Steinwüsten in Schweizer Gärten – Experten schlagen Alarm

Weil sie als pflegeleicht gelten, verdrängen Schottergärten Grünflächen. Landschaftsschützer warnen nun vor den ökologischen Folgen.

Vermeintlich pflegeleicht, aber schlecht für den Boden, die Pflanzen und die Tiere: Der Schottergarten. Foto: Manfred Ruckszio (Zoonar)

Vermeintlich pflegeleicht, aber schlecht für den Boden, die Pflanzen und die Tiere: Der Schottergarten. Foto: Manfred Ruckszio (Zoonar)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Vor 20 Jahren wurde mit dem Finger auf Bauern gezeigt, die Monokulturen betrieben. Jetzt müsste man ebenso mit dem Finger auf solche Privatgärten zeigen, da die Leute mit Steinwüsten die ökologischen Kreisläufe bewusst zerstören.» Die Aussage stammt von einem Gartenbauer aus dem Kanton Aargau – und «solche Privatgärten» meint einen Trend der letzten Jahre: Die sogenannten Schottergärten, wo kantige Steine das ursprüngliche Grün bedecken, beginnen Raumplanern, Gärtnern und Umweltschützern ernstlich Sorgen zu bereiten.

Das Gartenbaumagazin «G-Plus», aus dem das obige Zitat stammt, widmete dem Thema vor wenigen Wochen einen Schwerpunkt. Und die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz untersucht in einer neuen Studie nun erstmals, wie Politik und Fachwelt das Phänomen wirksam bekämpfen können.

In Vorgärten und entlang von Strassen

Dass ein solcher Kampf nottut, steht für die Landschaftsschützer ausser Zweifel. Die noch unveröffentlichte Studie, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet bereits vorliegt, zitiert mehrere Experten, die eine starke Ausbreitung von Schottergärten in den letzten Jahren konstatieren – auch wenn präzise Statistiken fehlen und manche Befragte inzwischen eine Stagnation vermuten.

Video – Imposantes Beispiel eines Steingartens:

Video: ProbstGartenbau.

Offenbar sind die «Steinöden» vor allem in der Deutschschweiz als vermeintlich kostengünstige und pflegeleichte Alternative zu Blumen, Gras und Kräutern populär; die Westschweiz scheint von dem Trend nach Beobachtung der Experten weniger erfasst. Ihnen zufolge sind insbesondere private Vorgärten und Böschungen von Ein- und Mehrfamilienhäusern betroffen – speziell ausgeprägt in den Agglomerationen und auf dem Land. Doch auch der Staat wählt für seinen Grund und Boden immer wieder die «Verschotterung», entlang von Strassen zum Beispiel oder auf Verkehrsinseln.

Grundbesitzer werden um ihre erhofften Vorteile betrogen.

Das Resultat: Böden werden versiegelt, sie verarmen, Tiere und Pflanzen verlieren ihren Lebensraum, es wird mehr Hitze generiert, die Siedlungslandschaft wird «ästhetisch wertlos», wie es in der Studie heisst. Letztlich verlören damit auch die Menschen an Lebensqualität. Und die Grundbesitzer könnten sich obendrein um ihre erhofften Vorteile betrogen sehen: Auch Schottergärten müssen mit einigem Aufwand gehegt und gewartet werden, ansonsten macht sich im Untergrund schnell das Unkraut breit.

Umfrage

Wie finden Sie Schottergärten?





Die Experten raten nun, auf allen Ebenen Gegensteuer zu geben – nicht zuletzt auf der politischen. In der Pflicht sehen sie in erster Linie die Gemeinden. Diese hätten es in der Hand, ihre Bau- und Nutzungsordnungen anzupassen. Mit einer höheren Grünflächenziffer zum Beispiel könnten Bauherren gezwungen werden, auf ihren Grundstücken mehr natürlichen und bepflanzten Boden zu belassen. Weitere mögliche Massnahmen, die sich gemäss der Studie anbieten: die Versiegelung der Böden gesetzlich erschweren oder mit einer Gebühr belasten, Schottergärten mit Vorschriften zur Aussenraumqualität verunmöglichen – oder auch steuerliche Vorteile für Grundstückbesitzer, die ihre Gartenfläche naturnah gestalten.

Gemeinden schauen gerne weg

Die Landschaftsschützer geben freilich zu bedenken, dass die Verordnungen auch «aktiv gelebt» und deren Inhalte «konsequent eingefordert werden» müssten. Generell sehen sie Vollzugsprobleme, da Kontrollen aufwendig und schwierig seien. Und oft brauche es gar keine Bewilligung, um ein Stück Grünfläche unter Schottersteinen zu begraben. Dass die heute schon bestehenden Vorschriften in der Tat oft gar nicht zur Anwendung kommen, wird von Stimmen aus der Branche bestätigt. Eine Ursache des Schotter-Trends sei, «dass Gemeinden ihre Vorschriften, Grünzonen zu erhalten, kaum durchsetzen», sagt Gartenbauer Alain Diepold im «G-Plus».

Eine Verschärfung dieser Vorschriften könnte überdies vielerorts daran scheitern, dass Eingriffe in private Eigentumsrechte hierzulande verpönt sind. In der Studie der Stiftung Landschaftsschutz ist denn auch umso mehr Raum der «Sensibilisierung» der Eigentümer gewidmet. Hier verortet man mannigfaltige Ansätze, sowohl für die öffentliche Hand als auch für Fachverbände, Gartenbauer und Architekten. Vorgeschlagen wird etwa, Kampagnen mit «Schockbildern» als Provokation zu lancieren.

Der Schweizer macht, was auch der Nachbar macht.

Solche Kampagnen wären vielleicht sogar in der Lage, Kettenreaktionen auszulösen. Denn, auch das wird in der Studie angetönt: Die «gesellschaftliche Anpassung» hat auf das Verhalten der Grundstückeigner einen besonders hohen Einfluss. Oder anders gesagt: Am ehesten macht der Schweizer noch immer das, was auch der Nachbar macht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.03.2017, 08:11 Uhr

Artikel zum Thema

Was ist bloss aus den Gartenzwergen geworden?

Bildstrecke Die Gärten, die an der Giardina in der Messe Zürich heuer gezeigt werden, sind üppig und wunderschön. Doch etwas fehlt. Mehr...

Auto hebt ab und landet im Garten

Der eine im Mercedes, der andere im Jaguar: Im Kanton Aargau ereigneten sich zwei spektakuläre Unfälle. Die Fahrer erlitten nur leichte Verletzungen. Mehr...

Nächstes Jahr mache ich im Garten alles besser

Kolumne Gute Vorsätze gegen aggressive Schnecken und Monsunregen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Tingler Aufklärung und Fadenlifting
Geldblog Wertschriften brauchen Sitzfleisch
Von Kopf bis Fuss Amber Heards Karambolage-Kleid

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Winterpause: Olaf Niess und sein Team haben die Schwäne auf der Hamburger Alster eingefangen, um sie in ihr Winterquartier zu bringen. (20.November 2018)
(Bild: Fabian Bimmer) Mehr...