architektur revolutionieren. Noch steckt die Technik in den Kinderschuhen.

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Wie Senf quillt die Masse aus der Düse, bis aus den Würsten eine Wand wird. «Crazy Magic Stone» nennt der chinesische Unternehmer Ma Yihe das Gemisch, mit dem er in einer Werkhalle halbe Gebäude ausdruckt. In zwei Tagen hat die Maschine die Wände für eine Villa bei Shanghai ausgespuckt. Technisch sei es kein Problem, auch einen Wolkenkratzer auszudrucken, sagt Ma Yihe. In der Wüste soll es noch billiger gehen, da er direkt vor Ort stammenden Sand verwendet. Der Vertrag für 20 0000 Häuser in Ägypten ist unterschrieben. Im Mai kann man Mas Wurst-Häuser an der Expo in Mailand begutachten.

Die 3-D-Technik soll den grossen Massstab digitalisieren – die Architektur. Das Versprechen ist klar: So effizient bauen wie die Automobilindustrie. Der Drucker arbeitet präziser und günstiger als Menschen und soll Ressourcen schonen. Er druckt nur das, was wirklich nötig ist, und wird mit Abfällen oder Material vor Ort befüllt. Der Architekt Norman Foster etwa will auf dem Mond Gebäude aufschichten, ohne Ziegel durch den Weltraum fliegen zu müssen.

Grenzen explodieren

Gleichzeitig explodieren die Grenzen der Form. Kein Grund mehr, eine Wand gerade zu bauen, ein verspieltes Ornament kostet nicht mehr. Was das heisst, zeigte die Installation «Digital Grotesque», welche Michael Hansmeyer und Benjamin Dillenburger an der ETH aus künstlichem Sandstein gedruckt haben. Ein Wandelement aus 260 Millionen Facetten, die Algorithmen errechnet haben. Das Resultat: eine bizarre Mischung aus HR Giger und Gotik.

Manche sprechen bereits von einer neuen Ära der Architektur. Doch bisher werfen die Drucker vor allem Fragen auf. Einerseits konstruktiv: Wie dauerhaft sind die gedruckten Wände? Wie repariert man ein Haus, das aus einem Guss geformt wurde? Zweitens architektonisch: Führt die Freiheit der Form nicht zu sinnloser Beliebigkeit? Und drittens ökonomisch sowie ökologisch: Was bedeutet die Automatisierung für die Bauindustrie? Die Gefahr ist gross, dass wir mit den Printern, statt Ressourcen zu schonen, noch mehr auf die Tube drücken. Im Büro hat die Digitalisierung den Papierverbrauch nicht reduziert, sondern erhöht. Dabei droht die Baukunst eine ihrer elementarsten Kräfte zu verlieren: die physische Qualität. Ein Haus besteht nicht mehr länger aus Holz, Stein oder Metall, sondern aus ­einer eigenschaftslosen Paste. Die Architektur wird entmaterialisiert.

In Amsterdam versuchen DUS Architects Antworten zu finden. «Kamer­maker» nennt das Büro seinen Roboter, der aus Bioplastik ein Kanalhaus aufträgt, über dessen Fassade sich grosse und kleine Waben ziehen. Das drei Jahre dauernde Forschungsprojekt untersucht Fragen zu Stabilität, Isolation oder Brandschutz. Dabei werden neue Materialien wie Bambusfasern oder Kartoffelstärke getestet. Das Vorhaben soll zudem die Planung verändern, lautet die Idee. Künftige Bewohner laden das Haus aus dem Internet herunter und klicken auf Drucken. Die Maschine ersetzt nicht nur den Handwerker, sondern auch den ­Architekten. Jedenfalls zum Teil. (Andres Herzog)

Erstellt: 28.04.2015, 17:47 Uhr

Hohe Bilder

Matthias Kohler


Matthias Kohler führt mit Fabio Gramazio ein Architekturbüro in Zürich. Gemeinsam leiten die beiden die Professur für Architektur und Digitale Fabrikation an der ETH Zürich.

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